07.11.2021

Diversity Diary: Alle Menschen werden Brüder…

11. November: Dzieri Niepodleglości in Polen

 

Von der europäische Wiege der Demokratie…

 

Polen ist das Land, in dem die erste moderne Verfassung Europas niedergeschrieben wurde. 1791 war das – und Polen, damals als Königliche Republik Polen-Litauen, eines der größten und einflussreichsten Länder Europas.

Nur zwei Jahre später teilten Russland, Preußen und Österreich den polnischen Staat unter sich auf. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges verschwand Polen völlig von den Landkarten Europas. Am 11. November 1918 konstitutierte sich mit der Republik Polen wieder ein unabhängiger Staat. Der Tag wird heute als Unabhängigkeitstag gefeiert. Immer wieder wurden die Feierlichkeiten in den letzten Jahren von Ausschreitungen nationalistischer Gruppen überschattet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob das Potsdamer Abkommen die polnischen Grenzen nach Westen: Polen musste das östliche Drittel seines Staatsgebietes (u.a. die Städte Brest, Wilna und Lemberg) an die Sowjetunion abtreten. Dafür erhielt es die ehemals deutschen Gebiete östlich der Oder und Neiße. Die Grenzverschiebungen führten auf beiden Seiten zu Vertreibungen und Umsiedlungen. Erst 1970 erkannte die damalige Bundesrepublik die polnische Westgrenze an. 

Bis zum Zerfall der Sowjetunion gehörte Polen zum Warschauer Pakt und stand unter sowjetischem Einfluss. Die Gründung der Gewerkschaft Solidarność nach dem Besuch des (polnischstämmigen) Papstes Johannes Paul II. 1979 leitete den gesellschaftlich-politischen Umschwung ein, der in die Revolution von 1989 mündete. Im Juni 1989 fanden die ersten freien Wahlen in Polen statt.

Heute ist Polen eine parlamentarische Demokratie, deren Verfassung zahlreiche Elemente direkter Demokratie vorsieht. So können 100.000 Bürgerinnen und Bürger eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen; 500.000 Unterschriften sind für ein Referendum erforderlich. Das polnische Parlament besteht aus zwei Kammern, dem Sejm mit 460 Abgeordneten und dem Senat mit 100 Mitgliedern, die jeweils für vier Jahre direkt vom Volk gewählt werden. In beiden Kammern stellt derzeit die rechtspopulistische, europaskeptische PIS die Mehrheit, die auch den Präsidenten Andrzej Duda stellt (dieser ist zwischenzeitlich aus der PIS ausgetreten, steht ihr jedoch inhaltlich nach wie vor nahe). Mit der Partia Zieloni gibt es eine GRÜNE Partei, die bei den Parlamentswahlen 2019 mit drei Abgeordneten in den Sejm einziehen konnte.

 

…zum Verlust der Rechtsstaatlichkeit

 

Seit 2004 ist Polen Mitglied der Europäischen Union. Der zunehmend nationalistische und rechtskonservative Kurs der Regierungspartei verschlechtert das Verhältnis zur EU jedoch zunehmend. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Freiheitsrechte in Polen mit den Füßen getreten: Beispielsweise unterstützte die polnische Regierung im vergangenen Jahr Kommunen, die sich zu „LGBTIQ*-freien Zone“ erklärten, aus dem Staatshaushalt. Anfang des Jahres wurde das ohnehin bereits restriktive Recht auf Schwangerschaftsabbruch nochmals verschärft. Seither sind Abtreibungen mit wenigen Ausnahmen verboten. 2018 errichtete die Regierung eine Disziplinarkammer der Justiz, die Richter*innen und Staatsanwält*innen suspendieren, maßregeln und auch entlassen kann. Obwohl die EU entschied, dass derartige Kammern gegen die Überparteilichkeit der Justiz und damit gegen EU-Recht verstoßen, hält Polen bislang an der Einrichtung fest. Um den Druck zu erhöhen, verurteilte die EU den polnischen Staat zur Zahlung von einer Million Euro – und zwar für jeden Tag. Die GRÜNE Bundestagsfraktion appelliert an die EU, zudem die Gelder aus dem Corona-Hilfsfonds so lange zurückzuhalten, bis Polen die Rechtsstaatlichkeit garantiert. Auch wenn das Verhältnis zwischen polnischer Regierung und EU angespannt ist, begrüßen 88 Prozent der polnischen Bevölkerung die EU-Mitgliedschaft ihres Landes.  

 

Steuerparadies an Oder und Neisse

 

Seit dem Ende des Sozialismus hat sich die polnische Wirtschaft stabil entwickelt. Das Land liegt gemessen am BIP an 22. Stelle der Welt. Als einziges europäisches Land rutschte Polen nach der Finanzkrise 2008 nicht in eine Rezession. Dabei sind die Steuern in Polen im europäischen Vergleich ausgesprochen niedrig: Der Spitzensatz der Einkommenssteuer liegt lediglich bei 32 Prozent; eine Gewerbesteuer gibt es ebenso wenig wie eine Kirchensteuer, einen Solidaritätszuschlag oder eine Vermögenssteuer. Die Mehrwertsteuer ist im Vergleich zu Deutschland mit 23 Prozent höher, allerdings gibt es mehr Ermäßigungen – auf einige Produkte wird überhaupt keine Mehrwertsteuer erhoben. Noch immer bildet die Landwirtschaft einen wesentlichen Wirtschaftszweig. Vor allem Holzmöbel werden aus Polen exportiert. 

Auch der Tourismus hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftssektor entwickelt. Bedeutende Reiseziele sind neben der Hauptstadt Warschau und der ehemaligen Hauptstadt Krakau auch die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Über einhundert Schlösser und Burgen aus dem Mittelalter sind erhalten und können besichtigt werden. Beliebt ist Polen auch als Ziel von Badeurlaber*innen und Wanderfreund*innen. Hier bieten die Nationalparks und die Gebirge lohnende Routen. Letztere sind auch Anziehungspunkt für den Skitourismus. 

 

Sehnsuchtsziel Energiewende

 

Mit 9300 Seen gehört Polen zu den Ländern mit den meisten Binnengewässern der Welt. 

Auch die Biodiversität ist in Polen so hoch wie sonst nirgends in Europa. In Polen leben noch Tiere, die in anderen Teilen der EU bereits ausgestorben sind, zum Beispiel der Braunbär. 

Rund 30 Prozent der Landesfläche sind mit Wäldern bedeckt, durch Aufforstung nimmt diese Fläche stetig zu. Bis 2050 – so der Plan der polnischen Regierung – soll der Waldanteil 33 Prozent betragen. Mehr als ein Prozent der Landesfläche wird in insgesamt 23 Nationalparks geschützt – damit ist Polen europaweit führend. 

Nicht führend ist Polen in puncto Energiewirtschaft. Noch immer wird in unserem Nachbarland die Energie hauptsächlich aus Kohleverstromung gewonnen. Aus wirtschaftlichen Gründen befürworten Teile der Regierung die Beibehaltung konventioneller Energie, auch wenn Polen mehr als eine Milliarde Euro in das nationale Klimaschutzprogramm „Saubere Luft“ investiert, um vor allem in den großen Städten den Smog zu bekämpfen. Nach einer aktuellen Befragung wünschen sich vier von fünf Polinnen und Polen eine Energiewende – dies ist der höchste Zustimmungswert in ganz Europa.  Im aktuellen Klimaschutzindex, der die Klimaschutzbemühungen von 61 Ländern misst, belegt Polen Platz 48. 

 

Polonaise, Piroggen und religiöse Bräuche – Alltag und Kultur in Polen

 

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte Polen die größte jüdische Gemeinde weltweit. Doch der Einmarsch der Nazis brachte die Shoa auch nach Polen: In Warschau und anderen großen Städten zwangen die Nazis die jüdische Bevölkerung in Ghettos. Von dort wurden sie in Vernichtungslager transportiert, darunter Auschwitz, Treblinka und Sobibor. Von ehemals rund 3,5 Millionen Jüdinnen und Juden überlebte nur rund jede*r Zehnte. Heute leben in Polen geschätzt noch 4.500 Menschen jüdischen Glaubens. Vor allem in den letzten Jahren nehmen antisemitische Haltungen in der polnischen Bevölkerung immer mehr zu.

Die meisten Pol*innen bekennen sich zur katholischen Kirche; zweitgrößte Religionsgemeinschaft ist die polnisch-orthodoxe Kirche. 

Religion spielt im polnischen Brauchtum eine große Rolle, so werden die religiösen Feiertage mit vielen regionalen Bräuchen begangen. An polnischen Straßen und Wegen findet man vielerorts kleine Kapellen. Traditionen knüpfen sich auch an die Jahreszeiten, so legen junge Frauen beispielsweise in der Nacht der Sommersonnenwende Kränze ins Wasser, um sich dadurch die Zukunft vorhersagen zu lassen. Zur Frühlings-Tag- und Nachtgleiche wird mit dem Verbrennen der Marzanna- oder Morena-Puppe der Winter ausgetrieben. Während bei den Kindern traditionelle Geburtstagsfeiern beliebt sind, feiern Erwachsene ihren Namenstag weitaus größer als den Geburtstag. 

Die kommunistische Politik der Zwangsumsiedlung und Assimilierung trug dazu bei, dass die polnische Bevölkerung auch in ethnischer Hinsicht nahezu homogen ist. Die Rechte von Minderheiten sind seit 2005 verfassungsrechtlich geschützt. Zu ihnen gehört, vor allem in Schlesien und Masuren, auch eine deutsche Minderheit. 

Die Geschichte Polens resultiert in einer sehr vielfältigen Kultur. Polen hat eine lange Tradition in der klassischen Musik: 1628 wurde in Warschau die erste Oper außerhalb Italiens aufgeführt. In der Barockzeit entstand die Polonaise als höfischer Tanz; in der bäuerlichen Gesellschaft tanzte man Polka. Der bekannteste polnische Komponist ist Frédéric Chopin, der 1810 in Zelazowa Wola zur Welt kam. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum. 

Die wechselvolle Geschichte Polens spiegelt sich auch in der Vielfalt der heimischen Küche wieder. International bekannt sind die Krakauer Würste. Weniger bekannt ist, dass auch der vor allem Nordamerika beliebte Bagel ursprünglich aus Polen stammt. Nationalgerichte Polens sind Piroggen (gefüllte Teigtaschen), Bigos, ein Eintopf aus Wurst und Sauerkraut und Zrazy, eine Art Rinderroulade. Mit „Kompot“ bezeichnet man in Polen nicht eingelegtes Obst, sondern ein Getränk, das aus eben diesem Obst hergestellt wird. Wodka ist in Polen Nationalgetränk, aber auch der Weinbau wird immer beliebter. 

In Frankfurt könnt ihr die polnische Küche im Restaurant Nussbaum am Schwanheimer Ufer oder im „Goldenen Engel“ in Bergen probieren. Polnische Lebensmittel und Spezialitäten erhaltet ihr bei Wiejska Chata in oder bei Wika in Bockenheim. Im Rhein-Main-Gebiet bilden polnischstämmige Menschen nach den Türk*innen die zweitgrößte Gruppe von Migrant*innen. 12.116 Frankfurter*innen haben einen polnischen Pass. Seit 1991 unterhält Frankfurt eine Städtepartnerschaft mit Krakau. 

 

Zum Weiterlesen:

Bogdan Wojdowskim, Brot für die Toten. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. ISBN 978-3835338173. Erzählt vom Warschauer Ghetto.

Tomasz Jedrowski, Im Wasser sind wir schwerelos. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021. ISBN 978-3455011173. Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Homosexuellen im Polen der frühen 80er Jahre. 

 

Zum Weiterschauen:

Der Pianist (2004). Drama um einen Klavierspieler, der das Warschauer Ghetto überlebt. Abrufbar bei Amazon Prime.

Polen- Land der Kontraste (2020) – Dokumentation über die Vielfalt Polens in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht. In der ARD-Mediathek.

 

In Frankfurt:

Wiesjka Chata, Starkenburger Str. 56, Frankfurt-Fechenheim

Polnische Spezialitäten Wika, Leipziger Str. 66, Frankfurt-Bockenheim

Nussbaum, Schwanheimer Ufer 150, Frankfurt-Schwanheim

Zum Goldenen Engel, Marktstr. 60, Frankfurt-Bergen

 

12. November: Geburtstag des Baha´ulla

 

Was für uns Weihnachten ist, ist für die Bahá ´i der Geburtstag des Baha´ullah am 12. November. Der Stifter der Bahá´i Religion, mit bürgerlichem Namen Mirza Husayn-Ali, kam im Jahr 1817 in Teheran zur Welt. Er wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren; sein Vater war Staatsminister. Mirza entschied  jedoch, sich nicht der Politik, sondern der Wohltätigkeit zu widmen.  Er schloss sich zunächst der Babi-Bewegung an, einer religiösen Gemeinschaft, die sich für soziale Reformen einsetzte und deshalb von der Regierung verfolgt wurde. Auch der junge Mirza wurde verhaftet und musste schließlich ins Exil gehen. Hier entwickelte er die religiösen Grundlagen der Bahaí und nannte sich fortan „Baha´ullah“ – das bedeutet „die Herrlichkeit Gottes“. Die Bahai glauben an einen allwissenden und transzendenten Gott, der mit dem menschlichen Verstand nicht begriffen werden kann. Die Welt verstehen sie als ein grenzenloses Land, dessen Bewohner*innen als Weltbürger*innen alles gleichgestellt sind, egal, welcher Religion, Ethnie oder Nation sie angehören. 

Heute  bekennen sich über sechs Millionen Menschen in 230 Ländern zum Bahaiismus.  Nicht weit von Frankfurt entfernt, in Hofheim am Taunus befindet sich das „Haus der Andacht in Europa“ – das europäische Glaubenszentraum der Bahaí. 

Natürlich wird der Geburtstag des Baha´ullah auch dort gefeiert. Im Vordergrund stehen dabei nicht religiöse Rituale – denn die gibt es bei den Bahaí nicht – sondern das gesellige Zusammensein mit künstlerischen und kulturellen Darbietungen. 



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