Diversity Diary: Zerklüftete Landschaften

15./16. September: Jom Kippur

 

Das Versöhnungsfest Jom Kippur, das in diesem Jahr am Abend des 15. September beginnt, ist der höchste jüdische Feiertag. Zehn Tage nach Beginn des neuen Jahres (Rosch Haschana) bildet er den Abschluss der Zeit des Ruhens und In-Sich-Gehens. 

Am Vortag des Versöhnungstages sollen alle Streitigkeiten beigelegt werden. Traditionell werden vor Jom Kippur Kreplach gegessen, gefüllte Teigtaschen. An Jom Kippur selbst bleiben Herd und Töpfe unberührt: Jüdinnen ab 12 Jahren und Juden ab 13 Jahren müssen den Tag über fasten und dürfen 25 Stunden lang weder essen noch trinken; auch Rauchen und Sex sind untersagt. Aus diesem Grund ist Jom Kippur der einzige Feiertag, der nicht verschoben werden muss, wenn er auf einen Sabbat fällt. Erst nach Erklingen des Schofarhornes am Ende des Tages darf das Fasten im Kreis von Familie und Freunden gebrochen werden

In Israel sind zu Jom Kippur nicht nur alle Cafés und Restaurants geschlossen – das gesamte öffentliche Leben steht still: Die Autos bleiben in den Garagen(Aktivist*innen nutzen die verwaisten Autobahnen allerdings gerne für Radtouren), sogar das Radio- und Fernsehprogramm wird für einen Tag unterbrochen. Streng religiöse Jüdinnen und Juden kleiden sich in Weiß und verzichten auf das Tragen von Lederschuhen. 

Fast den ganzen Tag dauern die Gottesdienste in der Synagoge, bei denen die Gläubigen um Vergebung ihrer Sünden bitten, den Segen empfangen und der Verstorbenen gedenken. Überschattet wurde Jom Kippur 2019 durch den Anschlag von Halle: Nur mit viel Glück entging die jüdische Gemeinde einem Massaker; zwei Menschen verloren ihr Leben. 

 

 

16. September: Dia de la Indepedencia in Mexiko

 

Vom Aztekenreich zum modernen Bundesstaat

 

An der Schwelle von Nord- nach Südamerika liegt Mexiko. Im 16. Jahrhundert hatten die Spanier das damalige aztekische Reich erobert und das „Vizekönigreich Neuspanien“ errichtet. Dreihundert Jahre lang sollte die Kolonialzeit dauern. Am 16. September 1810 erklärte sich Mexiko, das bis 1923 noch die heutigen Staaten Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Honduras umfasste,  von Spanien unabhängig. Doch erst nach einem 17 Jahre andauernden Krieg gegen die Kolonialmacht konnte die Unabhängigkeit schließlich verwirklicht werden. Auch wenn sich Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica und Honduras 1923 von Mexiko lossagten, umfasste das mexikanische Staatsgebiet eine weitaus größere Fläche als heutzutage. Mitte des 19. Jahrhunderts beanspruchte jedoch die USA die nördlichen Staatsgebiete und annektierten 1845 erst Texas, bevor sie im Amerikanisch-Mexikanischen Gebiet auch das heutige Kalifornien, New Mexiko, Arizona, Nevada, Utah und Colorado erobern konnten.

Heute ist Mexiko ein demokratischer Bundesstaat mit – neben der Hauptstadt - 31 Gliedstaaten, die von Gouverneuren regiert werden. Oberster Repräsentant des Staates ist der oder die Präsident*in, der/die nur einmal im Leben für eine sechsjährige Amtszeit gewählt werden kann. Das Präsidentenamt ist mit viel Macht ausgestattet: Der/die Präsident*in hat ein Initiativ- und Vetorecht bei der Gesetzgebung, befehligt die Streitkräfte, ernennt eine Reihe wichtiger Staatsbeamte und gibt die Richtlinien für die Außenpolitik vor. 

Lange Zeit wurde das Präsidentenamt nicht durch Wahl vergeben, sondern zwischen verschiedenen Fraktionen und Gruppierungen der „Partido Revolucionario Instiucional“, die bis in die  90er Jahre hinein politisch dominierte, ausgehandelt. Seit 2018 hat der linksnationalistische  Andrés Manuel Lopez Obrador das Amt inne. 

Gesetzgebend wirkt in Mexiko ein Zweikammerparlament, der „Congreso de la Union“. Ihm gehören 500 Abgeordnete, die für einen Zeitraum von drei Jahren gewählt werden, und 128 auf sechs Jahre gewählte Senator*innen an. Auch sie dürfen sich nur für eine einzige Amtszeit zur Wahl stellen. Bei den Wahlen im Juni 2021 konnte die Koalition aus linker Morena Partei und der GRÜNEN Partei „Partido Ecologiste de Mexico“ ihre Mehrheit verteidigen, wenngleich sie auch viele Stimmen an die wirtschaftsliberale Opposition abgeben musste. 

 

Wirtschaftlich gesehen ist Mexiko ein Schwellenland, dessen Bruttoinlandsprodukt auf vergleichbarem Level mit Brasilien, China und der Türkei liegt. Die USA ist der größte Handelspartner Mexikos, über 80 Prozent der Exporte gehen dorthin. Exportiert werden vor allem Erdöl, Silber, Avocado, Kaffee, Wolle, Alkohol und Tabak. Mexiko ist einer der größten Erdölproduzenten der Welt. Auch viele namhafte Autohersteller produzieren in Mexiko – hier rollte 2003 der letzte VW Käfer vom Band. Auch der Ford Fiesta wird in Mexiko gebaut.

 

Armut und Kriminalität prägen das Land

 

Die rund 129 Millionen Mexikaner*innen verteilen sich ungleich über Land: Die meisten sind in einer der großen Städte im Landesinnern zu Hause – allein in der Metropolregion der Hauptstadt Mexiko-Stadt lebt fast jede*r Fünfte. 

Nur noch 10 % der Bevölkerung stammt von den indigenen Ureinwohner*innen ab – überwiegend haben die Mexikaner*innen europäische Vorfahren oder sind Mestiz*innen, also Nachkommen von Europäer*innen und Indigenen. Wie in fast allen Staaten werden auch in Mexiko indigene Menschen diskriminiert; sie sind weitaus häufiger von Armut und Krankheit betroffen als die weitgehend europäischstämmige Oberschicht. Ihre Sprachen sind jedoch – anders als in vielen anderen Ländern – als Nationalsprachen anerkannt; neben der de-facto-Amtssprache Spanisch existieren somit 62 weitere Sprachen. Die Regierung bemüht sich aktiv, das Aussterben der indigenen Sprachen zu verhindern.

Überwiegend bekennen sich die Mexikaner*innen zum katholischen Christentum. Vor allem auf dem Land hat die Religion eine große Bedeutung. 

Mexiko war 1943 das erste Land weltweit, das das Ziel „soziale Sicherheit“ verfassungsrechtlich verankert hat. Es gibt Kranken-, Renten- und Sozialversicherungen – allerdings zahlt der Staat kein Arbeitslosengeld. Das Gesundheitswesen ist sehr gut ausgebaut. Dennoch hatte Mexiko eine der weltweit höchsten Todesraten in der Corona-Pandemie. Noch immer hat jede*r Zehnte keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Alle mexikanischen Kinder unterliegen einer neunjährigen Schulpflicht. Der Schulbesuch ist kostenlos; Schuluniformen oft obligatorisch. 

Seit Jahren tobt in Mexiko ein Bürgerkrieg zwischen Staat und den kriminellen Drogenkartellen. Allein 2019 haben diese Konflikte 35.000 Menschenleben gefordert; 73.000 Menschen werden aktuell vermisst. Vor allem die Armut zwingt viele Mexikaner*innen, sich in den Dienst der Drogenbosse zu stellen. Verstärkend wirkt sich die in mexikanischen Behörden verbreitete Korruption aus. In vielen Landesteilen sind die staatlichen Organe mittlerweile machtlos; nur ein geringer Prozentsatz der begangenen Straftaten werden aufgeklärt. Auch für Frauen gehört Mexiko zu den unsicheren Pflastern -  hier ist die Rate sexueller Gewalt weltweit am höchsten. 

Kriminalität und Armut sind Ursachen dafür, dass fast ein Viertel der Mexikaner*innen im Ausland leben – vor allem als oft illegal Eingewanderte in den USA. In Frankfurt sind 441 Menschen mit mexikanischem Pass zu Hause. 

Antike Stätten und atemberaubende Landschaften

 

Reisenden bietet Mexiko zahlreiche Sehenswürdigkeiten, z.B. die antiken Stätten von Chichén Itzá und die Altstadt von Mexiko-Stadt. Insgesamt 35 Welterbestätten gibt es in Mexiko. Aber auch mit atemberaubender Natur kann das Land aufwarten: Über 200.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten sind in Mexiko beheimatet – damit ist Mexiko das Land mit der zweithöchsten Biodiversität weltweit. Etwa 10 Prozent der Spezies sind gesetzlich geschützt; es gibt in Mexiko 68 Nationalparks. Obwohl Mexiko ein hohes Pontential für die Nutzung erneuerbarer Energien hat, wird der Strom noch zu 70 Prozent aus Röhol gewonnen. Ähnlich wie Brasilien experimentiert auch Mexiko mit der Erzeugung von Bioethanol als Treibstoff für Autos. 

 

Frida Kahlo, Carlos Santana und Tortillas 

 

Die mexikanische Kultur ist in allen Bereichen einerseits durch die spanische Kolonialzeit, andererseits durch das aztekische Erbe geprägt. 

Traditionell sind die Federkunstwerke, die im antiken Mexiko Schilder, Umhänge und Fächer zierten. Die bekannteste mexikanische Künstlerin der Neuzeit ist sicherlich Frida Kahlo; ihr Lebensgefährte Diego Rivera begründete die Kunst der „murales“, der monumentalen Wandbilder.

 Auch in der Musik fließen verschiedenste Stile zusammen. Weltweite Bekanntheit erlangten mexikanische Volkslieder wie „Besame mucho“, „La Bamba“ oder „La Cucaracha“, aber auch die mexikanische Rockmusik von Carlos Santana.

Die mexikanische Küche führt aztekische, spanische und Maya-Traditionen zusammen. Die wichtigste Mahlzeit ist das Mittagessen, das auch im Arbeitstag durch eine entsprechend lange Pause zelebriert wird. Ein typisches Gericht sind Tortillas, gefüllte Maisfladen. Sie gehören zu jedem Gericht. Unverzichtbar sind auch Chilis und Chilisaucen. Die Süßspeise „Churros“, frittierte Teigstücke mit Zucker oder Schokolade sind nicht nur in Spanien, sondern auch in Mexiko ein beliebter Snack. 

Mexikanische Spezialitäten findet ihr auch in Frankfurt an vielen Ecken – im Nordend beispielsweise im „El Pacifico“ im Sandweg, im „Fonda De Santiago“ in der Martin-Luther-Straße oder im „Chichilas“ im Oeder Weg. Bei Veranstaltungen des Mexikanisch-Deutschen Kreises könnt ihr die mexikanische Kultur kennenlernen. 

 

Zum Weiterlesen:

Antonio Ortuño: Die Verschwundenen. Antje Kunstmann Verlag München, 2019. ISBN 978-3956142857. Entwirft am Beispiel eines skrupellosen Bauunternehmers ein Sittenbild des heutigen Mexiko.

 

 

Zum Weiterschauen:

Bittersüße Schokolade (1992), erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der mexikanischen Revolution. Erhältlich auf DVD und Blue-Ray

Frida (2002), erzählt die Lebensgeschichte der Malerin Frida Kahlo. Erhältlich auf DVD und Blue-Ray

 

In Frankfurt:

El Pacifico: Sandweg 79, Frankfurt-Nordend

Fonda de Santiago, Martin-Luther-Str. 17, Frankfurt-Nordend

Chichilas, Oeder Weg 23, Frankfurt-Nordend

Mexikanisch-Deutscher Kreis: www.club-mexico.de

 

 

18./19. September: Fiestas Patrias in Chile

 

Eine Woche lang die Unabhängigkeit feiern

 

Eine ganze Woche lang feiern die Chilen*innen in jedem Jahr die Unabhängigkeit von Spanien, die Chile am 18. September 1810 erlangte. Während der „Semana del Dieciocho“ treffen sich Familien und Freunde zum asado, einem opulenten Grillfest mit choripanes (gegrillter Chorizowurst im Brot), pebre (Salat aus Tomaten, Peperoni und Paprika), empenadas (gefüllte Teigtaschen) und natürlich viel Wein. Überall auf öffentlichen Plätzen wird Musik gespielt und getanzt. Höhepunkt der Feiern sind der „Dia de la Indepencia“ am 18. September und der „Tag des Heeres“ am 19. September, an dem in der Hauptstadt Santiago de Chile Militärparaden stattfinden. Und von allen Häusern weht die chilenische Flagge mit dem roten und weißen Querstreifen, dem blauen Quadrat in der linken oberen Ecke und dem fünfzackigen weißen Stern. Der rote Streifen steht für das Blutvergießen während den Unabhängigkeitskriegen, das Weiß symbolisiert den Schnee in den Anden und das Blau den Himmel über Chile. Der weiße Stern repräsentiert Freiheit, Stolz und Fortschritt. Nicht nur Patriotismus bewegt die Chilen*innen dazu, am Nationalfeiertag die Flagge zu hissen – per Gesetz sind sie dazu verpflichtet.

Auch in Frankfurt , wo 225 Menschen mit chilenischem Pass zu Hause sind, wird der chilenische Nationalfeiertag gefeiert: 2020 richtete das „Instituto Cervantes“ gemeinsam mit dem Amerikahaus eine Feier mit chilenischer Musik und Kultur aus. 

 

Auf dem Weg zu Demokratie und Wohlstand

 

1542 hatten die Spanier Chile erobert und zunächst ihrem Vizekönigreich Peru einverleibt.  1778 wurde Chile zur eigenständigen Provinz. Als 1808 der spanische König Ferdinand VII. abgesetzt wurde und Napoleons Bruder Jopseph die Regentschaft in Spanien übernahm, stellte sich Chile auf die Seite des Exkönigs. Am 18. September 1810 erklärte die Ratsversammlung die Treue zu Ferdinand VII. und Chile zur autonomen Region. Für die Chilen*innen bedeutete dies den Beginn der Unabhängigkeit, die 1826 endgültig erreicht wurde. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Chile nach Kuba der zweite sozialistisch regierte Staat Südamerikas. 1979 wurde Allende durch einen Militärputsch gestürzt. Sein Nachfolger Augusto Pinochet errichtete eine Diktatur, in der Tausende Oppositionelle verhaftet und gefoltert wurden. Dennoch erhielt die Regierung Pinochets wirtschaftliche und politische Unterstützung aus den USA und Westeuropa; aus Deutschland vor allem durch die CDU. 1988 sprach sich eine Volksabstimmung gegen eine weitere Amtszeit Pinochets aus. Zum ersten Mal seit 15 Jahren fanden freie Wahlen statt.

Seit 2018 hat Sebastian Piñera  als Vertreter des rechtskonservativen Parteienbündnisses Chile Vamos das Präsidentenamt inne. Das chilenische Parlament besteht aus zwei Kammern: Die Camera de Diputados, der Abgeordnetenkammer, hat 122 Sitze; der Senat hat 43 Mitglieder. Alle Parlamentarier*innen werden direkt gewählt; die Abgeordneten für eine Amtszeit von vier Jahren, die Senator*innen jeweils für acht Jahre. Aktuell wird die chilenische Verfassung überarbeitet; der Verfassungsentwurf soll im kommenden Jahr abgestimmt werden. Eine GRÜNE Partei gibt es mit der Partido Ecologista; sie ist allerdings nicht im Parlament vertreten. 

In der Folge des politischen Umsturzes wuchs die chilenische Wirtschaft wieder. Heute gehört Chile zu den wohlhabendsten Staaten Südamerikas. Chile verfügt über das höchste Kupfervorkommen der Welt und ist auch der weltweit größte Lithium-Produzent. Zudem ist Chile ist Südamerikas wichtigster Weinexporteur. Infolge der klimatischen Gegebenheiten treten Schädlinge wie Reblaus oder Mehltau nicht auf, so dass auf Chemikalien weitgehend verzichtet werden kann und auch empfindliche Sorten, wie die ansonsten ausgestorbene Rebsorte Carménère angebaut werden können. 

 

Das Land, wo die Welt zu Ende ist

 

Mit 756.102 Quadratkilometern ist Chile mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Über 4200 Kilometer entlang der Pazifikküste von Peru bis zum Kap Hoorn, der  Südspitze des Kontinents, erstreckt sich der schmale Landstreifen – auf Europa umgerechnet entspricht dies in etwa der Entfernung von Dänemark bis zur Sahara. Dieser Ausdehnung – nicht etwa der Chilischote, die im chilenischen Spanisch „aji“ heißt – verdankt Chile seinen Namen: In der Sprache der Aymara bedeutet chilli „Land, wo die Welt zu Ende ist“. 

Aufgrund der tektonischen Gegebenheiten kommen Vulkanausbrüche und Erdbeben immer wieder vor, auch ist Chile vom El-Niño-Phänomen betroffen, das alle paar Jahre für starke Niederschläge sorgt. 

Die Landschaften sind vielfältig: Im Osten prägen die Anden das Land, im Norden die karge Wüstenlandschaft der Atacama. Im regenreichen Süden dominieren Wälder, Gebirge und Gletscherlandschaften. Zahlreiche Gebiete sind als Nationalparks geschützt; sieben Plätze gehören zum Welterbe der UNESCO. 

Auch Chile ist stark vom Klimawandel betroffen: Vor allem der Süden hat mit steigenden Temperaturen, abnehmenden Niederschlägen, Gletscherschmelze und anhaltender Dürre  zu kämpfen. Sechs von 16 Regionen wurden bereits zu landwirtschaftlichen Notstandszonen erklärt. Die Privatisierung der Wasserwirtschaft in der Pinochet-Zeit verschärft das Problem zudem. 

 

Der Katholizismus prägt das Zusammenleben

 

Nur 19, 1 Millionen Menschen bevölkern das Land. Sie leben vor allem im mittleren Teil Chiles, wo das Klima mediterran ist. Hier liegt die Hauptstadt Santiago de Chile, in der fast jede*r dritte Einwohner*in zu Hause ist. Der Norden mit der Atacamawüste, in der es nur alle paar Jahre einmal regnet und der Süden, in dem die Temperaturen auch im Sommer selten über 12 Grad steigen, sind hingegen nur dünn besiedelt. 

Um den Süden des Landes zu besiedeln, förderte die chilenische Regierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Ansiedelung deutscher und anderer europäischer Auswander*innen. Ihre Nachkommen und Mestiz*innen, Nachkommen von Europäer*innen und Indigenen, stellen heute rund 89 Prozent der Bevölkerung. Nur noch rund 10 Prozent gehören der indigenen Bevölkerung, vor allem den Mapuche, an. Auch wenn ihre Sprache in den Schulen Unterrichtsfach ist und eine tägliche Nachrichtensendung in Mapudugun ausgestrahlt wird, stirbt die traditionelle Lebensweise der Mapuche immer mehr aus. Die Konvention der ILO zum Schutz der Rechte indigener Völker wurde von Chile bislang nicht unterzeichnet. 

Der überwiegende Teil der Bevölkerung bekennt sich zum katholischen Glauben, der lange Zeit auch Recht und Gesetz stark geprägt hat. Erst seit 1998 sind uneheliche Kinder den ehelichen gleichgestellt, erst seit 2004 ist die Ehescheidung gesetzlich verankert und erst seit 2015 dürfen gleichgeschlechtliche Paare eine eingetragene Partnerschaft eingehen. 2017 wurde das absolute Verbot der Abtreibung zumindest in bestimmten Fällen gelockert. 

Stärker als Deutschland setzt Chile auf private Gesundheits- und Rentenvorsorge. Staatliche Gesundheitszentren bieten kostenlose Behandlungen lediglich für bestimmte Krankheiten und für entsprechend Bedürftige an. Arbeitnehmer*innen müssen sich privat krankenversichern und 13 Prozent ihres Gehalts in private Rentenfonds investieren. 

Alle Kinder müssen 12 Jahre lang eine Schule besuchen. Nach dem Schulabschluss ist der Besuch einer Universität oder einer Berufsakademie, die sich in Chile ebenfalls als „Universitäten“ bezeichnen dürfen, möglich. Erstere verlangen jedoch hohe Studiengebühren und sind daher für ärmere Menschen kaum erschwinglich. Um die Jugendarbeitslosigkeit und – kriminalität zu bekämpfen führte die Regierung staatlich finanzierte Ausbildungsprogramme und Kurse für jugendliche Gründer*innen ein. 

 

Zum „Once“ einen Berliner

 

Vor allem in ländlichen Gebieten werden Alltagsleben und Kultur noch durch indigene Einflüsse geprägt. Hier wird traditionelle Folklore mit dem Nationaltanz Cueca, den Payadores, den Volkssängern mit poetischen Liedern, und natürlich den Gauchos, den chilenischen Cowboys, gepflegt. Nach indigener Tradition werden Web- und Töpferarbeiten sowie Schnitzereien hergestellt. 

Während die traditionellen Payadores vor allem die Liebe besingen, erlangte Victor Jara mit politischen Liedern Bekanntheit. 1973 wurde er während des Militärputsches ermordet. 

Isabell Allende, Nichte des früheren Präsidenten, ist die bekannteste chilenische Schriftstellerin. Viele Chilen*innen können es sich allerdings kaum leisten, die Werke Allendes oder anderer Autor*innen zu lesen, da Bücher in Chile nur in kleiner Auflage produziert werden und sehr teuer sind. Der Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda, der für Salvador Allende als Botschafter in Paris arbeitete, wurde 1971 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Die chilenische Küche ist vor allem von spanischen – aber durch die Einwander*innen – auch von deutschen und anderen Einflüssen geprägt. Bezeichnungen wie „Kuchen“ und sogar „Apfelstrudel“ haben es auch in den chilenischen Wortschatz geschafft – Berliner und zur Weihnachtszeit der Christstollen sind auch in Chile beliebte Naschereien. Es gibt auch eine chilenische Variante des Sauerkraut. Die Empenadas, Teigtaschen, die mit Fleisch, Meeresfrüchten oder Käse gefüllt und im Ofen gebacken werden, sind das chilenische Nationalgericht. 

Die Chilen*innen nehmen für gewöhnlich vier Mahlzeiten zu sich: Nach dem Frühstück und dem Mittagessen wird am frühen Abend ein Imbiss („tomar once“) gereicht, zu dem stets Tee getrunken wird. Die Bezeichnung „Once“, also „elf“ wird auf die Uhrzeit zurückgeführt: 17.00 Uhr entspricht der elften Stunde der kirchlichen Tageseinteilung. Das eigentliche Abendessen wird erst sehr spät am Abend verzehrt. 

 

Zum Weiterlesen:

Isabell Allende: Was wir Frauen wollen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. ISBN 978-3518429808. Die bekannte Autorin setzt sich anhand ihrer eigenen Biographie mit dem Feminismus in Chile auseinander.

 

Zum Weiterschauen:

Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück (2015) mit Emma Watson und Daniel Brühl. Erzählt die Geschichte der deutschen Sekte Colonia Dignidad, die 1973 im Zuge des Militärputsches durch Menschenrechtsverletzungen bekannt wurde



zurück