18.07.2021

Diversity Diary: Spaltungen und Verbindungen

19. – 23. Juli: Opferfest Id-al-Adha

 

In der Nacht des heutigen Sonntag auf den Montag beginnt eines der höchsten islamischen Feste. Bis Freitag feiern Muslim*innen auf der ganzen Welt das Opferfest, das auf Arabisch Id-al-Adha und auf Türkisch „kurban Bayrami“ heißt. 

Mit dem Opferfest gedenken die Gläubigen dem Propheten Ibrahim, der aus Liebe zu Gott bereit ist, seinen einzigen Sohn Ismael zu opfern. Die Koransure entspricht der alttestamentarischen Erzählung von Abraham und Isaak. 

Das Opferfest ist auch einer der Höhepunkte des Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, die – neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, dem Almosen und dem Fasten zu Ramadan - eine der fünf Säulen des Islam bildet und die jede*r Gläubige einmal im Leben unternehmen soll. Der Hadsch ist nur einmal im Jahr, immer zur Zeit des Opferfestes im islamischen Monat Dhu.l-Hiddscha möglich. Am zweiten Tag der Pilgerfahrt begeben sich die Gläubigen zum Berg Arafat, etwa 20 Kilometer von Mekka entfernt. An dem Ort, an dem Mohammed kurz vor seinem Tod gepredigt hat, verharren die Pilger*innen bis zum Sonnenuntergang und bitten Gott um Vergebung ihrer Sünden. Dieses „Vor-Gott-Stehen“ ist einer der emotionalsten Momente der Reise und – neben der symbolischen Steinigung des Teufels in Mina und der Umrundung der Kabaa – fest vorgeschriebener Bestandteil des Hadsch. 

Das eigentliche Opferfest beginnt für Gläubige in aller Welt mit einem besonderen Gebet in der Moschee. Fester Bestandteil des Festes ist -  auch für die Hadschi in Mekka – das Schlachten eines Opfertieres. Zum Festmahl werden Familienmitglieder, Freunde und Verwandte eingeladen. Ein Teil des Fleisches wird traditionell Armen und Bedürftigen gespendet. Mit dem Opferfest feiern die Gläubigen die Hingabe an Gott und das Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit – im Mittelpunkt steht aber auch das Zusammensein mit Familie und Freunden. Vor allem die Kinder erhalten Geschenke; in größeren Städten finden auch Jahrmärkte und Feierlichkeiten statt. 

Viele muslimische Gemeinden – auch in Frankfurt – bieten in der Woche des Opferfestes Gottesdienste und Feiern an (wobei diese aufgrund der Pandemie nur unter Einschränkungen stattfinden können). Muslimische Schüler*innen können sich vom Unterricht befreien lassen.

 

 

20. Juli: Dia de la Indepedencia in Kolumbien

            

Es begann mit einer Blumenvase

 

Die Unabhängigkeit Kolumbiens begann am 20. Juli 1810 mit dem Streit um eine Blumenvase. Um diese baten separationswillige Kolombianer*innen den wohlhabenden Kaufmann Joaqin Gonzalez Llorente. Natürlich lehnte der Spanier die Bitte ab. Aus Streit und Beschimpfungen wuchs ein Aufstand, der binnen neun Jahren, angeführt von Simon Bolivar, zur Unabhängigkeitserklärung Kolumbiens von Spanien führte. Heute wird der 20. Juli mit vielen Festen, Paraden, Partys und natürlich Salsa-Musik gefeiert.

 

Staat der vielen Völker – Leben in Kolumbien

 

Der zweitgrößte südamerikanische Staat liegt am Pazifik zwischen Venezuela, Brasilien, Peru und Ecuador. Kolumbien ist nicht nur eines der Länder mit der größten Artenvielfalt der Welt – auf nur 0,7 Prozent der Erdoberfläche finden sich 10 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten - , sondern auch ein Land mit großer Diversität an Regionen und Bevölkerung, die eine voneinander weitgehend unabhängige Lebensweise und Kultur entwickelt haben. Knapp die Hälfte der Kolumbianer*innen sind Mestiz*innen, also Nachfahren der europäischen Kolonialisten und der indigenen Bevölkerung. 30 Prozent stammen von Europäer*innen ab, 14 Prozent sind Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven. Nur rund 3 Prozent gehören der indigenen Urbevölkerung an, sie teilen sich in 102 Volksgruppen. Sie sind oft Gewalt und Repressalien ausgesetzt, auch wenn ihnen inzwischen verfassungsrechtlich die Anerkennung garantiert und 200.000 Quadratkilometer Regenwald als Territorium zugesprochen wurden.

Auch regional unterscheiden sich die Mentalitäten: Die Paisas, die im Nordwesten des Landes leben, gelten als sparsam und unternehmerisch. Fröhlich und laut dagegen geht es bei den Costeños, den Bewohnern der Karibikküste zu. Die Caleños sind für ihre geruhsame Art bekannt; bei ihnen steht das Salsa-Tanzen hoch im Kurs. 

Entsprechend unterschiedlich ist die Landesküche: In der Region um Santander ist Ziegenfleisch beliebt, das etwa zum Reisgericht Pepitoria verarbeitet wird. Typisch für die Karibikküste ist Posta Negra, ein Schmorgericht mit Rindfleisch und Cola-Sauce, die Llaneros, die im Orinoco-Tal zu Hause sind, grillen gerne – vornehmlich Kalbfleisch. Während die Städter*innen eher ein leichtes Frühstück bevorzugen, startet man im ländlichen Raum üppig in den Tag; hier stehen morgens auch Fleisch und Suppen auf dem Tisch, oft werden auch die Reste des Abendessens verzehrt, was „Calentado“ genannt wird. Hauptmahlzeit ist das Mittagessen. Obwohl Kolumbien auch heute noch ein Kaffee-Land ist (nach der Blütezeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht der Export auch heute noch 15 % aus), bevorzugen die Einheimischen Instant-Kaffee. Sehr beliebt sind hingegen Fruchtsäfte.

Nach wie vor ist das Radio in Kolumbien ein bedeutsames Medium. Der Nationalsport Tejo beruht auf einem alten Indianerspiel, bei dem eine Kugel so in einen metallischen Kreis geworfen werden muss, dass sie auf einem mit Schießpulver gefüllten Beutel landet und diesen zum Explodieren bringt. 

Die rund 50 Millionen Einwohner*innen verteilen sich ungleich über das Land – fast 90 Prozent leben im Andengebiet. Das karibische Küstenland mit seinen Sumpfgebieten ist nur dünn besiedelt, das Küstentiefland, über das sich die tropischen Regenwälder erstrecken ist schon aufgrund der klimatischen Gegebenheiten weitgehend unbewohnt: Es herrscht sengende Hitze, im Jahr können bis zu 10.000 mm Niederschlag fallen. Tropenstürme und Überschwemmungen sind ein großes Problem. Viel angenehmer lebt es sich in der Hauptstadt Bogotá – hier beträgt die Durchschnittstemperatur „nur“ 14 Grad. 74 % der Bevölkerung ist in den Ballungsgebieten der großen Städte zu Hause, allein ein Sechstel in Bogota. 30 Städte haben mehr als 100.000 Einwohner*innen. Neben den klimatischen Bedingungen ist hierfür auch die Binnenvertreibung infolge der bewaffneten Konflikte ursächlich.

 

Vom Bürgerkrieg zur modernen Demokratie: Das politische System 

 

Mehr als 50 Jahre lang – von 1964 bis 2016 – herrschte in Kolumbien ein Bürgerkrieg von Guerillakämpfern, die – unterstützt von der Drogenmafia – gegen die Polizei und das Militär kämpften. Am 22. Juni 2016 konnte ein Friedensvertrag geschlossen werden; der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos wurde dafür 2016 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Heute ist Kolumbien eine parlamentarische Demokratie mit einem Zwei-Kammer-Parlament, das alle vier Jahre direkt gewählt wird und einem Präsidenten, der ähnlich wie das US-Vorbild eine starke Stellung innehat. Die Allianza Verde, die GRÜNE Partei Kolumbiens verfügt aktuell über 10 Sitze im Repräsentantenhaus und über 9 Sitze im Senat. Die kolumbianische Verfassung gilt als eine der fortschrittlichsten der Welt. 

 

Umweltschutz ist (noch) ein Papiertiger

 

So ist seit 1991 Umweltschutz verfassungsrechtlich festgeschrieben – 60 Verfassungsartikel beschäftigten sich direkt oder indirekt mit der Umwelt. Nicht nur die klimatischen Gegebenheiten, sondern auch Misswirtschaft trug zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen bei. Infolge von Bergbau, Entwaldung und Gewässerverschmutzung ist etwa ein Viertel der Feuchtgebiete bereits verschwunden. Dennoch hat das Umdenken in der Praxis noch nicht eingesetzt: Der Abbau von Gold und Kupfer soll weiter ausgebaut, Öl weiter gefördert werden, 2019 wurde die umstrittene Fracking-Methode in Kolumbien legalisiert. Jährlich 17.500 Menschen sterben infolge der Luftverschmutzung. 

 

Vom Kaffeeland zum Drogenkartell: Wirtschaft und soziale Struktur

 

Vor allem in der ersten Hälfte der 20 Jahre erlebte Kolumbien durch den Kaffee-Export eine wirtschaftliche Blütezeit. Allerdings trug diese erheblich zur sozialen Spaltung im Land bei. Heute verfügen die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung über mehr als 60 Prozent des gesamten Einkommens – 18 Prozent der Kolumbianer*innen leben in extremer Armut. Nur jede*r Dritte verfügt über eine Sozial- und Krankenversicherung. 78 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 45 Jahre. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts konnte die Armut gesenkt werden. Fast alle Kinder erfüllen die neunjährige Schulpflicht; fast 95 Prozent der erwachsenen Kolumbianer*innen können lesen und schreiben. Den Schulbesuch bis zum „Bacchillerato“, dem Abitur, können sich jedoch nur begüterte Familien leisten. 

 

Nach dem Ende der Militärdiktatur 1974 nahmen Misswirtschaft und Korruption zu, der Bürgerkrieg begünstigte den Aufstieg der Drogenmafia. Heute wird 70 Prozent des weltweit verfügbaren Kokains in Kolumbien produziert. Der Export von Kaffee ist in dieser Zeit von 90 auf 15 Prozent zurückgegangen – der Anbau von Koka-Pflanzen ist für viele Landwirte lukrativer. 100.000 Hektar betrug die Koka-Anbaufläche landesweit im Jahr 2007. 

Hohe Arbeitslosigkeit, Korruption und Kriminalität prägen den Alltag in Kolumbien. Kolumbien ist weltweit das Land mit den meisten Entführungen und politischen Morden. Vor allem für Gewerkschafter*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen ist das südamerikanische Land ein gefährliches Pflaster. Viele Menschen haben Kolumbien daher verlassen – in Frankfurt sind 1096 Kolumbianer*innen zu Hause. 

 

Zum Weiterlesen:

Gabriel Garcia Marquez, Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Fischer Taschenbuch, 2004, ISBN 978-3596162512.

Zum Weiterschauen:

Birds of Passage (2018), erzählt von einer kolumbianischen Ureinwohner-Familie, die Drogen verkauft. Abrufbar bei Amazon

In Frankfurt: 

Café Or´Doñez, Tiroler Straße in Sachsenhausen – kolumbianischer Kaffee, Fotobände zum Ansehen liegen aus           

Sapo Rey, Klappergasse 25, Frankfurt-Sachsenhausen

Paladar Latino, Battonnstr. 5, Frankfurt-Innenstadt

 

21. Juli: Nationalfeiertag in Belgien

 

Belgien feiert die Unabhängigkeit

 

Bis zum 04. Oktober 1830 war das heutige Belgien ein Teil der Niederlande. Am 21. Juli 1831 legte der erste belgische König, Leopold Prinz von Sachsen-Coburg, den Eid auf die Verfassung ab. Seit 1890 wird dieser Tag als Nationalfeiertag begangen – mit einem besonderen Gottesdienst in der Kathedrale von Brüssel, mit einer Militärparade zu Ehren der Königsfamilie, mit Ausstellungen, Konzerten, einem Tag der offenen Tür in vielen Museen und großem abendlichen Feuerwerk.

 

Flamen, Wallonen – und doch alle Belgier*innen?

 

Auch wenn viele Belgier*innen an diesem Tag „ihr“ Land feiern, ist Belgien kulturell wie politisch nach wie vor tief gespalten. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es keine „belgische“ Sprache gibt: In den nördlichen Gebieten - Antwerpen, Limburg, Ostflandern, Flämisch-Brabant und Westflandern – wird niederländisch, im Süden - in Hennegau, Lüttich, Luxemburg, Namur und Wallonisch-Brabant französisch gesprochen. Im Osten gibt es zudem ein kleines deutschsprachiges Gebiet, das von etwa 110.000 Belgier*innen bewohnt wird. Um die damit einhergehende Streitigkeiten zu befrieden, wurden in den 70er Jahren die kulturellen Gegebenheiten politisch abgebildet und ein Bundesstaat mit drei Regionen – dem niederländischen Sprachgebiet Flandern, dem französischsprachigen Wallonien und der offiziell zweisprachigen Hauptstadt Brüssel – und drei Gemeinschaften – der niederländischen, der französischen und der deutschsprachigen – geschaffen. Alle Regionen regeln beispielsweise das Schulwesen eigenständig, wenngleich auch vorgeschrieben ist, dass die jeweilige Fremdsprache der anderen Region verpflichtend unterrichtet werden muss. Spitzenpolitiker müssen beide Sprachen beherrschen, der König hält Ansprachen in allen drei Amtssprachen.

 

Alltag verbindet 

 

Auch das Kulturleben und die Medienlandschaft trennen sich an den Sprachgrenzen, ebenso wenig gibt es eine „belgische Küche“: Überregionale Spezialität sind jedoch Pommes Frites – auch die Belgischen Waffeln und die berühmten Pralinen erfreuen sich in ganz Belgien großer Beliebtheit. Ebenso sind Comics über die Sprachgrenzen hinweg beliebt – alle belgischen Buchhandlungen haben eigene Comic-Abteilungen, Werke großer Comic-Zeichnerinnen, darunter Hergé, der „Tim und Struppi“ erfand und Peyo, dem Schöpfer der „Schlümpfe“, können im Comic-Museum in Brüssel bewundert werden. Einig sind sich die Belgier*innen auch im Sport, nicht nur beim Anfeuern der belgischen Fußballnationalmannschaft, sondern auch beim Cyclocross, der Wintervariante des Radsports, deren Rennen von Zehntausenden besucht werden. 

 

Geteilte Parteienlandschaft

 

Geteilt ist hingegen die Parteienlandschaft – fast alle großen Strömungen spalten sich in eine flämische und eine wallonische Partei auf. Die flämische GRÜNE Partei heißt „Groen“ und hat aktuell acht Sitze im Parlament inne, ihre frankophone „Schwester“ ecolo verfügt über 13 Sitze. Insgesamt 150 Abgeordnete gehören der Abgeordnetenkammer, weitere 60 dem Senat an. Der König ist sowohl Teil der Legislative als auch der Exekutive. Seit 2020 regiert unter Premierminister Alexander de Croo eine „Vivaldi-Koalition“ mit sieben Parteien, darunter den GRÜNEN. Erstmals sind die Ministerämter paritätisch besetzt. 

Das Bruttoinlandsprodukt wird überwiegend in der flämischen Zone erwirtschaftet – die Flamen zahlen einen Solidarbeitrag an die Wallonen. Auch dies sorgt bei vielen für Unmut. 

Dennoch hat sich der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen in den letzten Jahren entspannt – für die jüngere Generation hat die Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe offenbar weniger Gewicht. Zwei Drittel der Belgier*innen sind proeuropäisch eingestellt; Belgien war Gründungsmitglied der EWG und zahlreiche bedeutende Institutionen der EU haben ihren Sitz in Brüssel. 

 

Katholisch und doch tolerant

 

Mit 11, 4 Millionen Einwohner*inne auf knapp 30.600 Quadratkilometern zählt Belgien zu den am dichtest besiedelten Staaten der Welt. Der wallonische Teil ist etwas größer als der flämische. 98 Prozent der Belgier*innen leben in den Städten – Belgien hat damit den höchsten Urbanisierungsgrad in Europa. Knapp ein Viertel der Belgier*innen haben eine Migrationsgeschichte; die größte Einwanderergruppe sind Marokkaner*innen. Umgekehrt leben 655 Belgier*innen in Frankfurt. 

Traditionell ist Belgien katholisch geprägt; 75 Prozent der Belgier*innen gehören der katholischen Kirche an. 

Dennoch herrscht im Land eine hohe Toleranz gegenüber Homosexuellen. Bereits 1974 wurde Homosexualität entkriminalisiert, als zweites europäisches Land führte Belgien 2003 die „Ehe für alle“ ein, seit 2007 sind auch kirchliche Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare möglich. Als einziges europäisches Land hat Belgien zudem die aktive Sterbehilfe legalisiert. 

Tourismus spielt in Belgien eine große Rolle – neben den vor allem bei den Brit*innen beliebten Kriegsdenkmälern in Westflandern, ziehen die Badeorte an der Nordsee, die Ardennen und auch die Stadt Brügge, das „Venedig des Nordens“ jedes Jahr zahlreiche Urlauber*innen an. 

Belgien hat eines der am dichtest ausgebauten Infrastrukturnetze und war das erste europäische Land mit einer Eisenbahnverbindung. Das dichte Verkehrsnetz ist eine Ursache dafür, dass Belgien zu den Ländern mit dem weltweit höchsten CO2-Ausstoß gehört. 

 

Zum Weiterlesen:

Jochen Schimmang, Mein Ostende, Mare Verlag Hamburg 2020, ISBN 978-3866482982

Hergé, Tim und Struppi auf dem Mond, Carlson Verlag Hamburg 2019, ISBN 978-3551733474

Zum Weiterschauen:

Les Barons (2009), erzählt von vier arbeitslosen jungen Männern aus Molenbeek 

In Frankfurt: 

Le Belge – belgisches Bierhaus und Restaurant, Bleichstr. 49, Offenbach

 

23. Juli: Tag der Revolution in Ägypten

 

Von der Hochkultur zum Arabischen Frühling

 

„Land oder Staat“ bedeutet der arabische Begriff „Misr“. Bis heute ist dies der arabische Name des Landes, in dem bereits vor 5000 Jahren eine der großen Hochkulturen der Weltgeschichte entstanden war. 

Bis heute sind die Pyramiden von Gizeh, die Tempel von Luxor und das Tal der Könige beliebte Ausflugsziele von Tourist*innen, bis heute gilt die Hauptstadt Kairo als das kulturelle Zentrum der afrikanischen und arabischen Welt.

Dabei hat das heutige Ägypten gerade in den letzten Jahrzehnten eine sehr wechselvolle Geschichte hinter sich und kämpft auch zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling mit politischen Instabilitäten.

Am 23. Juli 1952 wurde der ägyptische König Faruk durch einen Militärputsch gestürzt und die Republik ausgerufen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich Ägypten über eine sozialistische Republik hin zu einem mehr oder weniger diktatorisch geführten Staat. 

Über Jahrzehnte problematisch war das Verhältnis zu Israel gewesen; nach der Staatgründung gehörte Ägypten zu den Ländern, die den jungen Staat 1948  - erfolglos – angriffen. Es folgten der Sechstagekrieg von 1967, in dem Israel die Sinai-Halbinsel besetzten und der Jom-Kippur-Krieg 1976. Erst 1979 konnte der Friedensprozess eingeleitet werden. Der Friedensschluss mit Israel fand indessen nicht nur Freunde: 1981 wurde der damalige Präsident Sadat ermordet. Sein Nachfolger, Husni Mubarak, näherte sich der arabischen Liga wieder an, regierte jedoch zunehmend autoritär. 

Am 25. Januar 2011 begann der Arabische Frühling in Ägypten. 850 Menschen kamen bei Demonstrationen ums Leben; schließlich verkündete Mubarak seinen Rücktritt. Den Muslimbrüdern, einer seit den 20er Jahren bestehenden und seither immer wieder verbotenen islamistischen Bewegung und den Salafisten gelang es, im Parlament die Mehrheit zu erhalten. Zum Präsidenten wurde Mohammed Mursi gewählt, der 2013 in einem Militärputsch abgesetzt und durch den parteilosen Militärangehörigen al-Sisi ersetzt wurde.

 

Schleier und Scharia: Leben im islamischen Staat

 

Auch wenn die 2012 verabschiedete neue Verfassung den 100 Millionen Ägypter*innen mehr Grundrechte gewährte, Religionsfreiheit sowie die Gleichberechtigung der Geschlechter zumindest formal festschrieb und Parteien verbot, die ihre politische Ausrichtung auf Religion stützten, entwickelt sich Ägypten seit dem Arabischen Frühling immer mehr zu einem islamischen Staat. 90 Prozent der Ägypter*innen bekennen sich zum sunnitischen Islam.

Die Scharia ist der wichtigste zivilrechtliche Kodex; die islamische Universität Azhar mit 59 Fakultäten und 80 religiösen Bildungsstätten die bedeutendste staatliche islamische Institution im Land. Auch wenn die islamische Erziehung Extremismus und Terrorismus verurteilt, bekommen vor allem die koptischen Christ*innen immer wieder Repressalien zu spüren. Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre kam es vor allem in beliebten Urlaubsregionen immer wieder zu islamistischen Anschlägen. 

Waren Mitte der 90er Jahre die meisten Frauen noch unverschleiert auf die Straße gegangen, nimmt die Zahl der verschleierten Frauen immer mehr zu. Mädchen verlassen die Schule oft früh, um im Haushalt zu helfen oder verheiratet zu werden. Die Quote, die im Parlament eine gewisse Anzahl der Sitze für weibliche Abgeordnete vorsah, wurde wieder abgeschafft. Erst seit 1979 sind Frauen den Männern wahlrechtlich gleichgestellt; zwar hatten sie seit 1956 das Wahlrecht, mussten sich jedoch – anders als die Männer – aufwendig registrieren, um dieses ausüben zu können. Vor allem Frauen, die sich nicht zu einer der drei offiziell anerkannten Religionen – Islam, Christentum oder Judentum bekannten – war dies kaum möglich, denn sie erhielten keinen Ausweis. Heute gilt für alle Ägypter*innen ab 18 Jahre eine Wahlpflicht; Angehörige religiöser Minderheiten haben die Möglichkeit, die Religionszugehörigkeit im Ausweis streichen zu lassen.

Die UN-Frauenrechtskonvention hat Ägypten nur mit Vorbehalten ratifiziert. Immerhin dürfte die Islamisierung zumindest zum Rückgang der Genitalverstümmelungen führen; hier hält Ägypten nach wie vor den traurigen Rekord: Rund 95 Prozent der Frauen und Mädchen sind beschnitten.

 

Wachsende Bevölkerung, wachsende Armut

 

Knapp die Hälfte der Ägypter*innen leben in den Städten. Kairo ist die größte Metropole des afrikanischen Kontinents und der arabischen Welt. In den letzten sechzig Jahren ist die ägyptische Bevölkerung rasant gewachsen; lebten 1960 noch 29 Millionen Einwohner*innen in Ägypten sind es heute 100 Millionen. Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 15 Jahren alt. Die Folge ist – vor allem im städtischen Raum – eine hohe Arbeitslosigkeit und verbreitete Armut: Fast ein Drittel der Ägypter*innen lebten 2020 von weniger als 45 US-Dollar im Monat. Auch wenn für alle Kinder eine zumindest sechsjährige Schulpflicht gilt und der Schulbesuch in dieser Zeit kostenlos ist, kann fast jede*r vierte Erwachsene nicht lesen oder schreiben, was auch am desolaten Ausbau des staatlichen Schulsystems liegt. Nicht selten kommen auf einen Lehrer 50 Schüler*innen. Wer es schafft, einen festen Job zu finden, erhält eine Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung, die zumindest eine Grundversorgung abdeckt.

Obwohl Ägypten vor allem durch die Erdölexporte und den Suezkanal, der als Verbindung des Mittelmeeres und des Indischen Ozeans eine der wichtigsten Handelswege darstellt, zu den wirtschaftlich wohlhabenden afrikanischen Ländern gehört, haben die politischen Unruhen und der infolgedessen ausbleibende Tourismus ihre Spuren hinterlassen; die Staatsverschuldung ist hoch. 

 

Umweltschutz ist Luxus

 

Nur drei Prozent der Staatsfläche – die fruchtbaren Täler rund um den Nil – eigenen sich für die Landwirtschaft. Hier wird vor allem Baumwolle angebaut. Weite Teile des Landes bestehen aus Wüste, es fallen wenig Niederschläge. Auch wenn die Temperaturen mit 20 bis 24 Grad im Winter und 31 bis 41 Grad für tropische Verhältnisse weitgehend gemäßigt sind, macht von März bis Juni der Chamsin, der Sand- und Staubwind aus dem Süden zu schaffen. Umwelt- und Klimaschutz wird auch heute noch von vielen Ägypter*innen als „Luxusproblem“ betrachtet. Auch wenn das ägyptische Parlament bereits vor Jahren den Umstieg auf Erneuerbare Energien beschlossen hat, wurden 2018 -  mit deutscher Finanzierung! – drei Gaskraftwerke eröffnet, deren CO2-Ausstoß den weltweit größten Braunkohlekraftwerken in nichts nachsteht. Immerhin hat die Provinz  Bahr-Al-ahmar am Roten Meer, wo der bei Tourist*innen aus aller Welt beliebte Badeort Hurghada liegt, 2019 ein Verbot von Einwegplastik beschlossen, um der Vermüllung der Strände ein Ende zu setzen.

 

Die Erfindung der Pauschalreise

 

Die Strände – und noch mehr die großen Fünf-Sterne-Hotels mit ihren All-Inklusive-Angeboten – in Hurghada, die Tauchressorts von Scharm-El-Scheich an der Südspitze der Sinaihalbinsel und natürlich die zahlreichen gut erhaltenen antiken Stätten ziehen jährlich Zehntausende Urlauber*innen an. 1869 hat Thomas Cook in Ägypten die Pauschalreise erfunden; heute schnüren die großen Reiseveranstalter*innen Pauschalpakete, die Tagesausflüge, Badeurlaub und oft eine Nilkreuzfahrt verbinden. 

Beliebter Anziehungspunkt sind auch die Festivals und religiösen Volksfeste, die Mundi, die oft lokal zu Ehren eines oder einer Heiligen gefeiert werden. Seit Tausenden von Jahren feiern die Ägypter*innen im April/Mai das Frühlingsfest Sham el Nisim; das Fastenbrechen zu Ramadan wird in Ägypten abends mit Musik, Lichtern und Feuern begangen. Sogar wichtige Fußballspiele – Fußball ist der ägyptische Nationalsport – führen nicht selten zu spontanen Feiern auf den Straßen. 

Wer nach Ägypten reist, sollte das All-Inklusive-Buffet ruhig einmal links liegen lassen und die einheimische Küche probieren. Da Fleisch in Ägypten teuer ist, setzt diese auf viel Gemüse und vegetarische Speisen mit Kartoffeln, Nudeln, Reis, Kichererbsen, Auberginen, Bohnen und Koriander. Beliebte Gerichte sind zum Beispiel Koshery (Nudeln, Kichererbsen und Tomatensoße), Fuel ( ein Brei aus weißen Bohnen im Fladenbrot oder Goulesh (Blätterteig, der mit Bechamel und Hackfleisch gefüllt ist). Arabische Gerichte wie Falafel, Tahine, Hummus und Schawarma sind auch in Ägypten verbreitet. 

In Frankfurt könnt ihr ägyptische Speisen im Egy Food  in Sachsenhausen und im Al-Basha in Höchst genießen. 847 Frankfurter*innen haben einen ägyptischen Pass.

 

Zum Weiterlesen:

Alaa al-Aswani, Die Republik der Träumer, Carl Hanser Verlag München 2021, ISBN 978-3446267497, erzählt vom Leben nach dem Arabischen Frühling

Zum Weiterschauen:

Kairo 678 – Aufstand der Frauen (2013), erzählt vom Umgang ägyptischer Frauen mit alltäglicher sexueller Belästigung. Erhältlich auf DVD

In Frankfurt:

Egy-Food, Ziegelhüttenweg 33, Frankfurt-Sachsenhausen

Al Basha, Zuckschwertstr. 1a, Frankfurt-Höchst



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