04.07.2021

Diversity Diary: Home of the Free…

04. Juli: Independence Day in den USA

 

Eigentlich bezeichnet „Amerika“ den ganzen, von Amerigo Vespucci im 16. Jahrhundert entdeckten Kontinent. Umgangssprachlich steht es jedoch synonym für ein einziges Land: Die Vereinigten Staaten von Amerika. 

 

Von der Kolonie zur Supermacht

 

Ab 1600 besiedelten Auswander*innen aus Großbritannien, Frankreich und Spanien die „Neue Welt“, außerdem Sklaven aus Westafrika. Später folgten Menschen aus Deutschland, Irland, Italien, Skandinavien, Osteuropa und ab dem 19. Jahrhundert auch aus dem asiatischen Raum. 72 % der heutigen US-Amerikaner*innen haben europäische Vorfahren. Sie waren es, die den Geist der Aufklärung schließlich über den Ozean trugen: Zum ersten Mal gelang es kolonialisierten Staaten, sich erfolgreich gegen die Kolonialmacht durchzusetzen. Am 04. Juli 1776 erklärten sich die damals 13 britischen Kolonien Nordamerikas für unabhängig und schufen in der Folgezeit eine Verfassung, die – mit in der „Bill of Rights“ festgeschriebenen Grundrechten – zum Vorbild vieler anderer Kodizies werden sollte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts dehnten sich die Staaten weiter nach Westen aus. Europäische Siedler*innen vertrieben die seit 13.000 Jahren ansässigen Ureinwohner*innen, führten erst Krieg gegen Mexiko und schließlich im eigenen Land: 1865 setzten die Nordstaaten das Ende der  - vor allem in den landwirtschaftlich geprägten südlichen Staaten  - legalen Sklaverei durch.

Heute umfassen die USA 50 Bundesstaaten mit insgesamt rund 331 Millionen Einwohnerinnen und erstrecken sich über 9,5 Millionen Quadratkilometer und vier Zeitzonen. 2500 Kilometer liegen zwischen der nördlichen Grenze zu Kanada und der südlichen Grenze zu Mexiko, 4500 Kilometer zwischen Atlantik und Pazifik. 

Während in der nördlichsten Stadt Utqiagvik in Alaska im Winter eisige Kälte und fortdauernde Dunkelheit herrschen, feiern die Einwohner*inenn von Hawaiian Ocean View Weihnachten unter Palmen. 

Flächen- und bevölkerungsmäßig sind die USA lediglich der drittgrößte Staat der Erde – in Bezug auf die Wirtschaftsleistung und die politische Bedeutung  jedoch sind die Vereinigten Staaten spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges führend. Mit rund 22 Billionen US-Dollar erwirtschaften die US-Amerikaner*innen ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung und tätigen ein Drittel der weltweiten Konsumausgaben. 

 

Der „American Dream“ gilt nicht für alle

 

Dieser Wohlstand kommt freilich nicht bei allen gleichermaßen an: Die USA gehören zu den Ländern mit der höchsten sozialen Ungleichheit der Welt.  Der „American Dream“ – durch harte Arbeit „vom Tellerwäscher zum Millionär“ zu gelangen,  ist Teil der individualistischen Kultur der USA. Dementsprechend gering fallen staatliche Subventionen und Sozialleistungen aus. 16 Prozent der Bevölkerung sind nicht krankenversichert, auch wenn die von Barack Obama eingeführten Reformen („Obamacare“) einige Erleichterungen gebracht hat. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt in den USA lediglich 79, 8 Jahre, damit belegen die Staaten weltweit Platz 43. Die Beliebtheit von Fastfood und Softdrinks – in den USA entstanden die ersten Drive-In-Restaurants – hat auch gesundheitliche Folgen: 67,8 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner*innen sind übergewichtig. . Vor allem die COVID19-Pandemie wirkte sich verheerend aus: Über 600.000 Menschen starben, mehr als 30 Millionen verloren infolge der Krise ihren Job.

Auch wenn die Rassentrennung seit Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgehoben ist, auch wenn 2008 mit Barack Obama erstmals ein Mensch afroamerikanischer Abstammung zum Präsidenten gewählt wurde, sind es vor allem Afroamerikanerinnen, Hispanics und indigene Einwohner*innen, die zu den unteren sozialen Klassen – den „Working Poor“ oder den „Unemployed“ – gehören. Während das Vermögen des reichsten Mannes der Welt, Amazon-Gründer Jeff Bezos, mit 112 Milliarden Dollar sogar die Wirtschaftsleistung Kenias im Jahr 2018 überstieg, haben rund 1,5 Millionen amerikanische Haushalte überhaupt kein Geld. Schwarze Menschen haben im Durchschnitt eine geringere Ausbildung, verdienen weniger, leben in schlechteren Wohngegenden, haben eine geringere Lebenserwartung und kommen – sowohl auf Täter- als auch auf Opferseite häufiger mit Kriminalität in Berührung.

Während der Anteil der Afroamerikaner*innen an der Gesamtbevölkerung lediglich 13 Prozent beträgt, stellen sie 38 Prozent der Gefängnisinsassen. Der traurige Tod des Afroamerikaners George Floyd verdeutlichte im vergangenen Jahr auf schockierende Weise, wie sehr die ethnische Diskriminierung in den Köpfen der Gesellschaft noch präsent ist. 

 

Geprägt von kultureller Vielfalt: Der „American Way of Life”

 

Die amerikanische Mentalität ist stark individualistisch und freiheitsorientiert: So stellt die Fahrerlaubnis, die man in den Staaten bereits mit 16 Jahren erwerben kann, für viele Amerikaner*innen nicht nur eine – aufgrund des vor allem in den ländlichen Gebieten wenig ausgeprägten öffentlichen Nahverkehrs – notwendige Investition dar, sondern ist auch Ausdruck der persönlichen Freiheit. Generell gelten Amerikaner*innen als sehr extrovertiert und offen: Freundlichkeit, Smalltalk mit Fremden und der rasche Gebrauch des Vornamens auch im offiziellen Kontext sind übliche Gepflogenheiten, auch wenn die Kontakte meist eher oberflächlich bleiben. Ausgeprägt ist der Hang zum Patriotismus. In vielen Schulen beginnt der Unterricht mit der sogenannten „Pledge of Allegiance“, dem Schwur auf die amerikanische Flagge. Während der Nationalhymne legen US-Amerikaner*innen eine Hand auf ihr Herz. 

Mit 14,5 Prozent haben die USA die weltweit größte Zahl an Migrant*innen hat (seit 1978 gibt es Quotenregelungen für die Einwanderung). Mehr als 350 Sprachen werden im Land gesprochen – eine offizielle Amtssprache gibt es übrigens nicht, auch wenn das Englische de facto dominiert. Fast wäre übrigens Deutsch die „inoffizielle Amtssprache“ geworden. Noch heute stellen die rund 50 Millionen Deutschamerikaner*innen die größte Bevölkerungsgruppe unter den Menschen mit europäischen Vorfahren. 

In Frankfurt am Main sind derzeit 3.206 US-Amerikaner*innen zu Hause – viel mehr können von sich sagen, dass sie in Frankfurt leben, denn Orte dieses Namens gibt es in den USA gleich zwanzigmal. 

Nur noch ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind „Native Americans“ – sie teilen sich jedoch in 562 Stämme und weitere 245 Gruppierungen. Vor allem im Südwesten und in Florida leben viele Latinos, die oft illegal über die mexikanische Grenze einwandern. 

Die Einwander*innen prägten die amerikanische Küche  - die heute als „typisch amerikanisch“ wahrgenommenen Fastfood-Gerichte Hotdog und Hamburger sind ursprünglich von ihnen mitgebracht worden. Kartoffeln, Mais, Süßkartoffeln, Kürbis und Pancakes mit Ahornsirup kommen in den USA außerdem häufig auf den Tisch. 

Zu „Thanksgiving“, das am vierten Donnerstag im November gefeiert wird, kommen Familien traditionell zum Truthahn-Essen zusammen. Der Startschuss für das Weihnachtsgeschäft am Freitag nach Thanksgiving – der sogenannte „Black Friday“ mit vielen Rabatten – ist eine Tradition, die - hauptsächlich von großen Online-Händlern - auch hierzulande etabliert wird. Ebenso „über den Teich geschwappt“ ist in den letzten Jahren der Brauch amerikanischer Kinder, sich am letzten Oktobertag („Halloween“) zu verkleiden und in der Nachbarschaft um Süßigkeiten zu betteln („Trick or Treat“)

Die Vielfalt der Migration spiegelte sich auch in der Kultur wieder. Eine „amerikanische Kultur“ entstand erst mit dem Siegeszug der Massenmedien ab den 30er Jahren. Die Jazzmusik gilt als der erste „uramerikanische“ Musikstil; auch Country, Blues und Rock n´Roll haben ihren Ursprung in den USA. Mit den im kalifornischen Hollywood produzierten Filmen schrieben die USA vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kinogeschichte.

Religion spielt im Alltag der Amerikaner*innen eine große Rolle: 70 Prozent bekennen sich zum Christentum; über die Hälfte von ihnen betet mindestens einmal am Tag (in Deutschland praktiziert dies knapp jede*r Fünfte). Der Bundesstaat Utah ist das weltweite Zentrum der Mormonen, einer christlichen Glaubensgemeinschaft. 

Eine ebenso große Rolle nimmt der Sport ein. Vor allem die Nationalsportarten American Football, Baseball und Basketball werden mit Unterhaltungselementen wie den „Cheerleadern“ regelrecht zelebriert. Anders als in Deutschland spielt die Vereinskultur im Sport eine geringe Rolle; das Training findet im Rahmen des schulischen und universitären Alltags statt. Das gemeinsame Anfeuern der eigenen Schul- oder Collegemannschaft ist für amerikanische Schüler*innen unverzichtbarer Teil des „School Spirit“. Den Sportler*innen geht es dabei nicht allein um Pokale: Die besten Nachwuchstalente erhalten durch Stipendien die Möglichkeit, angesehene Colleges zu besuchen und so soziale Schranken zu überwinden. Denn anders als in Deutschland spielt das private Bildungswesen in den USA vor allem im Universitätsbereich eine tragende Rolle: Die angesehensten Colleges, darunter Harvard, Yale und Stanford verlangen stattliche Gebühren. Bis zur Highschool verläuft die Bildungsbiografie dagegen weitaus egalitärer als hierzulande, denn eine Differenzierung nach Schulformen gibt es nicht. Alle Schüler*innen besuchen nach der Elementary School (bis zur 6. Klasse) und gegebenenfalls der Middle School (Klassen 7 bis 9) die High School. Nach deren Abschluss in der 12. Klasse folgt das College, für dessen Besuch die jungen Menschen oft von zu Hause aus – und in eines der Wohnheime auf dem Campus ziehen. Die Colleges bieten eine Art Studium Generale, eine fachliche Spezialisierung erfolgt erst zu einem späteren Zeitpunkt, beispielsweise durch den Besuch einer weiterführenden Universität, etwa einer Law oder Medical School. 

 

Alles oder nichts: Das politische System der USA

 

Politisch hat sich in den USA ein Zweiparteiensystem etabliert. Dominierend in Repräsentantenhaus und im Senat, den beiden Kammern des Kongresses, sind Demokraten, deren Anhänger*innen sich auf etwa 72 Millionen belaufen, und Republikaner (etwa 55 Millionen Anhänger*innen). Die daneben existierenden kleineren Parteien, darunter die Green Party of the United States, sind auf bundespolitischer Ebene nahezu bedeutungslos. Eine Besonderheit ist die Präsidentschaftswahl, die alle vier Jahre stattfindet. Das Staats- und Regierungsoberhaupt wird nicht in direkter Wahl, sondern durch Wahlleute gewählt. Das dabei zum Tragen kommende „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ führte 2016 zum Wahlsieg Donald Trumps, obwohl Hillary Clinton mehr Stimmen auf sich vereinen konnte. „The President“ hat weitgehende Machtbefugnisse – er oder sie steht nicht nur der Exekutive vor, sondern ist auch Oberbefehlshaber*in der Streitkräfte und hat das Recht, Gesetze durch  Veto aufzuschieben. 

Die amerikanische Außenpolitik steht im Spannungsfeld des realpolitischen Anspruchs, Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten einerseits und des idealistischen Glaubens an einen weltpolitischen Auftrag der USA als führende Nation andererseits. Die USA ist Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und der NATO und verfügt über das zweitgrößte Militär der Welt. Die Proteste gegen den Krieg in Vietnam trugen in den 60er Jahren zum Aufstieg einer liberalen, linken Gegenkultur vor allem unter jungen Menschen bei. Vor allem als Folge der Terroranschlägen vom 11.September 2001 intervenierte die USA verstärkt im Nahen Osten. Amerikanische Truppen stürzten im Oktober 2001 das Taliban-Regime in Afghanistan und marschierten zwei Jahre später ohne UN-Mandat im Irak ein. Über 600 Menschen aus 42 Nationen, darunter auch Kinder unter 16 Jahren, wurden in dieser Zeit widerrechtlich in Guantanamo und anderen Militärgefängnissen inhaftiert und waren dort Folter und menschenunwürdigen Haftbedingungen ausgesetzt.

 

Schlusslicht in Sachen Klimaschutz

 

Zu Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes haben die Vereinigten Staaten ein ambivalentes Verhältnis. Sie sind der größte Erdgasproduzent der Welt – und auch einer der größten Erdölförderer –, setzen bei der Förderung aber auch Fracking ein, eine Methode, die zur Verunreinigung des Grundwassers im Fördergebiet führt. Gleichzeitig setzen die Staaten vermehrt auf erneuerbare Energien und produzierten im vergangenen Jahr 16% des weltweiten Anteils an Windkraft. Die USA waren das erste Land der Welt, das 1872 einen Nationalpark einrichtete (den Yellowstone-Nationalpark), um Flora und Fauna zu schützen. Das internationale Biodiversitätsabkommen haben sie allerdings bis heute nicht unterzeichnet. Nachdem unter Barack Obama der Fokus verstärkt auf Klima- und Umweltpolitik gelegt worden war, trat Donald Trump aus dem Klimaschutzabkommen aus. Erst mit dem Sieg Joe Bidens im Januar 2021 konnten die USA in das Abkommen zurückkehren. Nach China verzeichnen die USA den zweitgrößten CO2-Ausstoß und belegen im Klimaschutz-Index 2020 den letzten Platz. Dabei macht sich der fortschreitende Klimawandel auch in den USA immer stärker bemerkbar; er verstärkt die Wetterextreme, die - bedingt durch die geografischen Gegebenheiten – in den USA ohnehin nicht selten sind: die schwere Schneefälle im Winter, die extremen Hitzewellen, wie sie derzeit im Norden der USA und in Kanada auftreten und das Auftreten der Hurricanes und Wirbelstürme, vor allem am Golf von Mexico.

 

Weiterlesen: 

Paul Auster:  4 3 2 1, Rohwolt Verlag 2017, ISBN 978-3498000974. Beschreibt die Entwicklung eines jungen Mannes unter verschiedenen Aspekten vor dem Hintergrund  dreier Jahrzehnte Zeitgeschichte in New York 

Louise Erdreich, Der Club der singenden Metzger. Suhrkamp-Verlag, 2006, ISBN 978-3518457504. Erzählt von einem süddeutschen Metzger, der in den 20er Jahren in die USA einwandert

Toni Morrison, Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur. Rohwolt Verlag, 2018, ISBN 978-3498045432

 

Weiterschauen:

America – Der Film. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg als Animationsfilm. Streambar bei Netflix. 

New Amsterdam – Serie über den Kampf eines Arztes gegen die Fallstricke des amerikanischen Gesundheitssystems. Abrufbar bei Netflix

I am not Your Negro (2016), Dokumentarfilm, der aufzeigt, was es heißt, ein Afro-Amerikaner in den USA zu sein. Streambar bei Amazon

Selma (2015), erzählt vom Widerstand gegen den Rassismus im Sommer 1965. Noch bis zum 15. Juli bei Amazon Prime abrufbar. 

Forrest Gump (1994), führt seinen Protagonisten Forrest durch vier Jahrzehnte amerikanischer Zeit- und Kulturgeschichte. Auf DVD und im Stream

 

In Frankfurt:

Louisiana, Eschenheimer Anlage 40, Frankfurt-Innenstadt

Chicago Meatpackers, Untermainanlage 8, Frankfurt-Innenstadt

Champions, Hamburger Allee 2, bietet auch Livesport-Ereignisse

The Wild West, Kaiserstr. 39, Frankfurt-Bahnhofsviertel

 

 

05. Juli: Dia de la Indepedencia in Venezuela

 

4.500 Kilometer südlich der USA-  zwischen Brasilien, Kolumbien und Guyana – liegt das Land, das am 05. Juli seinen Nationalfeiertag – den Dia de la Indepedencia – feiert: Venezuela. 1811 wurde der Staat von Spanien unabhängig.

 

Auf dem Weg in die Diktatur

 

Heute ist Venezuela – nach der Revolution von 1999 – ein sozialistischer Staat. Immer mehr setzt der amtierende Präsident Nicolas Marudo jedoch autokratische Strukturen durch; Gewaltenteilung und demokratische Rechte wurden zunehmend beschränkt, das Parlament 2017 weitgehend entmachtet. Im gleichen Jahr führte die Regierungspartei, die Partido Socialista Unido,  eine Art „Scheckheft“ ein, das den rund 28,5 Millionen Einwohner*innen Privilegien beim Zugang zu Arbeitsstellen, Wohnungen, Gesundheitsversorgung und Bedarfsgütern versprach, im Gegenzug jedoch die weitgehende Preisgabe persönlicher Daten, Vermögensverhältnisse und politischer Aktivitäten verlangte. 2018 erklärte sich Marudo in einer international nicht anerkannten Wahl erneut zum Präsidenten.

 

Wirtschaftskrise und Kriminalität prägen das Land

 

Seit dem Verfall der Ölpreise 2010 steckt das Land mit den größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Ende 2018 wurde die Armutsquote auf 90 Prozent geschätzt. Trotz der Abgabe staatlich subventionierter Lebensmittel, trotz der Einrichtung von Volksküchen und kostenlosem Schulessen und trotz der Initiierung von Lokalkomittees zur Versorgung mit Grundnahrungsmitteln steigt die Zahl der Unterernährten. Das Gesundheitssystem ist desolat. Nur rund 60 Prozent der Kinder erfüllen die neunjährige Schulpflicht.

Ein weiteres großes Problem ist die Kriminalität: 2016 fanden 17.778 Menschen gewaltsam den Tod (zum Vergleich: In Deutschland waren es 963). Zunehmend ist auch Venezuela vom Drogenhandel betroffen. Angespannt ist die Sicherheitslage auch für Tourist*innen – immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Überfällen und Entführungen. 

Viele Menschen haben Venezuela aufgrund dieser Entwicklungen in den letzten Jahren verlassen. Die Zahl der Emigrant*innen ist so hoch, dass 2018 die Einnahmen aus Auslandsüberweisungen die Einnahmen aus dem Export von Erdöl überstiegen. In Frankfurt sind 204 Venezolaner*innen zu Hause. 

 

Schamanen, Joropo und Hahnenkämpfe: Alltag in Venezuela

 

Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt im Norden des Landes, in den Tälern der Anden, wo das Klima im Vergleich zu den tropischen Küsten gemäßigt ist. Hier liegen die großen Städte, darunter die Hauptstadt Caracas. Dünn besiedelt sind dagegen die Gegenden südlich des Orinoco. Hier leben indigene Volksstämme noch sehr traditionell. 2,8 Prozent der Venezolaner*innen sind indigener Herkunft, sie teilen sich in Insgesamt 35 indigene Gruppen. Ihre Sprachen sind neben Kastilisch Amtssprache des Landes. Rund 95 Prozent der Bevölkerung sind europäischer Herkunft oder sogenannte Mestizen, haben also europäische und indigene Vorfahren. 

Auch wenn die meisten Venezolaner*innen katholisch getauft sind, praktizieren viele Menschen Spiritismus, sind Aberglaube und Hexerei verbreitet und haben sogenannte „Volksheiler*innen“ und Schaman*innen regen Zulauf. 

Venezolanischer Joropo, ein Tanz und Musikstil, der vor 300 Jahren in den Llanos entstand, ist sehr populär; das Joropo-Lied „Alma Llanera“ gilt als inoffizielle Nationalhymne des Landes. Neben dem Nationalfeiertag begehen die Venezolaner*innen auch den Jahrestag der Schlacht von Carabobo am 24. Juni, die Geburt von Simon Bolivar am 24. Juli und die Entdeckung Amerikas am 12. Oktober. 

Sehr beliebt ist in Venezuela der Baseballsport, in fast allen Städten finden außerdem Hahnenkämpfe statt. Gerne treffen sich Venezolaner*innen auch zu einer Partie Schach oder Domino – üblicherweise im Freien. 

Die venezolanische Küche ist einfach und setzt auf Fleisch und Gemüse. Ein Grundnahrungsmittel sind Arepas, Maisfladen, dazu gibt es Modongo, einen Eintopf mit Kutteln, Hallacas, ein Ragout aus Rindfleisch, Rosinen, Gemüse, Kapern, Oliven und Nüssen oder das Nationalgericht Pabellon Criollo, das aus schwarzen Bohnen, Kochbananen, Reis und Faserfleisch besteht. 

 

Legendäre Naturlandschaften prägen das Land

 

Legendär sind die Naturlandschaften Venezuelas: Der südamerikanische Staat verfügt über den höchsten Prozentsatz an Naturschutzgebieten auf dem amerikanischen Kontinent: 63 Prozent der Staatsfläche sind in 43 Nationalparks und 36 Naturdenkmälern geschützt. Die Tafelberge im Hochland von Guayana sind 70 Millionen Jahre alt. Von ihren Gipfeln stürzen die höchsten Wasserfälle der Welt. 

Aber auch diese Naturlandschaften leiden unter zunehmender Umwelt- und Wasserverschmutzung. Bis 2005 gehörte Venezuela zu den zehn Ländern mit der höchsten Entwaldungsrate; seither wirkt dieser Tendenz glücklicherweise ein Wiederaufforstungsprogramm entgegen. 

 

Weiterlesen:

Karina Sainz Borgo, Nacht in Caracas, S. Fischer Verlag 2019, ISBN 978-3103974614, erzählt von einer jungen Frau in der untergehenden Kultur Venezuelas

Michael Zeuske, Von Bolivar zu Chavez. Die Geschichte Venezuelas. Rotpunktverlag, Zürich 2008. ISBN 978-3858693136. 

 

Weiterschauen:

Esta Todo Bien – Alles ist gut (2019). Dokumentarfilm, der vom Kollaps des Gesundheitssystems betroffene Menschen zeigt. Streambar bei Amazon

Secuestro Express (2007), Drama um die Entführung eines jungen Pärchens in Caracas (erhältlich auf DVD)



zurück

URL:https://www.gruene-nordend.de/willkommen/expand/816170/nc/1/dn/1/