21.11.2021

Diversity Diary: Nach dem Krieg

22. November: Nationalfeiertag im Libanon

 

Unruhen im „Weißen Land“

 

Der Name „Libanon“ bedeutet übersetzt „weiß“ und stammt von den im Winter schneebedeckten Gipfeln des Gebirges, das sich von Nord nach Süd durch den ganzen Staat erstreckt. Der heutige Staat Libanon entstand nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches zunächst unter französischem Völkerbundsmandat. Bis 1943 gehörte der Libanon zu Frankreich. Der Tag, an dem die erste freigewählte Regierung ins Amt trat – der 22. November 1943 wird bis heute als Unabhängigkeitstag gefeiert. 

Während der 50er und 60er Jahre durchlief der Libanon eine Phase politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Zu Beginn der 70er jedoch veränderte sich die Situation: Mehr und mehr rückte der Libanon ins Zentrum des Nahost-Konfliktes, pro- und antipalästinensische Bewegungen begannen einen Bürgerkrieg, der bis 1990 andauern sollte und 90.000 Todesopfer forderte. Aber auch in den Folgejahren wurde der Libanon immer wieder zum Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen israelischen und palästinensischen Truppen. Auch die Rolle Syriens, das nach dem Bürgerkrieg als Ordnungsmacht im Libanon fungierte, blieb umstritten. Nachdem 2005 der anti-syrisch eingestellte Premierminister Rafiq al-Hariri durch ein Attentat getötet wurde, eskalierte die Lage. Die sogenannte „Zedernrevolution“ forderte den Abzug der syrischen Truppen. Im Sommer 2006 kam es zum Krieg zwischen Israel und der antiwestlich geprägten schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon, der Teile des Landes massiv zerstörte und in den Folgejahren immer wieder zu sozialen Unruhen führte.

 

Politik: religiös paritätisch

 

Nicht nur die soziale, sondern auch die politische Lage ist aufgrund der schwelenden Konflikte instabil. Immer wieder wurden hochrangige Politiker*innen ermordet oder mussten – wie zuletzt die Regierung Diab nach der Explosionskatastrophe in Beirut im August 2020 – zurücktreten. Der Libanon ist eine parlamentarische Demokratie mit einem auf sechs Jahre gewählten Staatsoberhaupt und einem Parlament mit 128 Abgeordneten. Sowohl die Besetzung der höchsten Staatsämter als auch die Zusammensetzung des Parlamentes erfolgen gemäß der Verfassung nach dem Prinzip der konfessionellen Parität. So muss das Staatsoberhaupt maronitischer Christ sein, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim, der Regierungschef sunnitischer Muslim und der Oberbefehlshaber der Armee wiederum Christ. Auch die Parlamentsfraktionen setzen sich aus Vertreter*innen von insgesamt elf Glaubensrichtungen zusammen. Daneben teilt sich die Parteienlandschaft in eine pro- und eine antiwestliche Koalition. Mit der Green Party of Lebanon gibt es auch eine GRÜNE Partei, die jedoch nicht im Parlament vertreten ist. 

 

Klimaschutz: Nicht gerade Prio 1

 

Nicht nur aus diesem Grund genießt der Klimaschutz im Libanon nicht die höchste Priorität, obwohl dies dringend nötig wäre: Der Libanon liegt in einer Region, in der der Klimawandel deutlich spürbar ist. In den letzten 125 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Beirut um 2,9 Grad angestiegen, auch nimmt die Trockenheit zu. Nicht nur die Landwirtschaft, auch die berühmten Zedernwälder Libanons sind hierdurch bedroht. Mehr als die Hälfte der Treibhausgase stammt durch Energie- und Stromerzeugung. 

Auch wenn sich der Staat aktiv um Klimaschutzmaßnahmen bemüht, behindern wirtschaftliche Interessengruppen, fehlende Gesetzgebung und nicht zuletzt die instabile politische und wirtschaftliche Lage die Umsetzung. Auch in der Bevölkerung ist die Klimabewegung noch klein – zu präsent sind die anderen vorherrschenden Probleme. 

 

„Savoir Vivre“ unter der Zeder

 

Der Libanon gehört zu den 20 Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt: 6,9 Millionen Einwohner*innen drängen sich auf einer Fläche, die mit 10.500 Quadratkilometern etwa halb so groß ist wie Hessen. Knapp die Hälfte von ihnen lebt in der Hauptstadt Beirut. Seit 2011 suchten zudem etwa 1,5 Millionen Syrier*innen Schutz im Libanon. Dies führte an vielen Stellen zu hohen Belastungen der Infrastruktur, etwa im Schulwesen und der Krankenversorgung. 

Der größte Teil der Bevölkerung bekennt sich zum Christentum (geschätzt etwa 39 Prozent) und zum Islam (knapp 60 Prozent). Auch Konflikte zwischen Christ*innen und Muslim*innen werden als Ursache für den langjährigen Bürgerkrieg gesehen. Im Libanon sind sowohl muslimische als auch christliche Feiertage für die gesamte Bevölkerung arbeitsfrei. 

Vor allem in der Zeit des Osmanischen Reiches sind viele libanesische Christ*innen ausgewandert, auch zur Zeit des Bürgerkriegs verließen viele Menschen ihre Heimat und zogen vor allem nach Nordamerika, Lateinamerika und Frankreich. 125 Frankfurter*innen haben einen libanesischen Pass.  

Bis heute ist der Libanon stark französisch geprägt; neben der offiziellen Amtssprache Arabisch, ist Französisch nach wie vor Verkehrs- und Bildungssprache; die Hauptstadt Beirut bezeichnete man lange Zeit als „Paris des Nahen Ostens“ (auch wenn architektonisch der italienische Renaissance-Stil vorherrscht). Ähnlich wie in der französischen Hauptstadt ist das Leben quirlig, das kulturelle Angebot und das Nachtleben ausgeprägt und der Autoverkehr hoch. Und ähnlich wie die Französ*innen legen auch die Menschen im Libanon viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Savoir vivre auf arabisch sozusagen. 

Die Zeder, das Nationalsymbol des Libanon, ziert nicht nur die libanesische Flagge, sondern ist auch auf offiziellen Papieren abgebildet. 

Traditionell spielen Poesie und Malerei eine große Rolle in der libanesischen Kultur. Der bekannteste Tanz, der Dabke, darf auf Hochzeiten und Festen nicht fehlen. Der Wirbeltanz der Derwische ist nicht nur eine Touristenattraktion, sondern hat eine religiöse Bedeutung. 

Die libanesische Küche verarbeitet hauptsächlich Hülsenfrüchte, Reis, Bulgur, Fisch, Fleisch, Huhn, Nüsse, Oliven, Joghurt und Tahini. Die Gerichte sind fettarm und oft vegetarisch. Bekannte Gerichte sind Kibbeh, ein Gericht aus Bulgurklößen, der Kichererbensbrei Hummus und Taboulé, ein Salat aus Bulgur und Petersilie. Beliebt ist auch Fattousch, ein Salat, zu dem gebackenes libanesisches Brot gereicht wird. 

Die libanesische Küche könnt ihr in Frankfurt beispielsweise im Du Liban in der Weserstraße, im Restaurant Elrayyan des Hotels Jumairah am Thurn-und-Taxis-Platz oder zum Mitnehmen im Cedar Lebanese Streetfood im Nordwestzentrum probieren. Zum zweiten Mal fand im September ein libanesisches Kulturfestival im Künstlerhaus Mousonturm statt, das libanesischen Künstler*innen eine Plattform bot. Der Libanesische Kulturverein in Frankfurt bietet außerdem Gelegenheit, kulturelle Gepflogenheiten des Landes kennenzulernen.

 

Zum Weiterlesen:

Rabih Alameddine, Eine überflüssige Frau. Louisoder Verlag, München 2016. ISBN 978-3944153308. Erzählt von Lebenserinnerungen einer alten Dame in Beirut. 

Pierre Jarawan, Am Ende bleiben die Zedern. Berlin Verlag, Berlin 2016. ISBN 978-3827013026. Schildert das Schicksal einer Familie vor dem Hintergrund der aktuellen Zeitgeschichte des Libanons.

 

Zum Weiterschauen:

Capernaum – Stadt der Hoffnung (2018). Preisgekröntes Drama über einen libanesischen Jungen, der seine Eltern dafür verklagt, dass sie ihn geboren haben. Abrufbar bei Amazon Prime.

Libanon: Krisenstaat am Abgrund. Dokumentation über die aktuelle wirtschaftliche, politische und soziale Lage im Libanon. Abrufbar in der ARTE Mediathek

 

In Frankfurt:

Elrayyan, Thurn- und Taxis-Platz 2, Frankfurt-Innenstadt

Du Liban, Weserstr. 17, Frankfurt-Bahnhofsviertel

Cedar Lebanese Streetfood, Tituscorso 3a, Frankfurt-Nordweststadt

Libanesischer Kulturverein, Sandweg 66, Frankfurt-Nordend

 

 

25.November: Nationalfeiertag in Bosnien-Herzegowina

 

Junger Staat mit Konflikten

 

Zwischen Serbien, Kroatien und Montenegro liegt der Doppelstaat Bosnien-Herzegowina, der am 25. November seinen Nationalfeiertag begeht: An diesem Tag wurde 1943 die Volksrepublik als Teil Jugoslawiens ausgerufen.

Das heutige Bosnien-Herzegowina ist ein junger Staat: Erst 1995 entstand er als Zusammenschluss der Föderation Bosnien, der Herzegowina und der Republik Srpska. Zuvor hatten sich Serb*innen, Bosniaken und Kroat*innen jahrelang bekriegt: Die serbische Bevölkerung hatten das Referendum, mit dem am 01. März 1991 der Austritt aus der Republik Jugoslawien beschlossen wurde, nicht anerkannt und in den von ihnen kontrollierten Gebieten einen eigenen Staat, die „Serbische Republik Bosnien und Herzegowina“ gegründet. Der daraufhin folgende Bürgerkrieg dauerte drei Jahre und forderte 100.000 Todesopfer. 

Auch heute noch sind die Konflikte um die Zukunft des Staates nicht beigelegt: Während die Bosniaken eine Zentralisierung des Staates befürworten, streben die Kroat*innen und die serbische Bevölkerung der Srpska nach mehr Eigenständigkeit. Bis heute sind rund 1000 ausländische Soldat*innen in Bosnien-Herzegowina stationiert und der Deutsche Christian Schmidt übt derzeit als „Hoher Repräsentant“ der Internationalen Gemeinschaft einen Teil der Staatsgewalt aus. 

Das Staatsgebiet, das zu 20 Prozent die Herzegowina im Süden und zu 80 Prozent Bosnien im Norden umfasst, gliedert sich in 10 Kantone und die Republik Srpska mit jeweils eigener Legislative und Exekutive. Auf gesamtstaatlicher Ebene gibt es ein Zwei-Kammern-Parlament mit 42 Sitzen, das - ebenso wie das Staatspräsidium, das aus jeweils einem bosniakischen, einem serbischen und einem kroatischen Mitglied besteht – alle vier Jahre gewählt wird.

Die Parteien sind nach Volksgruppen zersplittert; es gibt auch eine GRÜNE Partei, die 2004 gegründet wurde. 14 Parteien sind derzeit im Parlament vertreten; über ein halbes Jahr zog sich die Regierungsbildung nach den letzten Wahlen 2018 hin. Führende Partei ist derzeit die konservative Stranka demokratske akcije (SDA)

Seit 2010 ist Bosnien-Herzegowina Beitrittskandidat für die NATO und die EU. Bis heute ist der Euro (neben Kuna und dem serbischen Dinar) nur inoffizielles Zahlungsmittel; offiziell gilt die Konvertible Mark, deren Wert genau dem der früheren D-Mark entspricht. Vor allem die Coronakrise hat der bosnischen Wirtschaft erheblich zugesetzt: Die Menschen übten sich in Zurückhaltung beim Konsum, die Grenzen waren geschlossen, die Tourist*innen blieben aus. Mit 25 Prozent hat Bosnien-Herzegowina eine der höchsten Arbeitslosenquoten Europas. Viele Menschen verlassen daher das Land. In Frankfurt sind 6.285 Menschen mit bosnischem Pass zu Hause. 

 

Blaues Herz – bedroht

 

Bosnien-Herzegowina liegt im Westen des Balkans, im Blauen Herz Europas: Die naturbelassenen Flusslandschaften und der Perućica-Urwald, der einer der beiden letzten verbliebenen europäischen Urwälder Europas ist, sorgen für eine hohe Biodiversität. Insgesamt 60 Prozent der Landesfläche sind von Wald bedeckt. Die Landschaft ist größtenteils gebirgig, im Süden hat Bosnien-Herzegowina auch Anteil an der Adria-Küste. In der Gebirgsregion liegen die großen Städte, unter anderem die Hauptstadt Sarajewo. Während dort das Thermometer im Winter bis auf minus 20 Grad fallen kann, sind die Sommer heiß und trocken. Steigende Hitze und ausbleibende Niederschläge machen den Klimawandel auch in Bosnien-Herzegowina deutlich spürbar; vor allem der komplizierte Staatsaufbau erschwert jedoch eine einheitliche Klimapolitik. Erst im Mai 2007 hat der Saat das Kyoto-Protokoll unterzeichnet. 

 

Sevdalinka und Slivovic einen die Religionen

 

Die Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas ist divers: Bosniaken, Kroaten und Serben sind offiziell gleichberechtigt, alle drei Sprachen sind de facto Amtssprachen. Während sich Serbisch, Kroatisch und Bosnisch für ausländische Ohren kaum unterscheiden lassen, da sie mehr Dialekte einer einzigen serbokroatischen Sprache sind, bestehen deutliche Unterschiede im Schriftbild: Das Serbische bedient sich überwiegend der kyrillischen Schrift, Kroatisch wird ausschließlich in lateinischen Buchstaben geschrieben, das Bosnische verwendet beide Schriftarten. 

Für die Identität der Bosnier*innen spielt weniger die ethnische Zugehörigkeit, als vielmehr die Religion die entscheidende Rolle: Rund die Hälfte der 3,5 Millionen Einwohner*innen  - die Bosniaken - bekennen sich zum muslimischen Glauben, die andere Hälfte – etwa 31 Prozent orthodoxe Serben und 15,5 Prozent katholische Kroaten -  überwiegend zum Christentum. In der Folge werden die Feiertage beider Religionen von der gesamten Bevölkerung begangen. Besonders groß wird der Neujahrstag gefeiert: Nicht nur der erste, sondern auch der zweite Januar sind als nationale Feiertage arbeitsfrei. Und da die serbisch-orthodoxen Christ*innen das Neujahrsfest 13 Tage später feiern, setzen sich die Feierlichkeiten am 13. Januar fort. Auch der Tag der Arbeit im Mai wird gebührend begangen, auch hier ist nicht nur der erste, sondern auch der zweite Mai ein Feiertag. 

Die traditionelle Musik Bosnien-Herzegowinas, Sevdalinka, ist von osmanischer und Musik der Sinti und Roma beeinflusst. Der von der jüngeren Bevölkerung bevorzugte Musikstil, nerodna muzika, vereint jugoslawische Volksmusik, Pop und Techno. Erleben könnt ihr die bosnische Kultur in Frankfurt bei Veranstaltungen des Bosniakischen Kulturzentrums oder des deutsch-bosnisch-herzegowinischen Kulturvereins Sevdah. 

Typische Gerichte des Landes sind Bosanski Lonac, ein Eintopf mit Fleisch und Gemüse oder Cevapi (gegrillte Hackfleischröllchen). Dazu wird Pita-Brot gereicht. Eine beliebte Nachspeise ist Lokum (Türkischer Honig). Nach dem Essen darf zur Abrundung ein Slivovic nicht fehlen – das ist ein Schnaps, der aus Pflaumen gewonnen wird. Diese und andere Spezialitäten könnt ihr beispielsweise im „Bosna Grill“ in Seckbach probieren.

 

Zum Weiterlesen:

Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina, Zsolnay 2011, ISBN 978-3-552-05523-0, erzählt die Geschichte des Landes über vier Jahrhunderte bis ins 20. Jahrhundert

 

Zum Weiterschauen:

No Man´s Land (2001), erzählt von der Absurdität des Krieges aus Sicht eines serbischen und zweier bosnischer Soldaten

 

In Frankfurt:

Bosna Grill, An der Festeburg 20, Frankfurt-Seckbach

Bosniakisches Kulturzentrum, Mainzer Landstr. 125, Frankfurt-Gallus

Deutsch-Bosnischer Kulturverein Sevdah, Walter-Hesselbach-Str. 212, Frankfurt-Bornheim

 



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