30.10.2021

Diversity Diary: Der Sieg der Guten…

01. November: Tag der Revolution in Algerien

 

Vom Berberstaat zum Schlachtfeld der Islamisten

 

In der arabischen Landessprache heißt Algerien „al Dschaza-ir“, was so viel wie „die Inseln“ bedeutet. Dabei ist Algerien nicht einmal eine Halbinsel, auch wenn der Staat an das Mittelmeer grenzt, sondern liegt eingebettet zwischen Mauretanien, Marokko, Westsahara, Mali, Niger, Libyen und Tunesien. 

Ursprünglich war das Gebiet von berberischen Volksstämmen bewohnt und christlich geprägt. Einer der einflussreichsten Kirchenlehrer des frühen Christentums, der Heilige Augustinus, war Bischof in Hippo Regius, dem heutigen Annaba. Ab dem 07. Jahrhundert breitete sich der Islam in Algerien aus. 1519 geriet Algerien unter die Herrschaft des Osmanischen Reiches, unter der es mehr als 300 Jahre bleiben sollte. 1881 eroberten die Franzosen das Land. Während die europäischen Algerier*innen es sich in den Städten gut gehen ließen, verarmte die muslimische Bevölkerung zusehends. Am 01. November 1954 begann die algerische Befreiungsfront FLN, sich gegen die französische Kolonialmacht aufzulehnen. Am 05. Juli 1962 (der neben dem 01. November ebenfalls als Nationalfeiertag begangen wird) erlangte der nordafrikanische Staat schließlich die Unabhängigkeit. 

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich Algerien zu einer sozialistischen Volksrepublik, die de facto eine von der FLN geführte Diktatur war. 1988 kam es erneut zu einem Bürgerkrieg. In der Folge wurde eine neue demokratische Verfassung verabschiedet. Dennoch schwelte der Bürgerkrieg weiter. Auslöser war der Abbruch der Parlamentswahlen 1991/92, bei denen sich ein Sieg der Islamisten abzeichnete. In den folgenden Jahren forderte der Kampf zwischen Islamisten und algerischem Militär über 120.000 Todesopfer. Trotz Bemühungen um Waffenstillstand flammen die Unruhen bis heute immer wieder auf. Zuletzt führten Unruhen 2019 zum Rücktritt des Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, der mit Unterstützung des Militärs 20 Jahre lang über Algerien herrschte.

Seither hat Abdelmadjid Tebboune das Amt inne. Alle fünf Jahre wird der Präsident direkt vom Volk gewählt. Die Nationale Volksversammlung hat 462 Sitze; die Wahlperiode beträgt ebenfalls fünf Jahre. Daneben gibt es mit dem Rat der Nationen eine zweite Kammer, deren 96 Mitglieder für sechs Jahre gewählt werden. Im Februar kündigte der Präsident die Auflösung des noch unter seinem Vorgänger gewählten Parlamentes und vorgezogene Neuwahlen an. Aus diesen ging die FLN nach wie vor als stärkste Partei hervor. Mit der Parti écologie et liberté gibt es in Algerien eine GRÜNE Partei, die jedoch nicht im Parlament vertreten ist.

Auch wenn Algerien politisch zunehmend stabil ist, sind die Grundrechte in weiten Teilen eingeschränkt: So gilt in der Hauptstadt Algier ein Demonstrationsverbot, die Presse unterliegt einer Zensur. Menschenrechtsorganisationen berichten über Folter und Misshandlungen durch den Militärgeheimdienst. 

Trotz der angeprangerten Menschenrechtsverletzungen pflegt die EU mit Algerien enge Beziehungen. Seit 2005 gilt ein Assoziierungsabkommen. Vor allem mit Frankreich besteht eine enge Partnerschaft. 

 

Erneuerbare Energie für den Wüstenstaat

 

Nur rund 43 Millionen Einwohner*innen – also nur halb so viele wie in Deutschland -verteilen sich auf eine Staatsfläche, die mit 2,4 Millionen Quadratkilometern fast siebenmal so groß ist wie Bundesrepublik. Algerien ist der größte Staat Afrikas und der zehntgrößte der Welt. Der größte Teil des Landes – 85 Prozent der Fläche – wird allerdings von den heißen trockenen Sanddünen der Sahara eingenommen. Der Hauptteil der Bevölkerung lebt daher im Norden des Landes, dort wo das Mittelmeer für ein gemäßigtes Klima und fruchtbare Böden sorgt und wo die großen Städte wie die Hauptstadt Algier liegen. Von der Sahara im Süden des Landes ist der Küstenstreifen durch das Atlasgebirge getrennt. Im Sommer weht von Süden oft der Scirocco, ein trockener, staubbeladener Wind über die Berge. 

Dass die Küste Algeriens grün ist, täuscht nicht darüber hinweg, dass lediglich zwei Prozent der Landesfläche von Wald bedeckt ist. In den letzten Jahren versuchte die Regierung, die Ausbreitung der Wüste durch gezielte Aufforstungen zu begrenzen. Der Nationalpark Tassili n´Ajjer ist Weltnatur- und Weltkulturerbestätte der UNESCO. Gemeinsam mit dem deutschen Innenministerium und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit wurde im letzten Jahr ein Pilotprojekt in algerischen Gemeinden zur Reduktion des Energieverbrauchs und zum Ausbau erneuerbarer Energien gestartet. 

Die algerische Regierung fördert den Ausbau regenerativer Energien stark: 2011 ging in Algerien das weltweit erste Solar-Hybrid-Kraftwerk ans Netz. 

Diese sollen langfristig nicht nur zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen, sondern auch die algerische Wirtschaft sichern. Noch macht der Export von Erdöl und Erdgas 94 Prozent der algerischen Ausfuhrerlöse aus und sorgt für den (relativen) Reichtum des Landes, allerdings sinken die Einnahmen auch durch den wachsenden Eigenbedarf an Energie. 

 

Der Islam dominiert den Alltag und das Recht

 

In einer Zeitspanne von nur 90 Jahren hat sich die Bevölkerung Algeriens versiebenfacht. Jede*r vierte Einwohner*in ist heute unter 15 Jahren alt. 

Etwa 70 Prozent bezeichnen sich als Araber*innen – genau genommen sind fast alle berberischer Herkunft. Nach Ende des Bürgerkrieges 1962 kamen viele Geflüchtete aus dem Süden Afrikas nach Algerien, um dort zu arbeiten. Viele Algerier*innen wanderten jedoch auch aus. Geschätzt 2,3 Millionen Algerier*innen leben im Ausland. In Frankfurt sind 445 Menschen mit algerischem Pass zu Hause. Heute ist Algerien für Schutzsuchende aus Mali, Nigeria oder Gambia ein Transitland auf dem Weg nach Europa.

Die Berbersprachen (Tamazight) sind neben Arabisch offizielle Amtssprachen des Landes. Bildungs-, Handels- und Verkehrssprache ist weiterhin Französisch, auch die Rundfunk- und Fernsehprogramme werden teilweise auf Französisch ausgestrahlt. 

Ähnlich vielfältig wie die Sprachen ist auch die Kultur des Landes. 

99 Prozent der Algerier*innen bekennen sich zum sunnitischen Islam, der auch Staatsreligion ist. Der – trotz offiziellen Verbotes – immer noch starke Einfluss islamistischer Bewegungen führt dazu, dass der Islam das Rechtssystem und den Alltag der Bevölkerung in weiten Teilen dominiert. Vor allem die Frauen sind hiervon betroffen. In der Öffentlichkeit müssen Frauen sich – vor allem in den Städten – verschleiern. Es gilt die Scharia; das algerische Familienrecht diskriminiert Frauen an vielen Stellen. Weibliche Familienmitglieder sind in Algerien generell der männlichen Autorität – zunächst des Vaters, später des Ehemannes – unterstellt. Die Kinder werden oft von der Großmutter erzogen – oft ist die Distanz zu den Eltern so groß, dass die Kinder die Eltern sogar beim Vornamen nennen. Von klein auf müssen vor allem Mädchen im Haushalt helfen und auch ihre Brüder bedienen. Obwohl die Schulpflicht in Algerien für alle Kinder zwischen sechs und fünfzehn Jahren gilt, kann mehr als ein Viertel der Frauen und Mädchen nicht lesen und schreiben. 

Auch Homosexuelle werden in Algerien marginalisiert und verfolgt. Homosexualität ist verboten und kann unter anderem mit öffentlicher Steinigung belangt werden. 

Bis 2009 begann das Wochenende in Algerien nach islamischen Brauch am Donnerstag und endete am Freitagabend. Um im Vergleich mit den westlichen Unternehmen konkurrenzfähig zu bleiben, wurde statt dem Donnerstag der auf den freitäglichen Gebetstag folgende Samstag arbeitsfrei. 

Neben den religiösen und staatlichen Feiertagen finden lokale und jahreszeitliche Feste statt, die mit Umzügen, Tänzen und Musik gefeiert werden.

Während die arabisch-islamische Kultur den Alltag und das Rechtswesen prägt, sind Literatur, Malerei und Musik französisch-europäisch beeinflusst. Auch die Traditionen der Berbervölker prägen das kulturelle Leben. Bekannt sind die Kabylei für ihre Töpferwaren, der Souf für Messing-, Kupfer- und Teppichwebarbeiten, die Berber im Norden für ihre Lederverarbeitung und Silberschmuckherstellung und die Tourag für ihre Glaskunst, Stickereien, Holzskulpturen und Musikinstrumente. 

In der algerischen Küche mischen sich all diese Einflüsse. Beliebt sind Couscous und Tajine mit Lamm- oder Geflügelfleisch, Fisch oder Meeresfrüchten. Zum Nachtisch wird in Honig gebackenes Baklava gereicht. 

 

Zum Weiterlesen:

 

Boualem Sansal, Rue Darwin, Merlin Verlag 2012, ISBN 978-3875363029. Der Autor zeichnet anhand seiner eigenen Familiengeschichte ein Porträt des heutigen Algeriens.

 

Zum Weiterschauen:

Warten auf Schwalben (2017), gibt anhand dreier Schicksale Einblick in das Leben im modernen Algerien. Erhältlich auf DVD und Blu-Ray. 

Nardjes A. (2020). Dokumentarfilm über Jugendliche, die für eine demokratische Zukunft Algeriens auf die Straße gehen. Erhältlich auf DVD und Blu-Ray. 

 

04. November: Diwali

 

Das Lichterfest Diwali wird von Hindu in Indien, Sri Lanka, Nepal und anderen hinduistisch geprägten Ländern gefeiert. Es ist vergleichbar mit dem christlichen Weihnachtsfest bzw. mit Silvester (in Nordindien bedeutet Diwali zugleich der Beginn des neuen Jahres). Wie mit der Geburt Christi wird auch mit Diwali der Sieg des Guten über das Böse und des Lebens über den Tod gefeiert.  Wie genau dies passiert, ist regional unterschiedlich. Überall wesentliches Element sind Lichter: Gebäude, Bäume und Straßen werden festlich erleuchtet. Dies soll den Geistern der Toten den Weg in das Land der Seligkeit bieten. Außerdem werden – wie bei uns zu Silvester – Knallkörper und Feuerwerk gezündet. 

Das Fest beginnt am 15. Tag des Hindumonats Kartik und fällt in diesem Jahr daher auf den 04. November. Je nach Region dauern die Feierlichkeiten bis zu fünf Tagen. Jeder Tag ist einer bestimmten Gottheit gewidmet und wird von besonderen Ritualen begleitet. 

Am ersten Tag (Dhanwantari Triodasi) werden die Wohnungen aufgeräumt, neue Kleidung, Schmuck und Kochutensilien besorgt. Am zweiten Tag (Narak Chaturdasi) stehen die Menschen vor Sonnenaufgang auf und baden in aromatischem Öl. Danach werden Öllämpchen entzündet und das Haus geschmückt. Die Feiernden besuchen sich gegenseitig, schenken sich Süßigkeiten, abends werden Feuerwerk und Knallfrösche entzündet. 

Der dritte Tag (Lakshmi Puja) ist in Nordindien der wichtigste Feiertag. Zu Ehren der Göttin Lakshmi werden vor den Häusern Lichtern aufgestellt. Geschäftsinhaber beginnen neue Geschäftsbücher und bitten die Göttin für das kommende Jahr um Erfolg. Da Lakshmi für das Glück steht, versuchen sich an diesem Tag auch viele Menschen im Glücksspiel.

Am vierten Tag (Godvardhan Puja), der Krishna und Vishnu gewidmet ist, schwenken Ehefrauen ein mit Lichtern beladenes Tablett um die Köpfe ihrer Gatten und tupfen ihnen einen Segenspunkt auf die Stirn. Am fünften Tag (Bhau Beej) segnen Schwestern ihre Brüder mit Lichtern. Geschwister versprechen, sich gegenseitig zu beschützen. 

Das Diwali-Fest könnt ihr auch hierzulande feiern: Die Deutsch-indische Gesellschaft Darmstadt-Frankfurt lädt dazu am Samstag, 06. November ab 19.00 Uhr in die Bessunger Knabenschule nach Darmstadt ein (Ludwigshöher Str. 42). Erleben könnt ihr dort eine Laxmi-Puja, eine Tanzaufführung und ein Sarod-Konzert (das ist eine Art Laute); natürlich könnt ihr euch in der Pause mit indischen Speisen und Getränken stärken.

 

Weitere Infos: www.dig-darmstadt.de



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