22.08.2021

Diversity Diary: Wenn Kornkammer und Obstgarten leer sind…

24. August: Unabhängigkeitstag der Ukraine

 

Vom Sowjetstaat zum eigenständigen Staat

 

Nach Russland ist die Ukraine der zweitgrößte Staat in Europa. Lange Zeit hatten beide Länder zur Sowjetunion gehört. Nach deren Zerfall erlangte die Ukraine am 24. August 1991 die Unabhängigkeit. Noch immer kämpft die Ukraine jedoch um ihre Identität zwischen Westorientierung und der Bindung an Russland. Im Februar 2014 besetzten russische Truppen die Krim und Teile der Ostukraine. Bis heute dauert der Konflikt an. 

Nach dem Untergang der Sowjetunion fiel die Ukraine in eine Wirtschaftskrise, die durch die Belastungen aus der Katastrophe von Tschernobyl und die schrittweisen Privatisierungen der Betriebe noch verstärkt wurde. Auch wenn sich die Wirtschaft seither stabilisiert hat, lebt nahezu jede*r zweite Ukrainer*in lebt heute in bescheidenen Verhältnissen.  

 

Die „Kornkammer Osteuropas“ ist bedroht

 

Die Ukraine ist der siebtgrößte Getreideproduzent der Welt, zu Sowjetzeiten war sie als die „Kornkammer der Sowjetunion“ bekannt. Obwohl die natürlichen Bedingungen für den landwirtschaftlichen Anbau in der Ukraine sehr gut sind – das Land verfügt über die fruchtbarsten Böden der Welt und die Sommer sind – zumindest im Norden – mild mit viel Niederschlag, wirken sich die falsche Bewirtschaftung, die Katastrophe von Tschernobyl und die Abholzung der Waldsteppen während der Sowjetzeit negativ aus. Die Krimregion und der Budschak in Bessarabien sind jedoch für ihren Obst- und Weinanbau bekannt. Die Sonnenblume ist die ukrainische Nationalpflanze. Die Ukraine verfügt im Nordwesten über das größte Sumpfgebiet Europas. Der Süden ist von trockener Steppe mit heißen Sommern geprägt. In den Karpaten liegen die letzten Urwälder Europas. Seit 2007 zählen sie zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Zeitweise gehörte die Ukraine zu den Ländern mit den höchsten Energieverbrauch in Europa. Die Energie stammt dabei fast ausschließlich aus Kohle, Erdgas und Kernenergie. Am Dnepr befindet sich das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas. 

Seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl, von dem vor allem die nördliche Ukraine stark betroffen war und dem Tankerunglück im Schwarzen Meer 2010, legt die ukrainische Regierung zunehmend Wert auf Natur- und Umweltschutz. 18 Nationalparks sind mittlerweile ausgewiesen. 

 

Die höchste Sterberate der Welt

 

Mit nur 44 Millionen Einwohner*innen gehört die Ukraine zu den eher dünn besiedelten Staaten. Neben der ukrainischstämmigen Mehrheit leben rund 17 Prozent Russen im Land. Die polnische und deutsche Minderheit, die bis zum Zweiten Weltkrieg in der Ukraine ansässig war, wurde infolge des Krieges ermordet oder vertrieben. Viele ukrainische Juden und Jüdinnen fielen den Nazis zum Opfer (unter anderem im Massaker von Babi Jar). Seit dem Ende der Sowjetunion ist die Bevölkerungszahl rückläufig – der sinkenden Geburtenrate steht eine der höchsten Sterberaten der Welt gegenüber. Die Lebenserwartung ukrainischer Männer beträgt lediglich 67, 1 Jahre (Frauen werden im Schnitt 76,9 Jahre alt). Eine der Hauptursachen dafür ist das Fehlen einer staatlichen Krankenversicherung – kostspielige medizinische Behandlungen können sich viele Menschen schlicht nicht leisten. Dazu kommt eine hohe Zahl an Emigrant*innen: Rund 6 Millionen Ukrainer*innen wohnen im Ausland. Nach Frankfurt sind 2.317 Ukrainer*innen ausgewandert. Wissenschaftler*innen schätzen, dass im Jahr 2050 nur noch 36 Millionen Menschen in der Ukraine leben werden.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist Ukrainisch die alleinige Amtssprache des Landes, auch wenn fast jede*r Dritte Russisch als Muttersprache spricht. 

 

Politik: Zwischen Russland und dem Westen

 

An der Forderung, Russisch wieder als Amtssprache einzuführen, zeigt sich die Spaltung der ukrainischen Parteienlandschaft: Während die „Partei der Regionen“, die „Oppositionsplattform Für das Leben“ und die „Kommunistische Partei“ auf eine enge Bindung an Russland bedacht sind, orientieren sich die „orangen Parteien“ („Diener des Volkes“, „Vaterland“, „Europäische Solidarität“ und „Stimme“) nach Westen. Staatsoberhaupt der Ukraine ist der bzw. die für fünf Jahre vom Volk direkt gewählte Präsident*in, die Regierung wird von einem/einer Ministerpräsident*in geleitet. Der Werchowna Rada, dem Parlament, gehören 450 Abgeordnete an. Aktuell führend ist die sozial-liberale Partei „Diener des Volkes“. Die „Partei der GRÜNEN“ (PZU) ist aktuell nicht in der Rada vertreten. 

Die Ukraine gliedert sich in 24 „Oblaste“ (Bezirke), dazu kommen die Hauptstadt Kiew, die Stadt Sewastopol und die Autonome Republik Krim. Die Ukraine ist als Einheitsstaat konzipiert, erst in den letzten Jahren erhielten die Bezirke mehr Befugnisse. 

Die Ukraine ist Gründungsmitglied der Vereinten Nationen. Den Beitritt zur NATO und zur EU strebt sie an.

 

Petrykiwka und Wareniki: Leben in der Ukraine

 

Beliebte Ziele für Tourist*innen sind neben der Hauptstadt Kiew die Innenstadt von Lwiw, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt sowie die Schwarzmeerküste. Auch die Thermalkurorte in den Karpaten sind gut besuchte Reiseziele. 

Religiöse Feiertage werden in der Ukraine  - mit Ausnahme von Weihnachten, das sowohl am 25. Dezember als auch am 07. Januar gefeiert wird – nicht begangen. Der Internationale Frauentag am 08. März ist hingegen neben 01. Mai ein gesetzlicher Feiertag. 

Einen hohen Stellenwert hat in der Ukraine die Volkskunst. Bekannt ist die Petrykiwka-Malerei, die seit 2013 zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört. Sie dekoriert Keramik mit floralen Mustern, beispielsweise einem Bündel roter Beeren (Kalyna). 

Die ukrainische Küche ist von der russischen, deutschen, türkischen, polnischen und ungarischen Küche beeinflusst. Sie beinhaltet meist deftige Gerichte, bei denen eine Vielzahl von Lebensmitteln - Kartoffeln, Fleisch, Früchte, Pilze, Beeren und Kräuter – verarbeitet werden. Die Hauptmahlzeit ist das meist dreigängige Mittagessen, das gegen 14.00 Uhr eingenommen wird. Bekannte Gerichte sind Bortschtsch, Soljanka und Wareniki (gekochte Teigtaschen). Das „Kiewer Kotelett“ ist ein paniertes Hühnerfilet mit Kräuterbutterfüllung. Die Ukrainer*innen bevorzugen Tee gegenüber Kaffee. Traditionell beliebt ist Wodka. Zu den Mahlzeiten werden häufig Kompottgetränke getrunken, die, vor allem auf dem Land, selbst hergestellt werden. 

Ukrainische Spezialitäten könnt ihr in Frankfurt im Restaurant Watra im Westend genießen. Interessante Kulturveranstaltungen bietet der Ukrainische Verein Frankfurt a.M. 2018 war die Ukraine Gastland der Frankfurter Buchmesse.

 

Zum Weiterlesen:

Stanislaw Assejew: In Isolation. Edition FotoTapeta, Berlin 2020, ISBN 978-3940524942. Texte zur Situation im Osten der Ukraine. 

Lana Lux: Kukolka. Aufbau Verlag Berlin, 2017. ISBN 978-3351036935. Erzählt die Geschichte eines Mädchens im Kiew der 90er Jahre. 

 

Zum Weiterschauen:

Maidan (2015). Dokumentarfilm über die Ereignisse auf dem Maidan 2015. Abrufbar auf vimeo.com 

 

In Frankfurt:

 

Watra, Grüneburgweg 29, Frankfurt-Westend

Ukrainischer Verein Frankfurt e.V.: www.ukraine-frankfurt.de

 

27. August: Unabhängigkeitstag in Moldau

 

Vom Russischen Kaiserreich zur eigenständigen Republik

 

Auch die Republik Moldau, alltagssprachlich „Moldawien“ genannt, war Teil der Sowjetunion gewesen. Anders die Ukraine hatte Moldau bis zum 27. August 1991 nie als eigener Staat existiert. Von 1812 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges hatte es zum Russischen Kaiserreich gehört; bis zum Zweiten Weltkrieg fiel es an Rumänien. Zu Rumänien bestehen auch heute noch enge Beziehungen; eine nicht unbedeutende Bewegung hatte Anfang der 90er Jahre den Anschluss an Rumänien anstelle der Unabhängigkeit befürwortet. Moldauer*innen mit rumänischen Vorfahren haben Anspruch auf die rumänische Staatsangehörigkeit; viele nutzen aufgrund der größeren Reisefreiheit diese Möglichkeit.

Moldau liegt zwischen der Ukraine und Rumänien und ist flächenmäßig etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen. Auch wenn das Land nach dem gleichnamigen Fluss benannt ist, fließt die Moldau nicht durch das heutige Staatsgebiet.

 

 

Vom Obstgarten der Sowjetunion zum ärmsten Land Europas

 

Wie in der Ukraine ist auch in Moldau der Boden fruchtbar; das warme und trockene Klima mit milden Wintern und langen heißen Sommern ist für den Wein- und Obstanbau ideal. Zu Sowjetzeiten galt Moldau als „Obstgarten der Sowjetunion“. Knapp ein Drittel der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft. Doch auch wenn der Weinbau in Moldau eine lange Tradition hat und Wein einer der Hauptexportartikel ist, konnten sich die moldawischen Weine auf dem Weltmarkt nicht so richtig durchsetzen. Seit Erlangung der Unabhängigkeit hat sich Moldawien von einer der wohlhabendsten Sowjetrepubliken zu einem der ärmsten Länder Europas entwickelt. Viele Moldauer*innen müssen sich Arbeit im europäischen Ausland suchen, während ihre Kinder nicht selten allein in Moldau zurückbleiben. Rund ein Sechstel der Bevölkerung hat Moldau seit Beginn des Jahrtausends verlassen.

 

Streit um die Amtssprache führte zum Konflikt

 

Rund 70 % der 2,5 Millionen Einwohner*innen leben in der Hauptstadt Chisinãu oder den anderen großen Städten. Die Bevölkerung Moldaus ist multiethnisch: Der überwiegende Anteil (62 Prozent) sind rumänischsprachige Moldauer*innen, daneben leben auch Ukrainer*innen, Gagausen, Russen und Bulgaren in Moldau. Der überwiegende Anteil der russischen und ukrainischen Moldauer*innen sind in der Region Transnistrien beheimatet. 

Auch wenn die russische Sprache von 99 Prozent der Bevölkerung verstanden und gesprochen wird und im Alltag und Wirtschaftsleben präsent ist, ist seit dem 31. August 1989 Rumänisch die alleinige Amtssprache Moldaus. Der Tag wird sogar als offizieller Feiertag (Limba Noastrã cea Românã) begangen. 1991 wurde das zuvor verwendete kyrillische Alphabet abgeschafft und die Einführung der lateinischen Schrift beschlossen. Schüler*innen der Minderheiten haben allerdings einen Anspruch darauf, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Daneben wird bereits in der Grundschule Französisch gelehrt.

Wie auch in der Ukraine spielte der Streit um die Amtssprache eine wesentliche Rolle im Konflikt mit Transnistrien und Gaugasien. Die überwiegend von russisch- und ukrainischstämmigen Menschen bewohnten Gebiete erkannten die Abschaffung der russischen Amtssprache und des kyrillischen Alphabetes nicht an. 1990 erklärte sich Gaugasien für unabhängig. In Transnistrien eskalierte der Konflikt und forderte über 1000 Todesopfer, bevor auch dieses Gebiet 1992 de facto autonom wurde. Während der Status Quo in Transnistrien bis heute fortdauert, kehrte Gaugasien 1994 zur Republik Moldau zurück. 

 

Eine weibliche Doppelspitze prägt die Politik

 

Die Republik Moldau definiert sich -  ähnlich wie die Schweiz – als neutraler Staat. Der oder die Präsident*in wird nicht direkt vom Volk, sondern vom Parlament gewählt, das aus einer Kammer besteht und 101 Sitze hat. Mit Maia Sandu bekleidet seit November 2020 erstmals eine Frau das Amt. Auch die Regierungsspitze ist weiblich besetzt: amtierende Ministerpräsidentin ist Natalia Gavrilita. Auch in Moldau spalten sich die Parteien entlang der Frage nach dem Verhältnis zu Russland bzw. zu Westeuropa. Dies betrifft auch die derzeitige Regierungskoalition, denn während die derzeit führende Partei, die Partei der Sozialisten, prorussisch eingestellt ist, gilt der Koalitionspartner, das liberale Wahlbündnis Acum-Platforma als proeuropäisch. 

Moldau ist (noch) nicht Mitglied der EU; Assoziierungsabkommen haben allerdings eine Freihandelszone und Visafreiheit für Moldauer*innen innerhalb Europas geschaffen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung würde einen EU-Beitritt befürworten. Seit 1992 gehört Moldau der UNO an. 

Umwelt- und Klimaschutz spielen in Moldau (noch) eine untergeordnete Rolle. Nicht einmal zwei Prozent der Staatsfläche sind als Naturschutzgebiete ausgewiesen, einen Nationalpark gibt es nicht. 

 

Die Nähe zu Rumänien prägt Kultur und Küche

 

Über 90 Prozent der Moldauer*innen bekennen sich zur christlich-orthodoxen Kirche. Das christliche Brauchtum konnte sich auch in der Sowjetzeit erhalten. Viele Kirchen wurden nach der Unabhängigkeit wieder errichtet oder neu gegründet. Die moldawischen Klöster und Kirchen sind auch für Tourist*innen beliebte Sehenswürdigkeiten. Bis zur Machtergreifung durch die Nazis war Moldau, vor allem die Hauptstadt Chisnãu, auch ein Zentrum des jüdischen Lebens gewesen – viele Jüdinnen und Juden fielen dem Holocaust zum Opfer oder wanderten nach Israel oder in die USA aus. 

Die Nähe zu Rumänien wird auch in der Kultur deutlich. So ähnelt die traditionelle moldawische Musik der Rumäniens. Bis heute steht die Volksmusik im Zusammenhang mit jahreszeitlichen Festen und Riten. Auch die Hirtenmusik, zur Begleitung von Flöten, Maultrommeln und Sackpfeifen gesungene Heldenepen, ist charakteristisch. Auch die moldawische und rumänische Küche ähneln sich. Typisch ist Brãnzã, ein nur wenige Tage in Salzlake gereifter Schafskäse, der zu Brei, Suppen und Süßspeisen verarbeitet wird. Gemüse und Hülsenfrüchte machen oft mehr als die Hälfte eines Gerichtes aus. Fleischgerichte werden häufig in einer Soße aus Rotwein und Tomatensaft gereicht. Eine besondere Spezialität ist Muscã, ein gepökelter und geräuchterter Schinken. Bekannte Gerichte sind auch Drob de miel, mit Hammelinnereien gefüllte Teigtaschen und Scrob, ein Omelett mit Schafskäse und anderen Zutaten. Desserts, Süßspeisen und Früchte werden oft mit Traubenmost zubereitet. 

In Frankfurt leben 969 Moldauer*innen. Um ihnen im November 2020 die Teilnahme an der Parlamentswahl zu ermöglichen, wurde im FSV-Stadion ein Wahllokal eingerichtet. Hunderte – teilweise weit hergereiste Moldauer*innen nutzten die Gelegenheit zur Wahl; vor dem Stadion bildeten sich lange Schlangen. In Frankfurt, genauer gesagt in einer Villa im Dornbusch, residiert übrigens der einzige moldauische Generalkonsul weltweit – in allen anderen Ländern gibt es lediglich Botschafter*innen. 

 

Zum Weiterlesen:

Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens. Zsolnay Verlag Wien 2015. ISBN 978-3352057326, erzählt von Geschwistern, die allein in Moldawien zurückbleiben, während ihre Eltern im europäischen Ausland Geld verdienen müssen.

 

Zum Weiterschauen:

What A Wonderful World (2014), erzählt von einem Studenten, der bei den Wahlprotesten 2009 zwischen die Fronten gerät. Erhältlich auf DVD.



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