04.05.2020

Zum Tag der Befreiung

Nicht immer wurde der 08. Mai als „Tag der Befreiung“ erlebt: Noch 1970 hielt der damalige Bundeskanzler Willy Brandt seine Regierungserklärung zum 25. Jahrestag des Kriegsendes gegen den erbitterten Widerstand der CDU/CSU-Fraktion, welche die „Niederlage nicht feiern wollte“.  Der öffentliche Diskurs, das Kriegsende nicht als Niederlage, sondern als Befreiung zu betrachten, kam erst Mitte der 80er Jahre auf.

 

Im Vorfeld zum diesjährigen Jahrestag wurde darüber diskutiert, den 08. Mai deutschlandweit zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. Dafür sprach sich unter anderem die GRÜNE Jugend aus: „Für die Verfolgten war der 08. Mai ein Tag der Befreiung, während der Großteil der deutschen Bevölkerung seine Taten so schnell wie möglich vergessen machen wollte. Damit diese nicht in Vergessenheit geraten, fordert die GRÜNE Jugend, dass in Deutschland der 08. Mai zum gesetzlichen Feiertag wird.“, heißt es in einer Erklärung. Berlin ist vorangegangen – dort ist der diesjährige 08. Mai einmalig ein landesweiter Feiertag. Aber wird dies der Bedeutung des Tages tatsächlich gerecht? Haben wir am 31. Oktober 2017, der zum 500. Jahrestag der Reformation einmalig bundesweit gefeiert wurde,  tatsächlich der Lebensleistung Martin Luthers gedacht? Oder haben wir uns nicht eher einfach über den zusätzlichen freien Tag gefreut und sind etwas länger im Bett geblieben? Wichtiger als die Proklamation des „Tages der Befreiung“ als bundesweiter Feiertag wäre, Raum für ein echtes Gedenken, ein Innehalten zu schaffen – durch Schweigeminuten, durch Veranstaltungen und Aktionen in Schulen, am Arbeitsplatz, im digitalen und im öffentlichen Raum. 

Wichtiger als alle Feiern ist, uns bewusst zu machen, dass Frieden, Freiheit, Solidarität, Demokratie und ein geeintes grenzenloses Europa – dass unsere Errungenschaften der vergangenen 75 Jahre nicht selbstverständlich sind. 

 

Seit dem 08. Mai 1945 - seit 75 Jahren -  leben wir in Frieden und Freiheit. Nie zuvor in unserer Geschichte hat es eine so lange Friedensperiode gegeben. Und doch zeigt gerade die aktuelle Situation, dass dies kein Status Quo ist, auf dem wir uns ausruhen können, sondern dass unsere Werte fortwährend ausgehandelt und verteidigt werden müssen. 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs sind die europäischen Binnengrenzen -  wenn auch nur vorübergehend zur Bekämpfung der Pandemie – wieder geschlossen, fühlt sich niemand zuständig für die Menschen, die in den Geflüchtetenlagern auf den griechischen Inseln ihrem Schicksal harren, überlagert Misstrauen die europäische Zusammenarbeit, sind in vielen europäischen Ländern Populismus und Nationalismus wieder auf dem Vormarsch, probt die NATO an der russischen Grenze den Ernstfall. 75 Jahre nach dem Ende des Naziterrors sitzt mit der AfD wieder eine rechtsextreme Partei im Bundestag und in den Landtagen aller Bundesländer, werden unschuldige Menschen von Rechtsextremen ermordet- allein aufgrund ihres Äußeren, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder schlicht, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort waren. 75 Jahre nach der Befreiung haben Menschen in Deutschland wieder Angst. 

 

Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Menschen Zeugnis davon ablegen können, wie Andersdenkende, Juden, Sinti und Roma und Homosexuelle während des Naziterrors im Alltag diskriminiert und schließlich gejagt, gefoltert und systematisch ermordet wurden, ist es an uns, diese Erinnerung wachzuhalten und unsere Kinder und Enkel daran zu erinnern, dass Freiheit, Frieden und Solidarität nicht passiv erlebt, sondern aktiv verwirklicht werden müssen. Nicht nur am 08. Mai, sondern an jedem Tag.



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