07.03.2021

Internationaler Frauentag: Mehr denn je - Gleichberechtigung in Corona-Zeiten

Die Kinder sitzen am Küchentisch und balgen sich um den Laptop, um ihre Hausaufgaben zu machen. Die Tür zum Arbeitszimmer ist seit Stunden geschlossen, er hat eine wichtige Zoom-Konferenz - bitte nicht stören. Und sie? Hilft den Kindern bei den Hausaufgaben, kocht zwischendurch das Essen, beseitigt das Chaos und – wenn die Kinder im Bett sind und er Feierabend macht, kann sie sich auch noch für zwei, drei Stunden an den Rechner setzen und ein bisschen arbeiten. So oder ähnlich dürfte der Corona-Alltag in vielen Haushalten mit Kindern derzeit aussehen. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung haben nur 60 Prozent der Paare, die vor Corona die in Haushalt und Kindererziehung anfallenden Arbeiten gerecht unter sich aufgeteilt hatten, diese Aufgabenteilung auch während des Lockdowns beibehalten 27% der Frauen  haben ihre Arbeitszeit während des Lockdowns reduziert, um tagsüber die Kinder betreuen zu können. Bei den Männern gingen nur 14 Prozent diesen Schritt.  Die Folge: Während 70 Prozent der Männer die aktuelle Situation als nicht besonders belastend empfinden, fühlt sich jede zweite Frau überfordert.

Wie weit die Konsequenzen für diese Frauen reichen, wird sich erst nach der Pandemie offenbaren. Nicht alle Arbeitnehmer*innen werden dann die Möglichkeit haben, ihre Arbeitszeit wieder aufzustocken. Vieles deutet darauf hin, dass der Trend zum Homeoffice und zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten auch nach dem Lockdown anhalten wird. Für viele Frauen bedeutet dies, auch weiterhin einer Doppelbelastung ausgesetzt zu sein: Einer Untersuchung des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts zufolge nutzen Männer flexiblere Arbeitsbedingungen eher für Überstunden, während Frauen mehr Zeit in Hausarbeit und Kinderbetreuung investieren. 

Dass sich die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern im Vergleich zu 2020 um zwei Prozent verringert hat und der „Equal Pay Day“ in diesem Jahr in Deutschland bereits auf den 10. März – anstatt wie in den Jahren zuvor auf den 18. März  - fällt, ist da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mit einem „Gender Pay Gap“ von 19 Prozent gehört Deutschland europaweit nach wie vor zu den traurigen Spitzenreitern. Im europäischen Durchschnitt liegt der Lohnunterschied bei 14, 8 Prozent. Am gerechtesten verteilen sich die Löhne in Rumänien – der „Gender Pay Gap“ beträgt hier lediglich drei Prozent. 

Dass Frauen überproportional oft in Teilzeit arbeiten, dass sie häufig in weniger gut bezahlten Berufen und seltener in Führungspositionen tätig sind, mag für den Lohnunterschied ursächlich sein – aber nur zum Teil. Lässt man all diese Differenzen außer acht und vergleicht die Gehälter von Männern und Frauen mit exakt den gleichen Voraussetzungen hinsichtlich Ausbildung und beruflicher Erfahrung, dann liegt dieser „bereinigte“ Gender Pay Gap immer noch bei sechs Prozent. 

Die traditionelle Rollenverteilung steckt nach wie vor tief in den Köpfen der – zumindest westdeutschen - Gesellschaft. Nur sechs Prozent der von der Soziologin Prof. Dr. Karin Flaake im Rahmen einer Studie befragten Paare praktizierten das Modell der „paritätischen Elternschaft“, also der exakt hälftigen Aufteilung von Haus-, „Care“- und Erwerbsarbeit. Die Steuer- und Sozialgesetzgebung kommt der traditionellen Rollenaufteilung entgegen: So profitieren verheiratete Paare nach wie vor vom Ehegattensplitting – solange nicht beide berufstätig sind und ähnlich viel verdienen. Und während beispielsweise in Norwegen das volle Elterngeld nur dann gewährt wird, wenn beide Eltern die Elternzeit hälftig unter sich aufteilen, reicht es hierzulande schon, wenn einer der Partner – in aller Regel der Mann – zwei Monate zu Hause bleibt. Beides muss sich ändern – zu diesem Ergebnis kommt auch das Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut. 

Wir GRÜNE planen, das Ehegattensplitting durch ein Modell individueller Besteuerung kombiniert mit einer Kindergrundsicherung zu ersetzen. Ein effektives Entgeltgleichheitsgesetz, das auch für kleine Betriebe gilt und eine Frauenquote für alle börsennotierten und beaufsichtigten Unternehmen sollen dazu beitragen, den Gender Pay Gap zu schließen. Flexible Arbeitszeitmodelle sollen es allen Geschlechtern ermöglichen, Familie, Weiterbildung und Erwerbstätigkeit besser zu vereinbaren. Und nicht erst seit Corona ist klar: Berufe im Pflege- und Gesundheitsbereich müssen endlich angemessen bezahlt und Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen umgewandelt werden! 

Denn Frauen sind systemrelevant – nicht nur im Lockdown! 

 

Zum Weiterlesen:

Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung findet ihr hier

Zur Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts gelangt ihr hier

Prof. Dr. Karin Flaake, Neue Mütter – neue Väter, Psychosozial-Verlag 2014, ISBN 978-3-8379-2335-3

 

Die Frankfurter GRÜNEN veranstalten am Internationalen Frauentag ab 19.00 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema „Frauen erobern die Parlamente von der Bonner Republik bis heute“. Es diskutieren Christa Nickels, Renate Künast, Prof. Ursula Männle, Ingrid Matthäus-Meier, Deborah Düring und Awet Tesfaiesus. Die Veranstaltung beginnt um 19.00 Uhr, Einwahl hier.

Die Hessischen GRÜNEN laden zum digitalen Sektempfang mit vielen tollen GRÜNEN Frauen. Ab 20.00 Uhr, Anmeldung unter frauen(at)gruene-hessen.de



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