01.03.2021

Diversity Diary: Mit ungleichen Waffen

03.03: Nationalfeiertag in Bulgarien

 

Dünn besiedelt ist das Land, an der Schwarzmeerküste, das an Rumänien, Serbien, Nordmazedonien, Griechenland und die Türkei grenzt. Nur rund sieben Millionen Einwohner*innen verteilen sich auf das rund 111.000 Quadratkilometer große Staatsgebiet. Auch wenn die meisten von ihnen dem orthodoxen Christentum angehören, haben sich Bräuche wie Regenrituale im Frühjahr, Volkstheater und Tanz zur Geisteraustreibung in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig (die sogannten Kukeri) und das Verschenken kleiner Stoffanhänger und -armbänder als Glücksbringer zum Frühjahrsbeginn gehalten. 

Anders als wir es gewohnt sind, schütteln die Bulgar*innen den Kopf, wenn sie etwas bejahren und nicken, wenn sie „Nein“ meinen. Zurück geht diese Besonderheit der Legende nach auf einen Freiheitskämpfer, der mit der Schwertspitze unter dem Kinn gefragt wurde, ob er am Leben bleiben wolle. 

Fast 500 Jahre lang war Bulgarien ein Teil des Osmanischen Reiches gewesen. Am 03. März 1878 gelang es dem Land, das heute zwischen Rumänien, Serbien, Nordmazedonien, Griechenland und der Türkei liegt,  sich aus der türkischen Herrschaft zu befreien. Mit Staatsakten und einem großen Feiertag wird der Tag bis heute in der Hauptstadt Sofia und in anderen Orten gefeiert. 

Nach dem Zerfall des Ostblocks schaffte Bulgarien 2004 den Sprung in die NATO und 2007 in die EU. Heute ist Bulgarien eine parlamentarische Republik. An der Spitze stehen der Präsident als Staatsoberhaupt (derzeit Rumen Radew) und der Ministerpräsident als Regierungsoberhaupt (Bojko Borissow). Vor allem Konflikte zwischen rechten und linken Parteien, zwischen pro-russischen und westlich orientierten Politiker*innen und zwischen kapitalistisch eingestellten und arbeitnehmerfreundlichen Lagern dominieren die Parlamentsarbeit. Die derzeit stärkste Partei GERB gehört dem konservativen Lager an. Seit 1989 gibt es in Bulgarien auch eine GRÜNE Partei, die bis 2009 der Regierung angehörte. 2008 gründete sich zudem die Partei „Die GRÜNEN“ als zweite ökologische Partei. Bei den Europawahlen 2019 errangen „Die GRÜNEN“ in einer Wahlallianz mit zwei anderen Parteien einen Sitz im Europaparlament. 

Die Industrialisierung und der Ausbau der Landwirtschaft in der Nachkriegszeit brachten auch eine starke Belastung für Luft, Boden und Gewässer mit sich. In den vergangenen Jahrzehnten hat die bulgarische Regierung hier gezielt gegengesteuert: Bereits 1991 wurde der Umweltschutz als Staatsziel in der bulgarischen Verfassung verankert; 2002 folgte ein Umweltschutzgesetz, welches das Prinzip der Nachhaltigkeit festschreibt.

Nach wie vor ein großes Problem sind Korruption und Diskriminierung. Vor allem die Minderheit der Roma sind Marginalisierung ausgesetzt. Vielen Roma, vor allem den Frauen bleibt der Zugang zu einer guten Bildung und Ausbildung verwehrt; ihnen bleibt nur ein Leben in Armut. 

8726 Frankfurter*innen haben einen bulgarischen Pass. Bulgarische Spezialitäten, wie den Schopska-Salat mit Tomaten, Gurken, Paprika und Salzlaken-Käse oder Kebaptscheta (gegrillte Hackfleischröllchen) könnt ihr in der Bingelsstube in Griesheim probieren. Die deutsch-bulgarische Kulturinitiative Impulse e.V. organisiert Kulturveranstaltungen, auf denen ihr – nach Corona wieder –  den vielerorts gepflegten Chorgesang oder Musik mit traditionellen Instrumenten wie der Flöte Kaval oder dem Dudelsack Gaida erleben könnt.

 

Zum Weiterschauen: „Western“ von Valeska Grisebach, 2017. Abrufbar bei Amazon Prime, itunes und Google Play

Zum Weiterlesen: Ilja Trojanow, Macht und Widerstand, S. Fischer Verlag 2015, ISBN 9783100024633

Zum Erleben und Genießen:

Bingelsstube, Bingelsweg 1, Frankfurt-Griesheim

Kulturinitiative Impulse e.V:  www.impulse-frankfurt.com

 

 

06.03. Nationalfeiertag in Ghana

 

Als erstes afrikanisches Land erlangte Ghana am 06. März 1957 die Unabhängigkeit von Großbritannien. Anders als zum Beispiel in Bulgarien ist der Nationalfeiertag in Ghana ein normaler Arbeitstag; Schulen und Geschäfte haben geöffnet – viele Schüler*innen beteiligen sich jedoch an den Paraden, Aufmärschen und Ansprachen, mit denen der Tag offiziell begangen wird. 

Ghana ist ein Vielvölkerstaat. Auch wenn Englisch nach wie vor die offizielle Amtssprache ist, werden in Ghana 79 verschiedene Sprachen gesprochen. Die meisten Ghanaer*innen sprechen drei bis fünf Sprachen fließend. Knapp die Hälfte von ihnen gehört der Ethnie der Akan an. Auch wenn sich die überwiegende Mehrheit zum Christentum bekennt, werden in Ghana neben den christlichen auch die großen muslimischen Feiertage begangen. 

Zur ghanaischen Kultur gehört die Trommelkunst, die bei vielen offiziellen Anlässen gepflegt wird. Vor allem die Frauen kleiden sich farbenprächtig und in gemusterte Stoffe. Die meisten Ghanaer*innen leben traditionell in Großfamilien.

Auch in Ghana zog es in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen in die Hauptstadt Accra und die anderen großen Städte. Dazu kommt ein immenses Bevölkerungswachstum: Allein zwischen 1990 und 2020 hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt. Heute leben knapp 31 Millionen Menschen in Ghana – im Jahr 2050 werden es schätzungsweise 52 Millionen sein. Infolge dieser Entwicklungen herrscht gerade in den Städten eine hohe Arbeitslosigkeit. Viele Menschen leben in Armut, allein in Accra sind 30.000 Kinder und Jugendliche obdachlos. Kinderarbeit ist  - vor allem auf den Kakaoplantagen – weit verbreitet. Verschuldete Familien müssen nicht selten eines ihrer Kinder – vor allem Mädchen – als „Pfand“ hergeben. Auch wenn die Akan matriarchalisch organisiert sind, sind vor allem Frauen oft häuslicher Gewalt ausgesetzt, auch wird in Ghana nach wie vor die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert. Nichts desto Trotz geben sich viele Ghanaer*innen nicht mit der traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter zufrieden, sondern bauen sich – oft sehr erfolgreiche – berufliche Karrieren auf. 

Nicht nur Frauen, auch LGBTIQ*-Menschen haben es schwer in Ghana. Sie werden massiv diskriminiert; Homosexualität unter Männern ist verboten.

Ein weiteres großes Problem ist die wachsende Zerstörung der natürlichen Lebensräume. Um fast die Hälfte ist der tropische Regenwald in den letzten 50 Jahren geschrumpft, jährlich nimmt sein Bestand um weitere 1,7 Prozent ab. Auch der Bergbau hat zu massiven Schädigungen der Umwelt geführt. Mit Nachzuchten im Zoo von Accra kämpft die Regierung gegen das Aussterben von Tierarten an. Illegal importierter Elektroschrott aus Europa wird auf ghanaischen Müllhalden verbrannt – die giftigen Dämpfe verschmutzen die Luft und führen zu massiven Gesundheitsbeeinträchtigungen. 

Es gibt in Ghana zwar ein Ministerium für Umwelt und Wissenschaft; Umweltschutz obliegt aber auch dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft. Eine GRÜNE Partei ist unter den zehn Parteien, die alle vier Jahre zur Parlamentswahl antreten, derzeit nicht vertreten. Vielleicht tragen auch diese politischen Gegebenheiten dazu bei, dass das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung nicht sehr ausgeprägt ist. 

Aufgrund der prekären Situation in den Städten wandern viele junge Menschen nach Europa und Nordamerika aus. In Frankfurt sind 1565 Ghanaer*innen zu Hause. Die Evangelische Kirche Hessen-Nassau unterhält seit mehr als 30 Jahren eine Partnerschaft zur Presbyterian Church of Ghana – immer wieder finden daher auch in Frankfurt Veranstaltungen statt, bei denen ihr die ghanaische Kultur, etwa den typischen „Highlife“-Musikstil, Trommeln und Tanz, erleben könnt. Gelegenheit hierzu bietet jährlich auch das Afrikanische und das Afrikanisch-Karibische Kulturfestival, die beide im Sommer auf dem Rebstockgelände stattfinden. Das Nationalgericht Fufu, ein Brei aus Yams oder Maniok und Kochbananen, eine typsiche Suppe aus Kräutern und Gewürzen und andere ghanaische Spezialitäten könnt ihr im Kenkey House in Sachsenhausen probieren.

 

Zum Weiterlesen: Die Zweitfrau von Ama Ata Aidoo, Lamuv 1999, ISBN 978-3889775214

Zum Weiterschauen: Welcome to Sodom von 2018, der die Verbrennung europäischen Elektroschrotts in Ghana thematisiert, abrufbar bei den gängigen Streamingdiensten. Nakom (2018) erzählt von einem ghanaischen Medizinstudenten, der nach dem Tod seines Vaters zu seinen Wurzeln zurückkehrt, erhältlich auf DVD

Zum Erleben und Genießen:

Kenkey House, Gartenstr 167, Frankfurt-Sachsenhausen

Afrikanisches Kulturfest (im Juni) und Afrikanisch-Karibisches Kulturfest (im August) – beide auf dem Rebstockgelände (ob sie in diesem Jahr stattfinden können, steht noch nicht fest)

 



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