11.07.2021

Diversity Diary: Tricolore der Religionen

11. Juli: Eriin Gurwan Naadam in der Mongolei

 

Die männlichen Spiele

 

„Die drei männlichen Spiele“ lautet übersetzt der Name des Festes, das heute in der Mongolei beginnt und bis zum 13. Juli dauert. Auch wenn am 11. Juli zugleich der Unabhängigkeit von China gedacht wird und die Feierlichkeiten am Vorabend mit einer Flaggen- und Militärparade sowie einer Ehrung an der großen Statue des Landesgründers Dschinghis Khan beginnen, dreht sich bei den Mongol*innen in diesen Tagen alles um den Sport. In drei Disziplinen – dem Ringkampf, dem Bogenschießen und dem Pferderennen finden in vielen Städten und Gemeinden Wettkämpfe statt. Der Name ist dabei heutzutage nur noch beim Ringkampf Programm – beim Bogenschießen und beim Reiten sind auch weibliche Sportlerinnen zugelassen. 

 

Vom Weltreich zur modernen Demokratie

 

1206 schuf der legendäre Dschinghis Khan das Mongolische Reich. In seiner Blütezeit erstreckte es sich von Ostasien bis zur europäischen Grenze. 1241 kämpften deutsche, ungarische und polnische Soldaten auf dem Gebiet des heutigen Österreich und Tschechien gegen die Mongolen und konnten die Invasion letztlich verhindern. Aber auch so war das Mongolische Reich in seiner Blütezeit das bis dahin größte zusammenhängende Imperium der Menschheitsgeschichte. 

Seit 100 Jahren ist die „Äußere Mongolei“ ein unabhängiger Staat. Zwischen Russland und China (zu dem die „Innere Mongolei“ gehört) liegt das Land, das zwar flächenmäßig ungefähr 4,5 mal so groß wie Deutschland ist, aber lediglich von drei Millionen Menschen bewohnt wird und damit der am dünnsten besiedelte Staat der Erde ist. 

Von 1924 bis zum Zerfall der Sowjetunion war die Mongolei eine faktisch von der UdSSR abhängige sozialistische Volksrepublik. Für die demokratische Verfassung von 1992 standen das Grundgesetz und die französische Verfassung Paten. 

Dem „Großen Staats-Chural“, dem Parlament, gehören 76 Abgeordnete an, die alle vier Jahre demokratisch gewählt werden. Der/die Staatspräsident*in ist zugleich Statsoberhaupt, Oberkommandierende*r der Streitkräfte und steht dem nationalen Sicherheitsrat vor. Seit 2017 hat Chaltmaagiin Battulga von der Demokratischen Partei das Amt inne; in diesem Jahr werden Neuwahlen stattfinden. 

Die Mongolei gliedert sich in 21 Provinzen, diese wiederum in 300 Sum (Kreise) und diese in über 1500 Bag (Gemeinden). Viele dieser Gemeinden existieren nur auf dem Papier, denn auch heute noch ist die nomadische Lebensweise verbreitet, auch wenn nahezu die Hälfte der Bevölkerung in der Hauptstadt Ulan-Bator zu Hause ist. 

 

Kälte und Klimakrise hinterlassen Spuren

 

Grasbewachsene Steppen prägen die Mongolei. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht und zwischen den Jahreszeiten sind extrem: Während das Thermometer im Winter auf minus 25 Grad fällt, bleibt es im Sommer mit 20 Grad angenehm mild. Auch im Sommer sind Nachtfröste nicht selten, im Tagesverlauf kann die Temperatur um bis zu 32 Grad schwanken. Die klimatischen Verhältnisse sind der Grund, weshalb in der Mongolei in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts relativ gut erhaltene Dinosaurierskelette entdeckt wurden. 

Die beißende Kälte führt aber auch dazu, dass die Lebenserwartung der Mongol*innen lediglich bei 69 Jahren liegt. Dazu kommen die teilweise desolaten Lebensverhältnisse: Auch wenn die Mongolei mit 98 % über eine der höchsten Alphabetisierungsraten der Welt verfügt und auch wenn alle Kinder zum achtjährigen Schulbesuch verpflichtet sind, leben über 40 Prozent der Mongol*innen unterhalb der Armutsgrenze. Während des Winters suchen mehrere tausend Kinder und Jugendliche Schutz in den Heizungstunneln von Ulan Bator. Die hygienischen Verhältnisse in diesen Behelfsunterkünften sind völlig unzureichend. 

Auch in der Mongolei macht sich die Klimakrise erheblich bemerkbar: Einerseits steigt die Trockenheit immens; über 1000 Seen sind bereits ausgetrocknet. Andererseits werden die Winter immer wärmer: Seit den 40er Jahren ist die winterliche Temperatur um mehr als 3,6 Grad gestiegen. Das schmelzende Eis gefährdet die Trinkwasserversorgung und die Viehhaltung. Die Haltung von Schafen, Ziegen, Yaks, Pferden und Kamelen spielt in der Mongolei eine große Rolle. Auch der Bergbau ist eine der Haupt-Wirtschaftsquellen – die Mongolei gehört zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Erde. Die Eingriffe durch den Abbau von Kupfer und Kohle, die Überweidung und nicht nachhaltige Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen sowie die seit den 60er Jahren immens zunehmende Abholzung der Wälder tragen neben dem Klimawandel dazu bei, dass heute 90 Prozent der Staatsfläche von Wüstenbildung bedroht sind. Wirksame Klima- und Umweltschutzmaßnahmen wie ein staatliches Aufforstungsprogramm, Wasserschutzgesetze sowie Regelungen  zur Luftreinhaltung und Abfallwirtschaft existieren nicht.

 

Weißer Mond und Pferdekopfgeige: Alltag in der Mongolei

 

80 Prozent des mongolischen Außenhandels erfolgt mit China, auch kommen viele Chines*innen als Arbeitskräfte in die Mongolei. In der Bevölkerung wird dies nicht nur positiv aufgenommen – die Angst vor der Abhängigkeit vom „Reich der Mitte“ wächst. 

Die Mehrheit der Mongol*innen bekennt sich zum buddhistischen Glauben. Das buddhistische Neujahrsfest Tsagaan Sar (Weißer Mond), das Anfang Februar gefeiert wird, ist neben Naadam das wichtigste Fest in der Mongolei. Die Mongol*innen besuchen an diesem Tag Freunde und Familienmitglieder und bringen ihnen Geschenke. 

Insgesamt 15 mongolische Sprachen unterscheidet man – 85 Prozent der Menschen, die in der Äußeren Mongolei zu Hause sind, sprechen Chalcha-mongolisch. Die mongolische Schrift ist heutzutage nur noch in der Inneren Mongolei, die zu China gehört, gebräuchlich – in der ehemaligen Mongolischen Volksrepublik wird seit den 40er Jahren das kyrillische Alphabet verwendet. 

Die mongolische Pferdekopfgeige ist das traditionelle Musikinstrument der Mongolei und ein nationales Symbol. Sie ähnelt einer Bassgambe und wird beim Spielen zwischen den Knien gehalten. 

Ein weiteres Symbol ist der mongolische Mantel, der Deel. Er wird aus Baumwolle, Filz oder Seide gefertigt und von Frauen und Männern mit dem Buus, einer Lederschärpe, gebunden über der Kleidung getragen. Material und Aussehen des Deel lassen auf den sozialen Stand des oder der Träger*in schließen. Kombiniert wird der Mantel mit Gutul, Lederstiefeln ohne Absatz und mit nach oben gebogener Spitze. 

Geprägt von der nomadischen Lebensweise finden sich in der mongolischen Küche hauptsächlich Milch- und Fleischprodukte. Das Nationalgetränk Airag wird aus Stutenmilch gewonnen; gebrannt wird sogar ein Milchschnaps. Ihren Tee bereiten die Mongol*innen mit Milch und Salz zu. 

In Frankfurt könnt ihr die mongolische Küche im Ostend probieren – im Restaurant Wangfu in der Zoopassage oder im „Mongo´s“ auf der Hanauer Landstraße. 102 Frankfurter*innen besitzen einen mongolischen Pass.

 

Zum Weiterlesen:

Galsan Tschinag, Die Rückkehr. Roman meines Lebens. Insel Verlag, Fankfurt am Main 2008, ISBN 978-3458174103. Erzählt die Autobiographie des mongolischen Autors

 

Zum Weiterschauen:

Die Geschichte vom weinenden Kamel (2003), erzählt die Geschichte einer Nomadenfamilie in der Wüste Gobi. Abrufbar bei Amazon Prime.

 

In Frankfurt:

Restaurant Wangfu, In der Zoopassage 1-3, Frankfurt-Ostend (chinesisch-mongolisches Buffet)

Mongo´s Restaurant, Hanauer Landstr. 291a, Frankfurt-Ostend, bietet mongolisches All-You-Can-Eat-Buffet

 

14. Juli: Nationalfeiertag in Frankreich

 

Militärparaden, Volksfeste, Feuerwehrbälle, das Feuerwerk über dem Eiffelturm – ganz Frankreich scheint am 14. Juli in Blau-Weiß-Rot getaucht zu sein. Voller Inbrust feiern die Französ*innen den Jahrestag des Sturms auf die Bastille 1789, der den Beginn der Französischen Revolution und damit auch zum Zeitalter der Aufklärung und zur modernen Demokratie in Europa markiert.

Heute ist das mit über 630.000 Quadratkilometern flächenmäßig größte und mit rund 67.500 Einwohner*innen bevölkerungsmäßig zweitgrößte Land der EU eine moderne Demokratie. Unteilbar, laizistisch, demokratisch und sozial – dies sind die Werte, auf denen die französische Verfassung gründet. 

 

Der zentralistische Staat

 

Dem geschuldet ist das Staatswesen zentralistisch organisiert. Das europäische Festland gliedert sich in 18 Regionen und diese in 101 Départements, denen das Sozial- und Gesundheitswesen vor Ort, die Collèges, die Kultur- und Sporteinrichtungen, der Straßenbau und der soziale Wohnungsbau obliegt. Neben dem Festland, nach seiner Form auch als „Hexagon“ bezeichnet, gehören auch die Überseegebiete Französisch-Guyana, Guadeloupe, Martinique, Mayotte und Réunion zu Frankreich. Sie sind Überbleibsel des einstigen Kolonialreiches, das Frankreich zunächst in Nordamerika, später dann in Afrika aufgebaut hatte. 

Zentralistisch organisiert ist in Frankreich auch das französische Bildungssystem: Alle Kinder haben bis zum 16. Lebensjahr die Pflicht, sich unterrichten zu lassen, wobei der Unterricht – anders als hierzulande – auch zu Hause stattfinden kann. Bereits der Kindergarten, die école matérnelle ist schulisch ausgerichtet, bietet grundsätzlich Ganztagsbetreuung und ist für alle Eltern gebührenfrei. Danach besuchen alle Kinder fünf Jahre lang die école élémentaire, die Grundschule und das Collège, eine vierjährige Gesamtschule. Erst danach trennen sich die Bildungswege: Die Schüler*innen können zwischen dem Besuch einer berufsbildenden Schule (ein duales Ausbildungssystem existiert in Frankreich nicht) oder dem Lycée mit unterschiedlichen Schwerpunktausrichtungen wählen. Nach dem französischen Abitur, dem Baccalauréat stehen ihnen neben den Universitäten die Grand écoles offen, die jedoch hohe Anforderungen an die Aufnahme stellen. Die berühmte „école superieure normale“ hat zahlreiche Führungspersönlichkeiten in Wirtschaft und Politik hervorgebracht. 

Vor allem unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterand wurde die französische Wirtschaft stark reglementiert: Viele Betriebe wurden verstaatlicht, soziale Reformen wie ein nationaler Mindestlohn eingeführt. Heute ist Frankreich die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Bereits seit dem Mittelalter ist Französisch als einzige Amtssprache festgeschrieben – anders als in anderen europäischen Ländern sind die Sprachen der regionalen Minderheiten (u.a. Elsässisch, Lothringisch, Baskisch, Italienisch) verfassungsrechtlich nicht geschützt. Französisch ist außerdem die Arbeitssprache der Vereinten Nationen, der OSZE, der europäischen Kommission und der Afrikanischen Union. 

 

Moderne Demokratie mit starkem Präsidenten

 

Das französische Parlament hat zwei Kammern: Der Nationalversammlung gehören 577 Abgeordnete an, die für zwei Jahre gewählt werden; der Senat besteht aus 348 Mitgliedern, deren Amtszeit sechs Jahre beträgt. Die französische Parteienlandschaft ist stark zersplittert – führende Parteien sind die parti socialiste, die parti radical de gauche und parti de Gauche im linken Flügel. Bei den Konservativen dominiert die Partei Les Républicains (früher gaullistische Partei) die unter anderem die früheren Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy stellte. Im rechten Lager erstarkt zunehmend der Front National unter Marine Le Pen. Die GRÜNE Partei Frankreichs, die 2010 aus dem Zusammenschluss zweier Parteien gebildete Europe écologie-les Verts, konnte bei der Europawahl 2019 13,4 Prozent und 10 Sitze erzielen. Auch bei der Kommunalwahl 2020 waren die „Verts“ erfolgreich und stellen nun neben dem Bürgermeister von Grenoble auch die Bürgermeister*innen von Marseille, Lyon, Straßburg und Bordeaux.  

Der/die Staatspräsident*in ist das höchste Organ und mit weit mehr Macht ausgestattet als in vielen anderen europäischen Ländern: Er oder sie wacht über die Einhaltung der Verfassung, schlichtet zwischen staatlichen Institutionen, steht dem Ministerrat vor, gestaltet die Außenpolitik, befiehlt die Streitkräfte, hat im Fall des Notstands fast uneingeschränkte Autorität, ernennt den Premierminister und die Mitglieder der Regierung. Seit 2017 hat Emmanuel Macron (En Marche) dieses Amt inne. 

Frankreich ist Gründungsmitglied der EU, der NATO, der UN der G7 und G20, der OECD und der WTO und hat als einzige europäische Atommacht einen der fünf ständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat inne. Gemeinsam mit Deutschland, zu dem es seit Ende des Zweiten Weltkrieges ein enges Verhältnis hat, ist Frankreich treibende Kraft der europäischen Integration. 

 

Staat ohne Gott

 

Das Prinzip des Laizismus – der völligen Trennung von Staat und Kirche – ist in Frankreich verfassungsrechtlich festgeschrieben. Traditionell spielt Religion auch im Alltagsleben der Bevölkerung eine eher untergeordnete Rolle: Fast jede*r Zweite gibt an, nicht an einen Gott zu glauben, 31 Prozent gehören auch offiziell keiner Kirche an. Bei uns übliche kirchliche Feiertage wie Karfreitag und der zweite Weihnachtsfeiertag sind in Frankreich nicht arbeitsfrei. 

Einen weniger hohen Stellenwert genießt auch das Institut der Ehe. Seit 1999 können Paare in Frankreich alternativ zur Ehe einen „zivilen Solidarpakt“ schließen, der Vergünstigungen im Erbrecht und eine gemeinsame steuerliche Veranlagung mit sich bringt. Anders als hierzulande steht diese Form der „eingetragenen Partnerschaft“ sowohl homo- als auch heterosexuellen Paaren offen. 

In der Vergangenheit wurde Frankreich mehrfach zum Schauplatz religiös motivierter Terroranschläge und Morde: Am 07. Januar 2015 ermordeten Anhänger der IS  zwölf Redakteur*innen der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, am 13. November des gleichen Jahres starben 130 Menschen im Bataclan und anderen Veranstaltungs- und Vergnügungsorten durch die Hand von Terrorist*innen und am 16. Oktober 2020 wurde der französische Lehrer Samel Paty in Paris von einem Islamisten enthauptet, nachdem er im Unterricht über die Mohammed-Karikaturen der Zeitschrift Charlie Hebdo gesprochen hatte. 

 

Auf dem Weg zur Klimaneutralität?

 

In Paris wurde im Dezember 2015 das erste weltweit rechtsverbindliche Klimaabkommen geschlossen. Das Gastgeberland der damaligen Klimakonferenz legt selbst großen Wert auf den Abbau der CO2-Emissionen und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Im aktuellen Klimaschutzindex belegt Frankreich von 61 Nationen den 18. Rang und liegt damit fünf Plätze vor Deutschland. Seit Ende der 70er Jahre hat Frankreich die Nutzung von Kernkraft ausgebaut, um von den Erdölexporten unabhängiger zur werden. Das 2014 beschlossene Energiewendegesetz sieht vor, bis 2025 den Anteil an Kernenergie von derzeit 75 Prozent auf 50 Prozent zu senken, die erneuerbaren Energien auszubauen und Gebäudedämmungen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur zu fördern. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen um 40 Prozent sinken und bis 2050 der Energieverbrauch um die Hälfte reduziert werden. 

Während in Paris kein Ort mehr als 500 Meter von einer Métrostation entfernt liegt, besteht vor allem in ländlichen Gebieten noch Ausbaubedarf hinsichtlich des öffentlichen Nahverkehrs. 

Neun Nationalparks, neun Meeresnaturparks, 54 regionale Naturparks und zahlreiche Naturreservaten und Natura-2000-Gebieten wurden zum Schutz von Landschaft und Biodiversität geschaffen.

 

Savoir vivre – Alltag und Kulturleben in Frankreich

 

Dass Frankreich mit 83 Millionen Tourist*innen jährlich das meistbesuchte Land der Welt ist, liegt nicht nur an den zahlreichen Sehenswürdigkeiten und den Sandstränden am Atlantik und am Mittelmeer, sondern auch am französischen „Savoir Vivre“. 

Bereits im 17. und 18. Jahrhundert galt Frankreich als das kulturelle Vorbild Europas. Barockbauten wie Schloss Versailles oder der Louvre dienten als „Blaupause“ auch für deutsche Schlösser, der in Frankreich aus dem Jugendstiel entwickelte „Art Déco“ ziert noch heute die Eingänge vieler Pariser Métrostationen. 

In Frankreich liegt die Geburtsstätte des Films: 1895 zeigten die Gebrüder Lumière in Paris den ersten Kinofilm; bei den Filmfestspiele von Cannes geben sich jährlich internationale Stars ein Stelldichein. 

Die Bedeutung Frankreichs als Kulturnation wurde durch die Einführung fester Tage des nationalen Erbes, der Musik oder des Kinos unterstrichen – mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktivitäten soll die Kultur allen Menschen näher gebracht werden. 

Der französische Chanson, eine Liedform, die sich stark auf den Text konzentriert, wurde vor allem durch Interpret*innen wie Edith Piaf weltberühmt. 

Ein fester Bestandteil der Alltagskultur ist der Sport: Auch wenn vor allem die französische Nationalmannschaft, die „Tricolores“ stark identitätsbildend wirkt und Angehörige aller sozialen und ethnischen Gruppen 2018 gemeinsam den Weltmeistertitel der Franzosen bejubelt haben, ist vor allem im Süden auch Rugby sehr beliebt.

Einen hohen Stellenwert nimmt im französischen Alltag das (gemeinsame) Essen ein. 2010 wurde das gastronomische Mahl in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Oft trifft man sich erst am späteren Abend zu einem mehrgängigen Menü. Die Küche differiert je nach Region: Während in der Normandie dicke Rahmsoßen und viel Butter dem rauhen Atlantikklima trotzen und die Provence für ihre Kräuter berühmt ist, stehen im Périgord Gänse und Trüffel und vor allem in der Bourgogne Weinbergschnecken und im Elsass der Flammkuchen auf der Speisekarte. Keinesfalls fehlen darf der cremige französische Käse zum Dessert sowie natürlich ein exquisiter Rot- oder Weißwein. Berühmt sind die Weinbaugebiete in der Bourgogne und in der Gegend von Bordeaux. 

In Frankfurt leben 4687 Französ*innen. Dementsprechend zahlreich sind die Möglichkeiten, hierzulande französische Lebensart kennenzulernen: In Frankfurt hat die größte deutsch-französische Gesellschaft ihren Sitz, mit dem Lycée Victor Hugo existiert in Rödelheim auch ein französisches Gymnasium. Seit 1960 unterhält Frankfurt mit Lyon eine Städtepartnerschaft, Nieder-Eschbach pflegt darüberhinaus mit Deul-la-Barre eine partnerschaftliche Verbindung. 2017 war Frankreich Gastland der Buchmesse. 

Die französische Küche könnt ihr beispielsweise im „Knoblauch“ in der Staufenstraße, im „Coq au vin“ in der Wallstraße oder im „Maaschanz“ in der Färberstraße genießen.

 

Zum Weiterlesen:

Murielle Rousseau: Savoir Vivre. Insel Verlag, 2017. ISBN: 978-3458362982, nimmt die französische Lebensart unter die Lupe

 

Zum Weiterschauen:

Die Wütenden (Les Miserables), 2020, erzählt von der Auseinandersetzung zwischen Gangs und Polizei in den Vorstädten. Abrufbar auf Amazon Prime

Der Wein und der Wind (2016), erzählt von einem Weingut in Burgund. Derzeit verfügbar in der ZDF-Mediathek. 

 

In Frankfurt:

Maaschanz, Färberstr. 75, Frankfurt-Sachsenhausen

Knoblauch, Staufenstr. 39, Frankfurt-Westend

Coq au vin, Wallstr. 19, Frankfurt-Sachsenhausen

 

 

14. Juli: Tag der Republik im Irak

 

Das Land der vielen Kulturen

 

Dort wo Euphrat und Tigris aufeinandertreffen, im Zweistromland Mesopotamien, dem Gebiet des heutigen Irak, steht die Wiege der frühsten Hochkulturen Vorderasiens. Auch heute noch ist das Gebiet zwischen Kuwait, Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, der Türkei und dem Iran am Persischen Golf Heimat unterschiedlicher Kulturen. Während im Norden Kurden und Turkmenen zu Hause sind, leben in der Mitte des Landes vornehmlich sunnitische Araber und im Süden Schiiten. Seit 1920 die drei bislang osmanischen Provinzen Bagdad, Mossul und Basra zum Königreich Irak vereinigt wurden, führten die kulturellen Unterschiede immer wieder zu Konflikten und tragen auch heute noch zur politischen und gesellschaftlichen Instabilität des Landes bei.

 

Vom Erdölmagnaten zum Schuldenstaat

 

Am 14. Juli 1958 wurde der irakische König in einem Militärputsch gestürzt und die Republik ausgerufen. Zwischen 1979 und 2003 regierte Saddam Hussein diktatorisch. In diese Zeit fallen die beiden Golfkriege gegen den Iran und gegen Kuwait. 2003 wurde Hussein unter Führung der USA gestürzt. 

Stabile politische Strukturen konnten sich in der Folge nicht etablieren – bis 2011 herrschten im Irak daher bürgerkriegsähnliche Zustände mit Terror, Gewalt und Kriminalität. Noch heute vermeldet Amnesty International zahlreiche Fälle von Folter und Misshandlungen in den irakischen Gefängnissen, auch vollstreckt der Irak die Todesstrafe. 

2014 eroberten militante ISIS-Truppen Teile des Staatsgebietes. Nach der Tötung des irakischen Generals Qasem Soleimani im Januar 2020 beschloss das irakische Parlament den vollständigen Abzug der amerikanischen Truppen. 

Der Präsident wird durch den Präsidialrat, dem ein kurdischer, ein sunnitischer und ein schiitischer Vertreter angehören, ernannt. Ein Viertel der Sitze im Nationalrat ist Frauen vorbehalten, denen erst seit 1980 das volle Wahlrecht zusteht.

Die Parteienlandschaft ist stark fragmentiert – keine Partei schafft es, eine Führungsrolle zu beanspruchen und Korruption, Wirtschaftskrise und Armut wirksam zu bekämpfen und mit der Regierung der autonomen Region Kurdistan effektiv zusammenzuarbeiten.

Als das Land mit den viertmeisten Bodenschätzen der Welt lebt der Irak hauptsächlich vom Erdöl-Export. Nach dem Wirtschaftsboom der 70er Jahre infolge der Ölkrise gehört der Irak heute zu den Ländern mit den höchsten Schulden. 23 Prozent der Iraker*innen leben unterhalb der Armutsgrenze und müssen mit weniger als 2,50 Dollar am Tag auskommen

Mit rund 434.000 Quadratkilometer ist der Irak größer als Deutschland, hat jedoch mit nur 38 Millionen nicht einmal halb so viele Einwohner*innen. Dabei hat sich die irakische Bevölkerung in den letzten 50 Jahren fast verfünffacht. Parallel zum Bevölkerungswachstum hat sich der Bildungsstand verschlechtert, vor allem bei den Frauen: Jede vierte Frau kann weder lesen noch schreiben, auch wenn für alle Kinder eine gesetzliche Schulpflicht von neun Jahren gilt. Nicht nur das Bildungssystem, sondern auch das Gesundheitssystem ist desolat. Dies zeigt sich vor allem in der derzeitigen Pandemiesituation. 

Der Klimawandel verschlimmert die politische und wirtschaftliche Situation zusätzlich. Vor allem im Norden steigen die Temperaturen auf bis zu 51 Grad, oft funktioniert die Stromversorgung nur stundenweise, so dass die Menschen benzinbetriebene Generatoren zur Kühlung einsetzen. Türkische Staudämme drosseln den Wasserstand von Euphrat und Tigris und gefährden Landwirtschaft und den Zugang zu Trinkwasser.

 

Islamische Gastfreundschaft und Fußball: Kultur und Alltag im Irak

 

Die irakische Kultur ist stark islamisch geprägt – 97 Prozent der Bevölkerung sind Muslim*innen. Vor allem Frauen müssen sich zurückhaltend kleiden, die religiösen Sitten bestimmen den Alltag. Sprichwörtlich ist allerdings auch die islamische Gastfreundschaft. Auf den Tisch kommen dabei gerne Kubba, die irakische Form des Kebab, Yaprax (gekochte und mit Reis gefüllte Weinblätter), Harissa oder ghug (ein Brot mit zerkleinertem Fleisch, das vor dem Backen in den Teig gegeben wird). 

Die typisch irakische Musik ist von der Kurzhalslaute Oud und dem Rabab, einem Streichinstrument geprägt. Die Hitliste der beliebtesten Sportarten führt auch im Irak König Fußball an.

In Frankfurt sind 722 Iraker*innen zu Hause. Irakische Spezialitäten bekommt ihr im Bahnhofsviertel.

 

Zum Weiterlesen:

Abbas Khider: Palast der Miserablen. Carl Hanser Verlag 2020, ISBN 978-3446265653. Erzählt die Geschichte eines Jungen in den Slums von Bagdad

Bachtyar Ali: Perwanas Abend. Unionsverlag Zürich 2019, ISBN 978-3293005532. Erzählt ein Frauenschicksal aus dem kurdischen Irak.

Omid Nouripour: Was tun gegen Dschihadisten? Dtv, München 2017. ISBN: 978-3423261555. Unser GRÜNER Bundestagskandidat stellt ein Konzept für den Umgang mit dem Islamistischen Terror vor.

 

Zum Weiterschauen:

Fremde Heimat Irak 20-teilige Serie. Abrufbar in der Arte-Mediathek. 

Retour à Babylone, Dokumentarfilm von 2002, der die Lage der Bevölkerung kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner zeigt

 

In Frankfurt:

Al Rafedain Iraqi, Baseler Str. 15, Frankfurt-Bahnhofsviertel

 



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