21.10.2019

Herzlichen Glückwunsch: Maryam Zaree erhält den hessischen Newcomerpreis

Preisträgerin Maryam Zaree (li) mit ihrer Mutter Dr. Nargess Eskandari-Grünberg

Vor 34 Jahren war sie ein kleines zweijähriges Mädchen gewesen, auf dem Arm ihrer zwanzigjährigen Mutter. Ausgerechnet am Heiligen Abend waren sie am Frankfurter Hauptbahnhof angekommen, geflohen aus einem Land, das sich innerhalb weniger Jahre von einer westlich orientierten Monarchie in einen fundamentalistischen islamischen Staat verwandelt hatte und Oppositionelle gnadenlos verfolgte, einsperrte und folterte. Heute ist Maryam Zaree 36 Jahre alt, erfolgreiche Schauspielerin, Drehbuchautorin, Regisseurin und jetzt auch Filmemacherin. Im schwarzen Abendkleid steht sie auf der Bühne der Alten Oper. Zum 30. Mal wird an diesem Abend der Hessische Filmpreis verliehen, gerade hat ihr die hessische Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn den Newcomerpreis überreicht. 

In ihrem Regiedebüt „Born in Evin“ setzt sich Maryam Zaree, ausgehend von ihrer eigenen Familiengeschichte, auf universelle Weise mit der Frage auseinander, welche Auswirkungen Menschenrechtsverletzungen nicht nur auf die unmittelbar von ihnen Betroffenen, sondern auch auf deren Kinder haben. Sie trifft Menschen, die wie ihre Eltern, in Khomeinis Foltergefängnissen inhaftiert gewesen waren, Kinder, die wie sie selbst in diesen Gefängnissen zur Welt gekommen sind, besucht aber auch ein Treffen von Shoa-Überlebenden in Frankfurt. Denn auch und gerade angesichts der deutschen Vergangenheit stellt sich in vielen Familien die Frage, wie man mit eigenen oder von den Eltern erlebten Traumata umgeht. Entstanden ist ein sehr persönlicher, emotionaler Film mit klarer politischer Botschaft: „Es gelingt ihr, ihre filmische Spurensuche in einem dunklen Kapitel ihrer Familie und ihres Landes mit humorvolle und selbstironischen Sequenzen anzureichern und eine Balance zwischen tragischen und warmen Momenten zu schaffen. Und sie meistert die besondere Herausforderung, sowohl Regisseurin als auch Protagonistin dieses künstlerisch wie gesellschaftspolitisch hervorragenden Films zu sein“, begründet Angela Dorn die Nominierung Zarees. 

Ihre Dankesrede nutzt Maryam Zaree für ein politisches Statement, von dem die Frankfurter Rundschauspäter schreiben wird, es sei ein magischer Moment gewesen, „ein Stück Zeitgeschichte, eine Beschreibung der Gegenwart, eine Hommage an die Werte, die Kino transportieren kann“.

Selbstverständlich sei es damals, 1985, nicht gewesen, politisches Asyl ausgerechnet in dem Land zu erhalten, in dem nur vierzig Jahre zuvor systematisch Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Behinderung ermordet wurden, erzählt Zaree. Aber dieses Land habe sich verändert und so es sei möglich gewesen, hier Gerechtigkeit, Freiheit und Schutz zu finden, nicht nur für Mutter und Tochter, sondern auch für Zarees Vater Kasra, der einige Jahre später aus dem Gefängnis freikam und im Wege der Familienzusammenführung nach Deutschland nachkommen konnte. 

„Wir haben diesem Land viel zu verdanken. Doch dieses Land hat auch uns viel zu verdanken“, sagt die Filmemacherin und verweist auf ihre Mutter Nargess Eskandari-Grünberg. Seit über 20 Jahren setzt sich die promovierte Psychologin in der Frankfurter Kommunalpolitik für Vielfalt, Gerechtigkeit und Demokratie ein – erst in der Kommunalen Ausländervertretung, später als GRÜNE Stadtverordnete, Magistratsmitglied und Dezernentin für Integration. 2018 kandidierte sie als erste Migrantin in einer deutschen Großstadt überhaupt für das Amt der Frankfurter Oberbürgermeisterin. Aber: Auch sie wird seit über einem Jahrzehnt regelmäßig zur Adressatin von Morddrohungen, Hetze und Hass. Der Mord an Walter Lübcke, die Ereignisse von Chemnitz, die NSU, immer wieder flankiert von politischer Hetze durch die AfD, aber auch durch andere Politiker*innen und durch die Medien: Für Maryam Zaree kam der Anschlag von Halle in der vergangenen Woche wenig überraschend. „Und doch war er ein Wendepunkt, auch für unsere Familie“. Dass Menschen wie ihr jüdischer Stiefvater Kurt Grünberg nicht mehr mit dem Gefühl der Sicherheit in der Synagoge beten können, sei nicht nur persönlich eine Katastrophe, sondern für das ganze Land. „Mein Film handelt davon, was die Folgen von Entwürdigung und Menschenverachtung sind. Welche Spuren sie in der Zeit hinterlassen, und er ist ein Appell, uns nicht auseinanderdividieren zu lassen, von niemandem, sondern eine Aufforderung, uns im Anderen wieder zu erkennen. Vielleicht hat Sie selbst Hetze, Rassismus, Antisemitismus noch nie getroffen, aber es sollte Sie betreffen. Denn Menschenrechte gelten für uns alle. Es ist also an uns allen, uns jeden Tag vehement und bestimmt dafür einzusetzen, dass der Hass seinen Weg nicht in unsere Politik, unsere Medien und in unsere Herzen findet“. 

Die über 3000 geladenen Gäste feierten diese Worte mit stehenden Ovationen. 

 

Wir GRÜNE im Nordend gratulieren Maryam Zaree ganz herzlich nicht nur zum hochverdienten Newcomer-Preis, sondern auch zu ihrer klaren und eindringlichen Rede. 

Der Film „Born in Evin“ läuft noch bis zum 31. Oktober täglich im Mal Seh´n Kino in der Adlerflychtstr. 6. Der Eintritt kostet 8 Euro, Kartenreservierungen sind unter 069-59 70 845 möglich. 



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