21.02.2021

Diversity Diary: Für die einen zu viel - für die anderen zu wenig

25. Februar: Nationalfeiertag in Kuwait

 

89 Frankfurter*innen besitzen einen kuwaitischen Pass. Das kleine Land zwischen Irak und Saudi-Arabien beherrschte vor dreißig Jahren weltweit die Schlagzeilen. Der Streit um Erdölfelder im irakischen Grenzgebiet löste im August 1990 den zweiten Golfkrieg aus. Am 25. Februar 1991 gelang die Rückeroberung Kuwaits – exakt 41 Jahre nach der Thronbesteigung des Emirs Scheich Abdullah Al-Salem Al-Sabah, unter dem Kuwait 1961 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte. Beide Ereignisse machen den 25. Februar zum Nationalfeiertag. Überall im Land wird der  Nationalfeiertag mit Festen, Paraden und Feuerwerk gefeiert; zur Feier des Tages tragen die Kuwaiter*innen am 25. Februrar Nationaltracht. 

Bis 1991 war Kuwait eine absolute Monarchie gewesen. Immer noch hat der Emir große Macht im Staat – er ist zugleich weltliches und geistliches Oberhaupt, ernennt und entlässt die Regierung und kann das Parlament auflösen. Letzteres wird seit 1991 alle vier Jahre gewählt. Wahlberechtigt sind alle Kuwaiter*innen ab 21 Jahren. Erst seit 2005 haben Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Nur zwei von fünfzehn Regierungsmitgliedern sind aktuell weiblich; unter den 50 Parlamentsangehörigen findet sich nur eine einzige Frau. Dies zeigt, wie sehr Frauen immer noch diskriminiert werden. 

Obwohl ein Großteil des Landes aus Wüste besteht, spielt sich das Leben nahezu ausschließlich  in den Städten ab. 96 % der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Kuwait-Stadt oder einer der anderen Metropolen. Viele von ihnen haben einen ausländischen Pass – nur knapp ein Drittel der 4,1 Millionen Einwohner*innen sind tatsächlich kuwaitische Staatsbürger*innen. Sie genießen viele Privilegien – nicht umsonst gehört Kuwait zu den zehn reichsten Ländern der Erde. Das Gesundheitssystem gilt zum Beispiel als eines der besten der Welt  - und anders als hierzulande sind alle Leistungen kostenlos verfügbar – zumindest für Kuwaiter*innen. Menschen ohne kuwaitischen Pass, vor allem den staatenlosen Beduinen stehen das Sozialversicherungssystem, Bildungsinstitutionen und auch der Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt offen.

Familie und Freunde  in der kuwaitischen Gesellschaft eine große Rolle – jedes Haus verfügt zum Beispiel über einen eigenen Trakt für Gäste. Außerhalb des geschützten familiären Rahmens ist das Leben in Kuwait sehr stark reglementiert. Der Islam gilt als Staatsreligion, Homosexualität, Geschlechtsverkehr zwischen Unverheirateten und der Konsum von Alkohol sind verboten. Uns selbstverständliche Grundrechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit sind stark eingeschränkt. Viele europäische Literaturklassiker – unter anderem „Der Glöckner von Notre Dame“ oder „Die Brüder Kamarasow“ – stehen auf dem Index.

Trotz der hervorragenden Gesundheitsversorgung leiden  viele erwachsene Kuwaiter*innen unter Übergewicht – nahe jede*r Vierte wiegt zu viel. Schuld daran ist die zunehmende Beliebtheit von Fast Food-Restaurants – die traditionelle kuwaitische Küche ist mit Eintöpfen aus Fisch, Fleisch, Gemüse und Reis („Tabeekeh“ oder „Marag“) nämlich eigentlich sehr nahrhaft. 

 

Zum Weiterschauen: Männer, die auf Ziegen starren (2009) mit George Clooney – erhältlich auf DVD und als Stream bei Prime Video)

 

26. Februar: Purim

 

Oft wird Purim als „jüdisches Faschingsfest“ bezeichnet. Zwar spielen Verkleidung, Fröhlichkeit und auch süße Speisen an diesem Tag eine große Rolle, dennoch hat Purim mit Fasching nichts zu tun. Das Wort „Purim“ lässt sich mit „Los“ oder „Schicksal“ übersetzen. An diesem Feiertag erinnern sich Jüdinnen und Juden an die Rettung des jüdischen Volkes vor Haman, dem höchsten Regierungsbeamten des persischen Königs im Archämenidenreich des jüdischen Jahres 3405 (356 v.d.Z.). Dieser hatte geplant, alle Jüd*innen im Perserreich ermorden zu lassen. Der genaue Tag des Genozids sollte durch Los (persisch „pur“) entschieden werden. Königin Ester gelang es, den Plan zu vereiteln, indem sie lud den König und den Minister zu Essen und Wein einlud  und  dabei die Hinrichtung Hamans erwirkte. 

In Erinnerung an dieses Ereignis wird zu Purim aus dem Buch Ester gelesen. Vor allem die Kinder haben Spaß daran, bei jeder Erwähnung des Namens „Haman“ so viel Lärm wie möglich mt Rasseln, Tuten und Ratschen zu machen. Die vollständige Lesung der Bücher Ester und Mose  ist eine der traditionellen sieben Pflichten zu Purim. Ein weiterer Brauch ist, Nachbarn, Freunden und armen Menschen Speisen zu schenken – mindestens zwei verschiedene müssen es sein. Beliebt sind die sogenannten „Haman-Taschen“, ein süßes Gebäck. Gefeiert wird mit Festessen, viel Wein, Maskierungen und Darbietungen. 

Das Purim-Fest wird am 14. oder 15. Tag des jüdischen Monats Adar begangen – der jüdische Kalender hat jedoch nur 354 Tage und sieht zudem Schaltjahre mit einem zusätzlichen Monat vor, so dass das genaue Datum variiert. Im kommenden Jahr findet Purium zum Beispiel erst am 17. März statt.

Auch in Frankfurt könnt ihr Purim feiern  - auch in diesem Jahr trotz Corona. Die Frankfurter Chabad-Gemeinde organisiert das Fest als „Drive in“ auf dem Parkplatz vor der Eissporthalle am Ratsweg. Aus dem Auto heraus können die Besucher*innen Lesungen und Musik verfolgen; auch für das kulinarische Wohl ist gesorgt. Für das schönste Purim-Kostüm ist ein Preis ausgelobt. 

 

Drive-In-Purim in Frankfurt: 26. Februar, 11.00 – 15.30 Uhr, Parkplatz vor der Eissporthalle, Am Bornheimer Hang 4, Frankfurt-Bornheim

 

27. Februar: Nationalfeiertag Dominikanische Republik

 

271 Frankfurter*innen haben einen dominikanischen Pass. Die Dominikanische Republik liegt vor der Küste Mittelamerikas auf der Insel Hispaniola. Seit dem 27. Februar 1844 ist der Inselstaat eigenständig – vorher war er ein Teil Haitis, mit dem er sich die Insel teilt. 

Nicht nur geografisch, sondern auch vom sozioökonomischen Status her befindet sich die Dominikanische Republik  - gesehen von Kuwait aus - auf der anderen Seite der Welt. Obwohl die Wirtschaft kontinuierlich wächst und der Tourismus eine immer größere Rolle spielt, leben viele Dominikaner*innen in Armut: Die Unterkünfte stehen in drastischem Kontrast zu den Luxusherbergen der Tourist*innen, oft leben Familien auf engstem Raum und unter prekären hygienischen Verhältnissen zusammen. Fast jede*r Vierte leidet an Unterernährung. Trotz Schulpflicht besuchen viele Kinder auf dem Land keine Schule; viele Familien können sich auch die obligatorische Schuluniform nicht leisten. Vor allem unter Frauen ist die Arbeitslosenquote hoch, oft müssen sie bereits in jungen Jahren ihre Ausbildung abbrechen, weil sie schwanger werden – Abtreibungen sind in der Dominikanischen Republik verboten; der Katholizismus ist Staatsreligion. 

Die Dominikanische Republik ist eine präsidentielle Demokratie, alle vier Jahre werden Parlament und Präsident (der zugleich Staats- und Regierungschef ist) gewählt. Dabei herrscht Wahlpflicht: Alle Dominikaner*innen zwischen 18 und 70 Jahren sind zum Urnengang verpflichtet. Die bedeutendsten Parteien sind die liberale Partido de la Liberacion Dominicana (PLD), die sozialdemokratische Partido Revoloucionario Moderno, die auch den derzeitigen Präsidenten  Luis Abinader stellt, und die konservative Partido Reformista Social Cristiano. Es gibt auch eine GRÜNE Partei, die Partido Verde Dominicano, die jedoch keine große Rolle im Parlament spielt. Dennoch geht die dominikanische Regierung strikt gegen die Zerstörung der Natur und gegen den Klimawandel vor: So wurden Korallenriffe restauriert, knapp ein Drittel der Landesfläche unter Naturschutz gestellt und ein ehrgeiziger Plan zur Reduzierung der Treibhausgase bis 2030 erarbeitet. Bei der dominikanischen Bevölkerung genießt das Auto indessen einen ähnlich hohen Stellenwert wie in Deutschland – wer sich ein Fahrzeug leisten kann, hegt und pflegt es. Der sogenannte „Car-Wash“ einmal wöchentlich ist Kult und oft mit Tanzen, einer Partie Billard und Trinken verbunden. 

Der Karneval gehört zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres – er wird an jedem Sonntag im Februar gefeiert und findet seinen krönenden Abschluss am Nationalfeiertag. Zu dieser Gelegenheit kommt oft das Nationalgericht La Bandera Dominicana auf den Tisch, das aus Reis, Bohnenmus und Fleisch besteht und damit an die Farben der Nationalflagge erinnert.

Um die „Bandera Dominicana“ oder auch mangú, den Brei aus Bananen und Yucca, der traditionell zum Frühstück gegessen wird, zu probieren, müsst ihr nicht ins Flugzeug steigen – ihr braucht nicht einmal das Nordend zu verlassen: In der Rotlintstraße 94 bietet das Restaurant Santo Domingo Spezialitäten aus der Dominikanischen Republik an. Zu typisch dominikanischer Musik – Bachata und Merengue – könnt ihr (nach Corona wieder) im Chango am Hauptbahnhof tanzen.

 

Zum Weiterlesen: Mario Vargas Llosa, Das Fest des Ziegenbocks, Suhrkamp 2001, ISBN 978-3518412329

Zum Weiterschauen: Sand Dollars mit Geraldine Chaplin, 2014, auf DVD erhältlich

Zum Erleben:

            Aqui Santo Domingo, Rotlintstr. 94, Frankfurt-Nordend

            Chano, Münchener Str. 47, Frankfurt-Bahnhofsviertel



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