05.09.2021

Diversity Diary: Gute oder böse Taten? – Alles auf Neubeginn

07. September: Independência do Brasil

 

Bedrohte demokratische Strukturen

 

Fast die Hälfte des südamerikanischen Kontinents nimmt Brasilien ein – mit rund 8,5 Millionen Quadratkilometer ist es zugleich der fünftgrößte Staat der Erde. 

Im Jahr 1500 kamen die Portugiesen in das südamerikanische Land – mehr als 300 Jahr sollte die Kolonialherrschaft dauern. Am 07. September 1822 erklärte Pedro, der Sohn des damaligen portugiesischen Königs Brasilien zum unabhängigen Staat und machte sich selbst zum Kaiser. Den Nationalfeiertag feiern die Brasilianer*innen mit großen Paraden und vielen Umzügen mit Musik. Die größte Militärparade findet in Brasilia, das 1960 Rio de Janeiro nach fast 200 Jahren als Hauptstadt abgelöst hatte, statt. Auch Brasilianer*innen im Ausland feiern den Unabhängigkeitstag – in New York ist zum Beispiel ein Konzert mit brasilianischen Künstler*innen geplant, das live im brasilianischen Fernsehen übertragen wird. 

Die Monarchie hatte nur über zwei Generationen Bestand – 1889 wurde Brasilien erstmals zur Republik. Zwischen 1964 und 1985 regierte das Militär Brasilien. In diese Zeit fielen vielen Menschenrechtsverletzungen an der indigenen Bevölkerung. Seit 1985 konnten sich in Brasilien wieder demokratische Strukturen etablieren (wenngleich diese in jüngster Zeit unter Jair Bolsonaro mehr als bedroht sind!). Brasilien ist heute eine präsidiale Republik mit einem Zweikammerparlament: Die Abgeordnetenkammer hat 513 Mitglieder, die auf vier Jahre gewählt werden; dem Senat gehören 81 Senator*innen für die Dauer von acht Jahren an. Gewählt werden können in Brasilien nur Menschen, die Mitglied einer Partei sind. Aus diesem Grund existieren zahlreiche kleine Parteien, die – um überhaupt politisch tätig werden zu können – fragile Koalitionen bilden müssen. In Brasilien gibt es eine GRÜNE Partei, die Partido Verde, , die aktuell vier Sitze im Bundesparlament innehat. 2013 entstand zudem die Partei REDE, die sich ebenfalls für den Schutz der Umwelt stark macht, politisch im Mitte-Links-Spektrum einzuordnen ist und zwei Parlamentssitze erringen konnte. Der bzw. die Präsident*in (2011 hatte mit Dilma Rousseff erstmals eine Frau dieses Amt inne) wird direkt vom Volk gewählt. Er bzw. sie ist zugleich Regierungschef*in und verfügt über weitreichende exekutive Gewalt. 

Seit 2019 ist Jair Bolsonaro das brasilianische Staatsoberhaupt, ein Ex-Militärangehöriger, der  - ähnlich wie der ehemalige US-Präsident Donald Trump - durch seine provokanten, rechtsextremen, frauen- und homosexuellenfeindlichen Ansichten auffällt, Rechte von Minderheiten beschränkt und die Interessen großer Wirtschaftsunternehmen denen am Erhalt der natürlichen Ressourcen und Allgemeingüter voranstellt.

Brasilien ist heute die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Landwirtschaft spielt nach wie vor eine große Rolle, vor allem der Anbau von Zuckerrohr, der neben Zucker auch zu Bioethanol und zu Schnaps weiterverarbeitet wird. Mit 500 Millionen Tonnen ist Brasilien weltweit führend. Ebenso ist Brasilien der weltweit größte Eisenlieferant – allein die Eisenvorkommen Brasiliens decken den Weltbedarf für die nächsten 500 Jahre ab. 

Noch nicht sehr ausgebaut ist die touristische Infrastruktur. Beliebt sind bei Brasilienreisenden vor allem die weiten Sandstrände, der Karneval von Rio de Janeiro und die Iguazu-Wasserfälle. 

 

Kahlschlag im Land des Brasilholzbaumes

 

Seinen Namen verdankt das Land Brasilien dem Brasilholz-Baum, der an der Küste Brasiliens beheimatet ist und aus dessen Holz der rote Farbstoff Brasilin gewonnen wird. Der Baum ist stark vom Aussterben bedroht, weltweit gibt es nur noch 1754 Exemplare. Der Brasilholz-Baum ist seit 1978 der brasilianische Nationalbaum.

Der Großteil der Bevölkerung lebt in der Küstenregion, wo sich auch die großen Städte befinden. Das Landesinnere wird von Regenwäldern im Norden und von Gebirgslandschaften im Süden dominiert. In Brasilien herrscht überwiegend tropisches Klima mit geringen Temperaturschwankungen im Jahresverlauf. Vor allem in den südlichen Gebirgen kann es durchaus auch einmal schneien. 

Brasilien gilt als das artenreichste Land der Welt: Über 55.000 Blütenpflanzen, 3000 Fisch- und zahlreiche andere Tierarten und 2500 Baumarten sind hier beheimatet. Viele davon sind allerdings vom Aussterben bedroht, auch weil die Waldflächen stetig schrumpfen. Vielerorts musste der Regenwald Zuckerrohr-, Baumwoll- und Kaffeeplantagen weichen; auch der Handel mit Tropenhölzern hat dem Wald schwere Schäden zugefügt. Jährlich geht so ein Gebiet verloren, das in der Größe der Fläche der Balearen entspricht. Im Vergleich zum atlantischen Regenwald sind allerdings immer noch weite Waldgebiete erhalten. Die Regierung versucht, der Abholzung gezielt entgegenzuwirken: In insgesamt 62 Nationalparks ist die Vegetation mittlerweile geschützt. Unter Präsident Bolsonaro sind allerdings Rückschritte zu erwarten: Bolsonaro bestreitet den menschengemachten Klimawandel und hat das Budget des Umweltministeriums um ein Drittel gekürzt. 

Brasilien leidet auch unter den Auswirkungen des Bauxit- und Goldabbaus. Die zum Auswaschen verwendeten Stoffe – meist Quecksilber - vergiften die Luft und die Gewässer und richten bei Menschen und Tieren schwere gesundheitliche Schäden an. 

In Brasilien wird Kraftstoff für Autos und Flugzeuge mit Ethanol versetzt. Das reduziert nicht nur die Kosten für den Treibstoff, sondern mindert auch die Luftverschmutzung. 2002 wurde in Brasilien das erste, rein mit Ethanol betriebene Flugzeug der Welt gebaut. Bereits im Jahr 2011 wurden 80 Prozent des Stromes aus Wasserkraft gewonnen, ausgebaut werden soll auch die Windenergie. 

 

Jede*r Vierte ist ein Kind

 

In den vergangenen 70 Jahren hat sich die brasilianische Bevölkerung vervierfacht. Mit 212 Millionen Einwohner*innen ist Brasilien heute das sechstbevölkerungsreichste Land der Welt. Nahezu jede*r Vierte ist unter 15 Jahren alt, allerdings sinkt die Kinderzahl aktuell. 

Expert*innen rechnen bereits ab Mitte des Jahrzehnts mit einer Überalterung der Bevölkerung. 

Eine Folge der hohen Zahl an jungen Menschen ist, dass das Schulsystem nicht ausreichend subventioniert wurde. Staatliche Schulen genießen in Brasilien einen schlechten Ruf; wer es sich leisten kann schickt seine Kinder daher auf Privatschulen. Der Besuch staatlicher Universitäten ist kostenlos, setzt aber das Bestehen einer Aufnahmeprüfung voraus, auf die sich die brasilianischen Studienanwärter*innen oft mit speziellen Kursen auf die Prüfung vor. 

Rasant zugenommen hat in den letzten Jahren das Wachstum der Städte: Rund 86 Prozent der Brasilianer*innen leben in der Hauptstadt Brasilia, in Rio de Janeiro oder einer der anderen großen Städte. Vor allem in deren Außenbezirken sind sogenannte Favelas – Armensiedlungen – entstanden.  

Rund 60 Prozent der Brasilianer*innen stammen von portugiesischen oder anderen europäischen Einwander*innen ab, knapp die Hälfte hat unter ihren Vorfahren afrikanische Sklav*innen. Etwa 400.000 Brasilianer*innen  gehören einer der 200 ethnischen Volksgruppen der indigenen Ureinwohner*innen an. 1988 wurden ihnen per Verfassung das Recht auf traditionelles Leben, auf Selbstbestimmung und auf Eigentum bzw. Nutzung ihres Landes garantiert. Dennoch sind auch viele Indigene in die Städte gezogen; die traditionelle Kultur geht so immer mehr verloren. Nur noch 0,1 Prozent sprechen eine der 188 indigenen Sprachen; für 97 Prozent der Bevölkerung ist die Amtssprache Portugiesisch zugleich ihre Muttersprache. Die zweithäufigste Muttersprache in Brasilien ist übrigens Deutsch. Dies ist den pommerschen Auswanderern zu verdanken, die ab dem 19. Jahrhundert nach Brasilien gekommen sind. Insgesamt leben noch rund 1,5 Millionen Menschen mit deutschen Wurzeln in Brasilien; in einigen Gemeinden ist Deutsch sogar als zweite Amtssprache anerkannt. 

Rund 65 Prozent der Brasilianer*innen bekennen sich zum katholischen Glauben, nur noch 0,01 Prozent praktizieren eine der indigenen Religionen. Die Tendenz zur Konfessionszugehörigkeit ist jedoch in beiden Fällen sinkend. 

Zwischen Arm und Reich herrscht in Brasilien ein großes Gefälle. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung besitzt weniger als 10.000 US-Dollar. Unter den Armutsgefährdeten befinden sich überproportional viele Afro-Brasilianer*innen. 

In Brasilien gibt es keine staatliche Krankenversicherung – jede*r Kranke, die einen Arzt aufsucht, wird auch behandelt. Allerdings gibt es zu wenige Ärzte und die Krankenhäuser sind oft veraltet. Viele Brasilianer*innen haben daher eine private Krankenversicherung, die ihnen die Behandlung in privaten Kliniken ermöglicht. 

Brasilien gehört zu den Ländern mit der höchsten Kriminalitätsrate weltweit. Die Polizei kämpft zwar gegen Morde, Entführungen, organisierte Drogen- und Bandenkriminalität an, ist andererseits jedoch selbst nicht vor Korruption gefeit, denn das Gehalt der Polizist*innen ist niedrig. Ein Gesetzesvorstoß, privaten Waffenbesitz zu verbieten, scheiterte 2005; Präsident Bolsonaro unterstützt den Kauf privater Waffen.

 

Bossa Nova und Fejoada – Das Leben in Brasilien

 

Musik gehört in Brasilien zum Alltag. Die brasilianische Musik ist von portugiesischen, afrikanischen und indigenen Traditionen beeinflusst. Der Bossa Nova, der in den 50er Jahren aufkam, gilt als „brasilianischer Jazz“, sie mischt Jazzelemente mit südamerikanischen und afrikanischen Rhythmen. In den Zeiten der Militärdiktatur wurde der Bossa Nova oft mit Elementen des Folk und Rock gemischt und mit regimekritischen Texten versehen. Auch der Samba hat seinen Ursprung in Brasilien. Er entstand aus der afrikanischen Tradition und wurde vor allem durch den Karneval in Rio bekannt. 

Die Brasilianer*innen nehmen am Tag bis zu sechs Mahlzeiten zu sich: Dem „Morgenkaffee“, der in etwa unserem deutschen Frühstück entspricht, folgt ein „morgendlicher Snack“ mit Obst, Tomatensalat, Sandwiches und Saft. Zwischen Mittag- und Abendessen liegt ein „abendlicher Snack“, der dem „Morgenkaffee“ entspricht. Vor allem an Feiertagen wird nach dem eigentlichen Abendessen noch die „Ceia“ eingenommen, ein spätes Abendessen, zu dem nochmals Suppen, Salat, Obst, Reis, Nudeln, Sandwiches und Kekse gereicht werden.  Die brasilianische Küche ist ebenfalls vor allem von der portugiesischen Kolonialzeit beeinflusst. Zudem unterscheidet sie sich regional stark. Nationalgericht ist die Feijoada, ein Bohneneintopf mit Fleisch, zu dem Reis, Farofa (geröstetes Maniokmehl) und Orangenscheiben gereicht werden. Seit den 80er Jahren haben sich überall Self-Service-Restaurants durchgesetzt, in denen die Speisen nach Kilopreis bezahlt werden. Nationalgetränk ist der brasilianische Arabica-Kaffee. Er ist im Ausland fast ebenso beliebt wie der bekannteste alkoholische Export – der Caipirinha. 

In Frankfurt leben 1079 Brasilianer*innen. Nicht nur Caiprinha, sondern auch typisch brasilianische Mahlzeiten könnt ihr daher sogar im Frankfurter Nordend genießen – beispielsweise im Rodizio Grill in der Germaniastraße, im Brasilia in der Glauburgstraße und natürlich im Cafuchico in der Eckenheimer Landstraße. Die brasilianische Kampfkunst Capoeira könnt ihr ebenfalls hierzulande trainieren – die FTG bietet hierzu Kurse an. Es gibt mit Canta Brasil außerdem einen brasilianischen Chor, bei dem ihr selbst mitsingen (Sprachkenntnisse sind nicht erforderlich) oder dessen Konzerte ihr genießen könnt. 

 

Zum Weiterlesen:

Sebastian Salgado: Amazonien. Taschen Verlag Köln 2021, ISBN 978-3836585118. Sechs Jahre lang bereiste der Fotograf das brasilianische Amazonas-Gebiet und dokumentierte das Leben in dieser Region.

Luiz Ruffato: Vorläufige Hölle, Assoziation A Verlag. Fünfbändige Erzählung der Geschichte Brasiliens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus vielen Perspektiven. 

 

Zum Weiterschauen:

Amazonia Undercover (2020) – Dokumentarfilm über den Kampf der Indigen gegen die Abholzung des Regenwaldes. Abrufbar in der ARTE-Mediathek. 

 

In Frankfurt:

Rodizio Grill, Germaniastr. 47-49, Frankfurt-Nordend

Brasilia, Glauburgstr. 6, Frankfurt-Nordend

Cafuchico, Eckenheimer Landstr. 61, Frankfurt-Nordend

Capoeira in der FTG: www.capoeirabrasil.de

Canta Brasil: www.cantabrasil.de

 

06. - 08. September: Rosh Hashana

 

“Schana Towa” – ein gutes neues Jahr wünschen sich am Abend des 06. September Juden und Jüdinnen in aller Welt. Dann beginnt Rosh Hashana, der jüdische Neujahrstag, der zwei Tage lang gefeiert wird. Das genaue Datum berechnet sich nach dem Mondkalender und schwankt daher von Jahr zu Jahr, fällt aber immer in den September oder die erste Oktoberhälfte. In diesem Jahr beginnt mit Rosh Hashana das jüdische Jahr 5782. Rosh Hashana ist auch der Beginn der „Zehn ehrfurchtsvollen Tage“, an deren Ende Jom Kippur, das jüdische Versöhnungsfest gefeiert wird.

Nach dem Talmud ist Rosh Hashana der Jahrestag, an dem Gott die Welt erschaffen hat. An diesem Tag sollen die Gläubigen Bilanz über ihr Verhalten im alten Jahr ziehen und Gott um eine gute Zukunft im kommenden Jahr bitten. Nach der Überlieferung werden an Rosh Hashana drei Bücher geöffnet. In das erste Buch werden all diejenigen eingetragen, die sich im alten Jahr nur gut und gerecht verhalten haben. Sie erhalten das „Siegel des Lebens“. Im zweiten Buch werden diejenigen erfasst, die Böses getan haben. Ihnen wird das „Siegel des Todes“ zugedacht. Wer sowohl gute als auch böse Taten vorweisen kann, landet im dritten Buch. Bis zum Versöhnungstag hat er oder sie die Möglichkeit, das Böse durch Einkehr und Umkehr aufzuwiegen. In der Grußformel, die zwischen Rosh Hashana und Jom Kippur verwendet wird, kommt diese Hoffnung zum Ausdruck: „Chatima Towa“  - eine gute Einschreibung.

Dieses Erbarmen Gottes feiern die Jüdinnen und Juden zu Rosh-Hashana mit Festessen, neuer Kleidung und innerer und äußerer Reinigung. Zum Zeichen der Freude wird beim Morgengebet das Schofarhorn geblasen. Wie der Sabbat beginnt auch das Festmahl zu Rosh Hashana mit dem Kiddusch, dem Segensspruch, der vom männlichen Familienoberhaupt über einem Becher Wein gesprochen wird. Zum Essen werden Süßspeisen wie Honigkuchen, Weintrauben und in Honig getauchte Äpfel gereicht, die die Hoffnung auf ein gutes, süßes Jahr symbolisieren und Challot, rundgeformte Weißbrote, die für ein „rundes neues Jahr“ stehen. Granatäpfel mit vielen Kernen und Karotten stehen für die Fruchtbarkeit und für ein Mehr an Rechten.  

Am Nachmittag des ersten Neujahrstages führen Betende den Taschlich auch – nach dem Gebet um Vergebung der Sünden werfen sie Steine oder Brotkrumen ins Wasser, um die Sünden symbolisch abzustreifen. Die Reinheit von Sünden wird auch in der Synagoge symbolisiert, die zu Rosh Hashana weiß dekoriert wird. 

In Deutschland ist Rosh Hashana – anders als zum Beispiel seit dem vergangenen Jahr in der Ukraine – kein gesetzlicher Feiertag. Schülerinnen und Schüler haben aber das Recht, sich vom Unterricht befreien zu lassen, ebenso dürfen Arbeitnehmer*innen während der Arbeitszeit ihre Gebete verrichten. 

Das Grußwort von Dr. Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zu Rosh Hashana könnt ihr hier nachlesen. 

 

 

08. September: Tag der Unabhängigkeit in Nordmazedonien

 

Ein junger Staat auf dem Weg in die EU

 

Wälder, Berge und einer der ältesten Seen der Welt prägen die Landschaft von Nordmazedonien, das zwischen Serbien, Bulgarien,Griechenland, Albanien und Kosovo liegt. Erst seit knapp zweieinhalb Jahren trägt der ex-jugoslawische Binnenstaat den Namen „Nordmazedonien“. Gegründet wurde die ehemals südlichste Teilrepublik Jugoslawiens am 08. September 1991 als „Republik Mazedonien“. Dies jedoch missfiel Griechenland, das Gebietsansprüche auf die griechische Region Makedonien befürchtete. Aus diesem Grund änderte der ex-jugoslawische Staat seinen Namen zunächst in „Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“. Die Regierungen beider Länder einigten sich schließlich auf „Nordmazedonien“. Am 12. Februar 2019 trat die Namensänderung in Kraft. 

Bis zu den Balkankriegen 1912/1913 hatte auch Nordmazedonien zum Osmanischen Reich gehört. Nach Ende der Kriege wurde Makedonien zwischen Griechenland, Serbien und Bulgarien aufgeteilt. Der später jugoslawische Teil Makedoniens wurde fortan als „Südserbien“ bezeichnet. Zwischen den Weltkriegen wurde das heutige Nordmazedonien Teil des Königreichs Jugoslawien. Mit Errichtung der Sozialistischen Republik Jugoslawien erlangte „Mazedonien“ den Status einer eigenständigen Teilrepublik. 

Heute ist Nordmazedonien eine parlamentarische Demokratie. Die nordmazedonische Verfassung orientiert sich am deutschen Grundgesetz. Gesetzgebend ist ein Parlament mit 123 Abgeordneten, die für vier Jahre gewählt werden. Die letzten Wahlen fanden im Juli 2020 statt. Die meisten Stimmen errang die „Sozialdemokratische Liga Mazedoniens“. Sie stellt den Ministerpräsidenten Zoran Zaev. Eine GRÜNE Partei gibt es in Nordmazedonien mit der „Demokratska Obnova na Makedonija“ (Demokratische Erneuerung Mazedoniens) vertreten, die 2008 gegründet wurde und sich für ökologische und linke Ziele einsetzt. Im Parlament ist sie allerdings aktuell nicht vertreten.  

Seit 2005 ist Nordmazedonien offizieller Beitrittskandidat zur EU, seit 2020 gehört das Land der NATO an.

Der starre, überdimensionierte Beamtenapparat – Erbe des sozialistischen Staates – und ausufernde Korruption hinderten nicht nur die Beitrittsgespräche mit der EU, sondern wirkten sich auch negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung Nordmazedoniens aus. Bereits in jugoslawischen Zeiten hatte das Land zu den wirtschaftlich schwächeren Teilrepubliken gehört. Reformen konnten die Situation bessern, noch immer ist die Arbeitslosigkeit jedoch hoch, vor allem unter Jugendlichen: Fast jede*r zweite junge Mensch ist arbeitssuchend. 

 

Vielvölkerstaat mit Konflikten

 

Nordmazedonien ist ein Vielvölkerstaat: Die rund zwei Millionen Einwohner*innen verteilen sich auf über neun Ethnien. Neben slawischen Mazedonier*innen (etwa 64 Prozent) leben auch Alber*innen (etwa ein Viertel), Türk*innen, Roma, Serben, Bosniaken und Aromunen in dem ehemaligen jugoslawischen Staat. Die Volksgruppen leben weitgehend isoliert voneinander. Immer wieder kommt es zu Konflikten; 2001 wäre hieraus fast ein Bürgerkrieg entstanden, nachdem albanische Guerilla-Kämpfer einige Dörfer im Nordwesten des Landes besetzt hatten. Amtssprache war seit Erlangung der Unabhängigkeit Mazedonisch; 2018 wurde Albanisch als zweite Amtssprache eingeführt. Gemeinden, in denen mindstens 20 Prozent Türk*innen leben, dürfen darüber hinaus Türkisch als Amtssprache festlegen. 

Die Mazedonier*innen (so dürfen die Einwohner*innen Nordmazedoniens auch seit 2019 weiterhin bezeichnet werden) bekennen sich überwiegend zum orthodoxen Christentum (etwa zu zwei Dritteln) oder zum Islam (ein Drittel der Bevölkerung). Seit der Unabhängigkeit hat auch in Nordmazedonien die Bedeutung von Religion als identitätsstiftendes Merkmal wieder zugenommen. 

 

„Die“ nordmazedonische Kultur gibt es nicht

Das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionen hat zur Folge, dass es „die“ nordmazedonische Kultur nicht gibt, sondern sich verschiedene Einflüsse bestenfalls mischen. 

Die mazedonische Küche ist nicht nur von mediterranen, sondern historisch bedingt auch von orientalischen Einflüssen geprägt. So wird ein kaltes Vorspeisenbuffet mit Schinken, Speck, Eiern, Gemüse und Käse in Nordmazedonien als „Meza“ bezeichnet, beliebte mazedonische Gerichte wie Tarator, eine kalte Suppe aus Joghurt und Gurken oder Kaymak, eine Art Schichtsahne, die als Süßspeise oder Beilage gereicht wird, sind türkischen Ursprungs. Generell spielen Fleisch, Getreide, Reis und Olivenöl bei der Speisenzubereitung eine große Rolle, die Gerichte fallen eher deftig aus. Das Nationalgericht heißt „Tavche Gravche“ und ist ein Auflauf aus weißen Bohnen. 

Den verschiedenen Kulturen geschuldet, gelten die Feiertage oft nicht einheitlich: Nur Orthdoxe feiern beispielsweise das Weihnachtsfest am 06. und 07. Januar, nur Serb*innen den Sava-Gedenktag am 27. Januar, nur die Roma den Internationalen Tag der Roma am 08. April und nur die Muslime das Opferfest. Der „Tag der Republik“ am 02. August, der Unabhängigkeitstag am 02. September und der „Tag des Volksaufstandes“ am 11. Oktober sind nationale Feiertage, bei denen oft auch noch der Folgetag frei ist. 

Vor allem in den 70er Jahren kamen zahlreiche Jugoslaw*innen auch aus Nordmazedonien als „Gastarbeiter*innen“ nach Deutschland, seit der Unabhängigkeit sind Familien oft nachgezogen. In Frankfurt leben heute 1.700 Mazedonier*innen.

In Frankfurt könnt ihr an vielen Ecken die „Balkan-Küche“ genießen, Restaurants mit rein mazedonischen Spezialitäten sucht man im Rhein-Main-Gebiet allerdings vergeblich. Mazedonische Kultur könnt ihr bei Veranstaltungen des Mazedonischen Kultur- und Sport Vereins MKSV Makedonija Frankfurt erleben.

 

Zum Weiterlesen:

Kapka Kassabova, Am See. Reise zu meinen Vorfahren in Krieg und Frieden. Hanser Literaturverlage 2021, ISBN 978-3-553-072312. Die Autorin begibt sich am Ohridsee auf Spurensuche nach ihrer Familiengeschichte. 

 

Zum Weiterschauen:

Land des Honigs (2019) – Dokumentarfilm, der eine Wildimkerin in Nordmazedonien begleitet und das Leben der Menschen im Einklang mit der Natur beschreibt. Abrufbar bei Amazon Prime, MagentaTV, Apple und Google Playstore.

 

In Frankfurt

MKSV Makedonija Frankfurt: https://www.facebook.com/MKSV-Makedonija-Frankfurt-eV-404242519657047/

 

 

09. September: Nationalfeiertag in Nordkorea

 

Der „ewige Präsident“

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nicht nur Deutschland, sondern auch Korea in eine amerikanische und eine sowjetische Zone geteilt. Am 09. September 1948 wurde die „Demokratische Volksrepublik Korea“ proklamiert. Der nördliche Teil der koreanischen Halbinsel mit der Hauptstadt Pjöngjang ist seither offiziell eine sozialistische Republik, de facto jedoch ein diktatorisch regierter Militärstaat, der sich weitgehend isoliert hat. 

Fast ein halbes Jahrhundert – von 1948 bis 1994 regierte Präsident Kim Il-sung das Land quasi als Alleinherrscher. Er schaltete die china- und sowjettreuen Funktionäre aus und ersetzte die ursprüngliche marxistisch-leninistische Anschauung durch seine eigene „Chunch´e-Ideologie“, die im wesentlichen seinen eigenen Führungsanspruch festigte. „Chunch´e“ bedeutet übersetzt so viel wie „Subjekt“ -  der Mensch soll die Entwicklung der Gesellschaft selbst mitgestalten. Was sich erst einmal positiv anhört, läuft in Nordkorea jedoch darauf hinaus, dass der Einzelne seine Interessen dem Gemeinwesen unterzuordnen hat – geführt von einer starken Persönlichkeit, nämlich Kim Il-sung. Dieser baute den Kult um seine Person und seine Familie immer mehr aus. Per Verfassungsänderung erklärte er sich zum „ewigen Präsidenten“. Aus diesem Grund ist das Präsidentenamt seit dem Tod Kim Il-sungs 1994 von Rechts wegen unbesetzt, auch wenn sein Sohn Kim Jong-il und – nach dessen Tod 2011 – sein Enkel Kim Jong-un die Führung de facto übernommen haben. 

Auch wenn Nordkorea verfassungsmäßig kein Ein-Parteien-Staat ist, dominiert die „Partei der Arbeit Koreas“ das politische Geschehen. Die Abgeordneten der „Obersten Volksversammlung“ werden auf fünf Jahre gewählt, wobei die Wahlen nur auf dem Papier frei sind und die Kandidat*innen der „Partei der Arbeit“ stets 100 Prozent der Stimmen erhalten. Das Parlament übt freilich nur formal die höchste Macht aus, es tritt nur wenige Male im Jahr zusammen. 

 

Isoliert von der Welt

 

Während sich Südkorea nach der Teilung zu einer industriellen Wirtschaftsmacht entwickelte, ging es mit der wirtschaftlichen Entwicklung Nordkoreas immer weiter bergab. Alle Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe befinden sich in staatlicher Hand, wobei sich die Regierung vor allem auf die militärische Schwerindustrie konzentrierte. Vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sanken die Staatseinnahmen rapide. Mehrfach in der Geschichte Nordkoreas kam es zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung. 

Diese Entwicklung war mit ein Grund dafür, dass sich Nordkorea immer mehr von der Welt isolierte – vor allem vor Südkorea sollte die wirtschaftliche Lage verborgen bleiben. Auch wenn unter Kim Jong-un eine vorsichtige Annäherung der beiden koreanischen Staaten erfolgen konnte, schottet sich Nordkorea weiterhin nach außen ab. Eine freie Presse gibt es in der Volksrepublik nicht, das Internet ist quasi ein „Intranet“, in dem alle ausländischen Webseiten gesperrt sind. Nur wenige Personen in Nordkorea haben freien Zugang zum World Wide Web. Für Ausländer*innen ist es nahezu unmöglich, nach Nordkorea einzuwandern, auch Tourist*innen dürfen sich nicht frei im Land bewegen. Nordkoreaner*innen hingegen dürfen das Land nicht verlassen; nicht einmal innerhalb Nordkoreas dürfen sie ihren Aufenthaltsort frei wählen. Seit 2008 ist auch die früher nur schwach bewachte Grenze nach China so gut wie abgeriegelt. Dennoch gelang im Laufe der Jahre mehreren Hunderttausend Nordkoreaner*innen die Flucht nach Südkorea, China oder auch nach Europa. In Frankfurt sind heute 62 Menschen aus Nordkorea zu Hause. 

 

Von Geburt an verdächtig

 

Die nordkoreanische Kultur wird vollkommen vom Kult um den verstorbenen „Großen Führer“ Kim Il-sung und seine Nachkommen geprägt. Ihnen zu Ehren findet jährlich das Arirang-Festival statt, das am 15. April, dem Geburtstag Kim Il-sung beginnt, zwei Monate dauert und mit Militärparaden und Massen-Gymnastikvorführungen zelebriert wird. Nur in dieser Zeit ist es auch für  Südkoreaner*innen möglich, Visa für Nordkorea zu erhalten.  

Die „Partei der Arbeit“ und ihr „Oberster Führer“ wirken über Massenorganisationen und gesellschaftliche Kontrolle in alle Bereiche des Alltags hinein. Fast wie im indischen Kastenwesen ist die nordkoreanische Gesellschaft in drei „Kasten“ geteilt, was als „Songbun“ bezeichnet wird. Genossen (loyale Personen), „schwankende Personen“ und „feindlich gesinnte Personen“. Wer in welche Kategorie fällt, entscheidet sich nicht nach vorangegangenen politischen Aktivitäten, sondern nach der Herkunft, des ausgeübten Berufes und der Religion. So gehören beispielsweise Arbeiter*innen, die aus einer Arbeiterfamilie stammen zum Kreis der „loyalen Personen“, während Anhänger*innen des christlichen Glaubens per se als feindlich gesinnt eingestuft werden. Besonders in Pjöngjang war das Christentum neben den traditionellen Religionen Buddhismus und Konfuzianismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark vertreten, hier gab es rund 100 christliche Kirchen. Heutzutage müssen Christ*innen mit Verfolgung und Inhaftierung in „Umerziehungslagern“ rechnen – obwohl die Verfassung de facto die Religionsfreiheit garantiert. 

Das Songbun entscheidet über den Zugang zu Schulen, Hochschulen, Berufen und sogar zu staatlich subventionierten Lebensmitteln. Schätzungsweise ein Viertel der Bevölkerung wird der Gruppe der „feindlich Gesinnten“ zugerechnet. Wer die Regierung kritisiert oder bei einem Fluchtversuch erwischt wird, wird streng bestraft, unter anderem mit Inhaftierung und Folter in „Konzentrationslagern“. Dabei gilt in Nordkorea Sippenhaft; verhaftet werden auch Familienangehörige. Selbst die in den Lagern geborenen Kinder dürfen dieses nicht verlassen, sondern bleiben im Zweifel lebenslang inhaftiert. 

 

Zum Weiterlesen:

Rudolf Bussmann: Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land. Rotpunktverlag Zürich 2021. ISBN 978-3858699091. Ein Reisebericht durch Nordkorea.

 

Zum Weiterschauen:

Der Maulwurf – Undercover in Nordkorea. Die zweiteilige Doku begleitet zwei Männer, die undercover die Verstrickungen Nordkoreas in den internationalen Waffenhandel beweisen wollen. Abrufbar in der 3Sat-Mediathek.

 

10. September: Ganesh Chaturthi

 

Vor allem  Indien feiern Hindu das Fest Ganesh Chaturthi, den Geburtstag der hinduistischen Gottheit Ganesha, der in diesem Jahr auf den 10. September fällt. Die Feierlichkeiten dauern bis zu zehn Tagen an. 

Ganesha ist der Gott der Weisheit, des Wohlstands und des Glücks. Er wird mit einem Elefantenkopf und vier Händen dargestellt. In den Händen hält er einen Dreizack, der Strafe symbolisiert, einen Treibstock, der für die Kontrolle des Bewusstseins steht, eine Lotosblüte zur Segnung der Menschheit und einen Rosenkranz für Glückseligkeit. 

Figuren der Gottheit, sogenannte Murtis, werden vor dem Fest mit Blumen und Lichtern geschmückt und zum Fest an öffentlichen Plätzen, in Schulen, aber auch in den Häusern und Wohnungen aufgestellt. 

Wie alle religiösen Feiern beginnt auch Ganesh Charturthi mit einem Besuch des Tempels, wo dem Gott Opfergaben in Form von Kokosnüssen und süßem Brei dargebracht werden. An vielen Orten finden Veranstaltungen wie Konzerte, Wettkämpfe, Ausstellungen, Yoga- und Theatervorführungen statt. Oft wird dabei auch für wohltätige Zwecke gesammelt. Natürlich dient das Fest auch dem Besuch von Familie und Freunden. 

Am 11. Tag schließen die Feierlichkeiten mit einer Prozession: Von Musik und Tanz begleitet werden die Ganesha-Figuren durch die Straßen getragen und am Ende im Fluss versenkt. Dies soll den Gott symbolisch auf die Rückreise in seine Heimat auf dem Berg Kailash schicken und ihm alles Pech und Missgeschick der Menschheit mitgeben. 

 

11. September: Koptisch-Äthiopisches Neujahrsfest

 

In Äthiopien beginnt das neue Jahr (nach koptischer Zeitrechnung das Jahr 1738) am 11. September. An diesem Tag, dem 1. Meskerem feiern Äthiopier*innen Khuds Yohannes Enkutatash, das Äthiopische Neujahrsfest. Es ist  zum einen Johannes, dem Täufer gewidmet, der nach äthiopischer Überlieferung an diesem Tag ermordet wurde. Für die koptischen Christ*innen symbolisiert Johannes, der Täufer den Übergang von Alten zum Neuen Testament. Zum anderen gedenken die Äthiopier*innen an diesem Tag der Rückkehr der Königin von Saba aus Jerusalem 980 v.Chr. Aus Anlass der Rückkehr erhielt die Königin damals das Enkutatsh, ein edles, mit Schuck und Edelsteinen gefülltes Kästchen.

In Erinnerung an diese Gabe machen sich die Menschen zu Neujahr heute Geschenke: Kinder erhalten meist Kleidung und revanchieren sich bei ihren Eltern mit einem großen Blumenstrauß, denn gefeiert wird in Äthiopien zugleich das Ende der Regen- der Beginn der Sommerzeit, in der alles grünt und blüht. 

Vor dem Fest fasten koptische Christ*innen in Ägypten und Äthiopien, indem sie ausschließlich rote Datteln zu sich nehmen. Die rote Schale steht für das Blut der Märtyerer, das weiße Fruchtfleisch symbolisiert das reine Herz und der Kern die Standhaftigkeit im Glauben. 

 



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