12.12.2021

Diversity Diary: Im Zeichen der Sonne

13. Dezember: Lucia-Fest

 

In Skandinavien feiern die Menschen heute das Luciafest. Der 13. Dezember ist der Gedenktag der heiligen Lucia, die um 283 n. Chr. in Syrakus/Italien gelebt hat und als Märtyrerin gestorben ist, nachdem sie versteckte Christ*innen in den römischen Katakomben mit Lebensmitteln versorgt hat. Um die Hände frei zu haben, soll sie den Weg mit einem Kerzenkranz auf dem Kopf beleuchtet haben. Das Fest hat aber auch noch eine andere Tradition: „Lucia“ bedeutet auf deutsch „die Leuchtende“. Das Fest symbolisiert die Wiederkehr des Lichts, denn vor der Einführung des gregorianischen Kalenders fiel die Wintersonnenwende nicht auf den 21., sondern bereits auf den 13. Dezember. 

Am Morgen des Luciafestes verkleiden sich die Kinder und bilden eine Prozession mit Gesang. Ein Mädchen – in der Familie traditionell die älteste Tochter – spielt die Rolle der „Lussibruden“, der Luciabraut. Sie trägt ein langes weißes Kleid und auf dem Kopf einen Kranz mit Kerzen. Ihr folgen die Tärnor, weitere Mädchen in weißen Kleidern, die Kerzen tragen und singen. Jungen stellen Sternsinger oder Pfefferkuchenmänner dar. In der Familie bringt die Luciabraut auf diese Weise morgens ihrer Familie das Frühstück ans Bett; zu Lucia werden aber auch Pfefferkuchen und besonderes Gebäck, die „Lussekatter“, weiche S-förmige Safranbrötchen, verteilt. 

Das Luciafest wird aber auch  in Schulen, Büros, in Kirchen und an öffentlichen Plätzen gefeiert; auch im Fernsehen werden Luciaumzüge übertragen. In vielen Dörfern und Städten werden die Luciabräute heute aufwändig ausgewählt und öffentlich gekrönt.

 

16. Dezember: Nationalfeiertag in Kasachstan

 

Auf Hunger folgt Sonne

 

Eine gelbe Sonne und ein Adler auf blauem Grund zieren die Nationalflagge von Kasachstan, dem Herkunftsstaat von 307 Frankfurter*innen. Der zentralasiatische Staat, mit rund 2,7 Millionen Quadratkilometern der größte Binnenstaat der Welt, feiert am 16. Dezember seinen Nationalfeiertag. An diesem Tag erklärte Kasachstan 1991 seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Mehr als 70 Jahre hatte die kommunistische Herrschaft bis dahin gedauert. Zwangskollektivierung und Planwirtschaft brachten zwar einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub mit sich, bedeuteten für die Bevölkerung jedoch auch Hungersnöte, Enteignungen, Massendeportationen und Unruhen. Erstes Staatsoberhaupt des unabhängigen Kasachstans wurde Nursultan Nasarbajew, der das Präsidentenamt fast 30 Jahre lang innehatte. Zu seinen Ehren wurde Astana, das 1997 anstelle von Almaty zur Hauptstadt proklamiert worden war,  2019 in „Nursultan“ umbenannt. Nasarbajew etablierte ein autoritäres Regime, das Oppositionelle verfolgte und unterdrückte, keine Pressefreiheit zuließ und weitgehend in den Alltag der Kasach*innen eingriff. Infolge der schlechten Wirtschaftslage 2019 trat Nasarbajew als Präsident zurück, behielt jedoch auf Lebenszeit den Vorsitz im Sicherheitsrat, der ihm weitgehende Mitbestimmungsrechte über wichtige Ämter im Land sichert sowie den verfassungsrechtlich verankerten Status als „Führer der Nation“. Seine Partei „Nur Otan“ ist nach wie vor die führende Partei im Unterhaus. Das Unterhaus mit 107 Abgeordneten bildet mit dem 47-köpfigen Senat das Parlament Kasachstans. Mit „Ruchanijat“ gab es in Kasachstan bis 2013 auch eine GRÜNE Partei, die allerdings an der für den Einzug in das Parlament erforderlichen 7-Prozent-Hürde scheiterte und schließlich mit der Demokratischen Partei Kasachstans „Adilet“ fusionierte. 

 

Reichtum auf Kosten der Umwelt

 

Zwischen Wolga und Altaigebirge zeichnet sich Kasachstan vor allem durch seine vielfältige Landschaft mit Wüsten (die rund die Hälfte der Landesfläche einnehmen), Steppen, Wäldern, Seen, Flüssen und Bergen aus. Das Klima ist kontinental, das heißt durch große Temperaturunterschiede geprägt: Im Winter fallen die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad, im Sommer kann es bis zu 40 Grad heiß werden. Die Artenvielfalt des Landes ist in 16 Nationalparks und Naturschutzgebieten geschützt. Seit in den 90er Jahren in der kasachischen Steppe die größten Erdölreserven der letzten 30 Jahre entdeckt wurden, wird die Fördermenge konsequent gesteigert. In der Folge ist Kasachstan heute zwar das reichste Land Zentralasiens, für die Umwelt bedeutet der Rohstoffabbau jedoch eine große Bedrohung. Hinzu kommen die Folgen der Nuklearversuche in der Sowjetzeit sowie der damaligen Pläne, das Wasser aus dem Aralsee zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen abzuleiten. Heute droht der Aralsee auszutrocknen, der Salzgehalt im Boden in der Luft führt zu Bodenerosion und gesundheitlichen Schäden. Im aktuellen Klimaschutzindex belegt Kasachstan von 62 Staaten Platz 55. 

 

Zwischen Islam und Nomadentum: Alltag und Kultur in Kasachstan

 

Mit nur sieben Einwohner*innen pro Quadratkilometer gehört Kasachstan zu den am dünnsten besiedelten Staaten der Welt. Die Bevölkerung teilt sich in mehr als 50 Ethnien, deren größte die Kasachen und die Russen sind. In Kasachstan lebt auch eine deutsche Minderheit, die während der Stalinzeit aus anderen Teilen Russlands zwangsumgesiedelt worden war. Viele sind jedoch seit den 80er Jahren nach Deutschland ausgewandert. In Termitau gibt es ein deutsches Theater. 

Seit der Unabhängigkeit ist Kasachisch neben Russisch offizielle Amtssprache, obwohl vor allem im Alltag noch das Russische dominiert. Die Schriftsprache wird derzeit vom kyrillischen auf das lateinische Alphabet umgestellt. In Schulen findet der Unterricht je nach Region auf Kasachisch, Russisch, Usbekisch, Uigurisch, Tadschikisch oder an je einer Schule auch auf Ukrainisch und Deutsch statt.  Alle Kinder besuchen in Kasachstan zunächst eine kostenlose Vorschule und wechseln anschließend auf die Mittelschule, welche die Klassen 1 – 11 umfasst. 

Wie alle anderen Mitglieder der UdSSR war Kasachstan in der Sowjetzeit ein atheistischer Staat. Heute bekennen sich rund 70 Prozent der Kasach*innen zum Isam und 26 Prozent zum russisch-orthodoxen Christentum. Die Feiertage beider Religionen sind in Kasachstan arbeitsfrei. 

Dass die Kasachen jahrhundertelang ein Nomadenvolk waren, prägt Kultur und Mentalität bis heute. Die Naturverbundenheit der Nomad*innen führt bis heute dazu, dass absolute Pünktlichkeit für Kasach*innen nicht die oberste Priorität genießt. Und obwohl Status und Wettbewerb in der Gesellschaft wichtige Werte sind, ist das Denken weniger individualistisch ausgeprägt als hierzulande. Das zeigt sich beispielsweise im Sport: Am beliebtesten sind die klassischen Teamsportarten Fußball und Eishockey. Die Kunst, ist eher durch temporäre Ausdrucksformen wie Musik und Theater geprägt. Traditionelle kasachische Musik wird oft mit Zupfinstrumenten, wie der zweisaitigen dobra, und der Maultrommel intoniert. 

Die kasachische Küche hat zentralasiatische und slawische Einflüsse. Auf den Tisch kommt viel Fleisch, vor allem Hammel oder Pferd. Das Nationalgericht ist Beschbarmaq, gekochtes Hammel- oder Pferdefleisch, das in hauchdünne Teigfladen gefüllt und aus der Hand gegessen wird. Beliebt sind auch Manti, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen und das Reisgericht Palau, das mit Hammelfleisch und Mohrrüben zubereitet wird. Nationalgetränk ist Qymys, ein Getränk aus gegorener Stutenmilch. 

Zum Weiterlesen:

Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan. Hamburger Edition, Hamburg 2014. ISBN 978-38868542776. Dokumentiert das Schicksal der Nomad*innen während der Sowjetzeit. 

Zum Weiterschauen:

Ayka (2018), erzählt von einer kasachischen Frau, die in armen Verhältnissen ihr Kind aufzieht. Abrufbar bei Apple TV.

 

17. Dezember: Ezidfest der Jesiden

 

Auch bei den Jesid*innen spielt die Wintersonnenwende eine große Rolle: Das Ezid-Fest, das in diesem Jahr auf den 17. Dezember fällt, ist eines der wichtigsten Feste des Jahres. Während der drei Wochen vor der Sonnenwende fasten die Jesid*innen jeweils von Dienstag bis Donnerstag; freitags wird das Fasten gebrochen. Am ersten dieser Freitage wird das Sesims-Fest, am zweiten das Xwedan-Fest und am dritten schließlich das Ezid-Fest zu Ehren Gottes gefeiert. Es ist ein fröhliches Fest im Kreise von Familie, Freunden und Nachbarn, bei dem gesungen, getanzt und natürlich gut gespeist wird. 

Das Jesidentum ist hauptsächlich in der Türkei, im Nordirak und in Nordsyrien verwurzelt. Angebetet wird der Engel „Tausī Melek“, der aus Gottes Licht geschaffen und an der Schöpfungsgeschichte beteiligt gewesen sein soll. Symbolisiert wird der Engel durch einen blauen Pfau. Daneben werden die Sonne und verschiedene weitere Engel verehrt. Die Jesid*innen glauben an Wiedergeburt und Seelenwanderung. Himmel und Hölle als jenseitige Orte sind ihnen unbekannt. Heilige Schriften gibt es im Jesidentum nicht – der Glaube wird mündlich weitergegeben. Dazu passt, dass es nicht möglich ist, sich zum Jesidentum zu bekehren – Jeside ist man von Geburt an. 

 



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