Nein zum Unrecht sagen – Zum 100. Geburtstag von Trude Simonsohn und Erica Ludolph

Ob sich Erica Ludolph und Trude Simonsohn jemals begegnet sind, ist zwar wahrscheinlich – schließlich leben beide seit fast 60 Jahren in der gleichen Stadt – aber nicht bekannt. Dabei verbindet die beiden Frauen nicht nur der Tag ihrer Geburt – beide kamen am 25. März 1921 zur Welt – sowie die Tatsache, dass sie beide in dieser Woche ihren 100. Geburtstag feiern konnten, sie verbindet vor allem das, was Trude Simonsohn Schülerinnen und Schülern immer wieder antworten sollte, gefragt, wie denn ein solches Grauen wie das in der Nazi-Zeit erfahrene künftig zu verhindern sei: „Zu jedem Unrecht sofort Nein sagen!“

 

Rund 780 Kilometer voneinander entfernt werden die beiden Mädchen geboren: Erica Ludoph in Frankfurt am Main, Trude Simonsohn im damals böhmischen Olmütz. Beide sind Einzelkinder, beide wachsen in den behüteten Verhältnissen des gehobenen Mittelstands auf. 

 

Die Eltern von Erica Ludolph schließen sich in den 30er Jahren der „Bekennenden Kirche“ in Frankfurt-Bockenheim an. Um die Pfarrer Otto Fricke und Heinz Welke und das Arztehepaar Fritz und Margarete Kahl formiert sich eine Widerstandsgruppe, die Jüdinnen und Juden mit Lebensmitteln und falschen Papieren versorgen, um sie vor der Deportation zu retten. Schon mit 14 oder 15 Jahren arbeitet Erica Ludolph aktiv im Widerstand mit. 

 

Für Trude Simonsohn sind die Nazis damals noch sehr weit weg. Nach dem Besuch der tschechischen Grundschule wechselt sie auf ein deutsches Gymnasium. Beide Sprachen spricht sie so fließend, dass sie anderen Schüler*innen Nachhilfe gibt. Nach dem Abitur, das hat sie sich vorgenommen, möchte sie Medizin studieren. Neben der Schule engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Doch 1939 marschieren die Nazis auch in Tschechien ein. Die 18-jährige muss die Schule ohne Abitur verlassen.

 

Erica Ludolph hingegen darf das Abitur ablegen und danach eine Lehre zur Kostümbildnerin beginnen.  Nach der Trennung der Eltern zieht sie mit der Mutter 1940 von Sachsenhausen in die Grillparzerstraße im Dornbusch. Nicht weit entfernt – dort wo heute das Polizeipräsidium an der Adickesallee steht – befindet sich damals ein Lager mit französischen Kriegsgefangenen. Erica Ludolph verliebt sich in einen französischen Offizier und hilft mit, den Austausch von Nachrichten mit der Resistance zu organisieren. 

 

1942 wird Trude Simonsohn gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Dort lernt die 21-jährige ihren späteren Ehemann, den Juristen und Sozialpädagogen Berthold Simonsohn kennen. Als ihre Mutter und Berthold Simonsohn für einen Transport nach Auschwitz eingeteilt werden, schließt Trude sich ihnen freiwillig an.

 

Auch Erica Ludolph wäre beinahe deportiert worden. 1943 wird sie denunziert und zum Verhör in die Gestapo-Zentrale in der Lindenstraße geladen. Es gelingt ihr, sich herauszureden; die junge Frau darf die Zentrale unbehelligt verlassen. Mit einem gefälschten Ausweis taucht sie unter. Auch die Mutter ihrer besten Freundin, Margarete Knewitz, wird vor die Gestapo geladen, auch ihr droht die Deportation – aufgrund ihrer jüdischen Abstammung. Dass sie evangelisch getauft und mit einem Nichtjuden verheiratet ist, spielt keine Rolle. Erica Ludolph hilft mit, Knewitz zu verstecken und begleitet sie im Frühjahr 1944 auf die Flucht nach Norddeutschland. Beide überleben.

 

An der berüchtigten Rampe von Auschwitz werden Trude, ihre Mutter und Berthold Simonsohn auseinandergerissen. Das junge Paar verabredet noch, sich nach dem Ende des Terrors in Theresienstadt wiederzutreffen. Tatsächlich gelingt es beiden, die Hölle des Lagers zu überstehen. Nach Kriegsende fallen sie sich in Theresienstadt in die Arme. 

 

Erica Ludolph absolviert ein Sprachstudium und dolmetscht zwischen Kirchenvertreter*innen und amerikanischen Militärangehörigen. Für einige Jahre geht sie in die USA und studiert dort Soziologie, Politik und Kulturanthropologie. Mitte der 50er Jahre kehrt sie nach Frankfurt zurück. 1960 beginnt sie, für die „Hilfsstelle für rassisch verfolgte Christen“ im Diakonischen Werk zu arbeiten, deren Leitung sie 1962 übernimmt. Bis zum Rentenbeginn 1981 betreut und berät sie verfolgte und geflüchtete Menschen aus vielen Ländern der Welt. Ihre Erfahrungen fließen in den 2000ern in das Forschungsprojekt „Zum Umgang der evangelischen Kirche in Hessen mit den Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus“ ein. Sie unterstützt die Initiative Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. 2011 lässt sie vor ihrem Elternhaus in der Holbeinstraße 40 zwei Stolpersteine für ihre in der Nazizeit deportierten Nachbarn verlegen. 

 

Trude und Berthold Simonsohn ziehen 1962 nach Frankfurt – Berthold hatte an der Goethe-Universität eine Professur für Sozialpädagogik und Jugendrecht erhalten. Trude  engagiert sich als Gemeinderatsvorsitzende in der Jüdischen Gemeinde. Es ist Berthold Simonsohn, der seine Frau davon überzeugt, wie wichtig es ist, nicht zu schweigen, sondern das Erlebte an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Nach dem Tod ihres Mannes 1977 beginnt Trude Simonsohn, sich dieser Aufgabe zu widmen. Bis ins hohe Alter tritt sie als Zeitzeugin auf, schildert dem meist jungen Publikum ihre Erfahrungen, diskutiert mit den Jugendlichen. 2016 wird sie – als erste Frau überhaupt – zur Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt ernannt.

 

Erica Ludolph dagegen hat sich entschieden zu schweigen. Zu deutlich ist ihr das feindselige Klima der 50er Jahre in Erinnerung, als „Aufarbeitung“ noch ein Fremdwort war, viele ehemalige Würdenträger*innen der Nazis nahtlos in gut dotierte Positionen rutschten und ehemalige Widerstandskämpfer*innen nicht nur hinter vorgehaltener Hand als „Volksverräter*innen“ beschimpft wurden. Und zu traumatisch ist es, sich dem Bösen, wenn auch nur in der Erinnerung, wieder anzunähern. Nur ihrer engen Freundin, der Soziologin Petra Bonavita vertraut sie sich an. Bonavita sammelte die Geschichten des Frankfurter Widerstands in einem Buch und auf einer Webseite. 

 

Ihren 100. Geburtstag feiern die beiden Frankfurterinnen nur wenige Kilometer voneinander entfernt – Trude Simonsohn lebt heute im Henry-Budge-Heim in Seckbach, Erica Ludolph im Martha-Haus in Sachsenhausen. Beide erfreuen sich für ihr hohes Alter einer guten Gesundheit. 

 

Wir GRÜNE im Nordend gratulieren Trude Simonsohn und Erica Ludolph ganz herzlich. Beide Frauen sind – jede auf ihre Weise – ein Vorbild für Menschlichkeit, für Kraft und für die Fähigkeit, Nein zu jedem Unrecht zu sagen. 

 

Zum Weiterlesen:

Ein Leben für die Erinnerung, Frankfurter Rundschau vom 25.03.2021 zum 100. Geburtstag von Trude Simonsohn

Presseerklärung der Frankfurter GRÜNEN zum 100. Geburtstag von Trude Simonsohn

Menschlich auch in unmenschlicher Zeit, FAZ vom 25.03.2021 zum 100. Geburtstag von Erica Ludolph

Eine Heldin im Hintergrund, Frankfurter Neue Presse vom 25.03.201 zum 100. Geburtstag von Erica Ludolph

Webseite von Petra Bonavita zum Frankfurter Widerstand: www.rettungs-widerstand-frankfurt.de

 



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