23.12.2018

Alter Mensch mit frischen Ideen – „Jovi“ verlässt die Fraktion

Lieber Jovi, nach zwei Jahren wirst du zum Jahresende dein Amt abgeben und aus dem Ortsbeirat ausscheiden. Auslöser war nicht, dass du in den wohlverdienten Ruhestand gehen möchtest, sondern ein eigentlich fast schon typisches Nordend-Szenario…

 

Ja, 2014 musste ich nach 40 Jahren aus meiner Nordendwohnung ausziehen und bin zunächst übergangsweise ins Nachbarhaus eingezogen. Die Wohnung ist damals verkauft worden, leider bewegte sich der Kaufpreis ein wenig außerhalb meines Budgets. Ich habe dann mit meiner Familie ein Haus in Maintal gekauft. Seither habe ich quasi ein „Doppelleben“ geführt. Aber das möchte ich nun beenden. 

 

Gentrifizierung ist leider ein großes Thema nicht nur in unserem Stadtteil. Mietspiegel, Mietpreisbremse und jetzt die Milieuschutzsatzung – alles sind Versuche, die überbordenden Mietpreise in den Griff zu bekommen. Wie beurteilst du die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt?

 

Das Problem ist, dass der großen Nachfrage ein immer knapper werdendes Angebot gegenübersteht. Bald gibt es nicht mehr viel, was noch zu kaufen ist. Meiner Ansicht nach ist die einzige Chance, die wir haben, das Wohnen mehr in öffentlicher Hand zu organisieren. Wien hat das erfolgreich umgesetzt. Wo Möglichkeiten sind, muss die Stadt sich reinhängen, beispielsweise über die ABG. 

 

Die starken Veränderungen im Nordend hast du nicht nur als Bewohner erlebt, sondern seit 2006 auch im Ortsbeirat begleitet. 

 

Das hat ja eigentlich vorher schon begonnen, auch wenn es den Begriff „Gentrifizierung“ noch nicht gab. Das Problem mit der Umwandlung von Wohnungen in Rechtsanwalts- oder Arztpraxen existierte damals schon. Damals gab es aber noch das Zweckentfremdungsverbot, das dann 2008 abgeschafft wurde. Als ich 1972 ins Nordend gezogen bin – damals noch Bornheim, da die Böttgerstraße erst später ins Nordend eingemeindet wurde - war der Stadtteil sogar fast etwas heruntergekommen mit günstigen Wohnungen. In jedem zweiten Haus befanden sich studentische Wohngemeinschaften. Aber das hat natürlich dazu geführt, dass sich hier eine Kneipen- und Freizeitkultur entwickelt hat, die die Leute angezogen hat.

 

Vor 46 Jahren bist du ins Nordend gekommen, wie kam es, dass du gerade hier gelandet bist?

 

Ich bin damals ganz zufällig hergezogen, weil ich hier eine günstige Wohnung bekommen habe. Vorher habe ich in Bockenheim gewohnt, das war auch sehr schön. Aber durch die vielen WGs hier habe ich diesen Stadtteil lieben gelernt. Man hat sich auf der Gasse, im Eiscafé, in der Kneipe getroffen. Es war unser Stadtteil. Das waren die Häuserratszeiten 1973/74 und in den Stadtteilgruppen haben wir ganz viel hier im Stadtteil bewirken können. 

 

Seither hat sich der bzw. die „Nordendler*in“ aber ziemlich verändert. Die Leute sind nicht mehr so politisch heutzutage, auch wir GRÜNEN im Nordend haben ein gewisses Nachwuchsproblem.  

 

Ich sehe das an meiner Tochter, die jetzt 30 ist und an ihren Freunden. Die sind nicht unpolitisch. Aber sie sind nicht parteipolitisch. Ich glaube, das liegt daran, dass sie versuchen müssen, erst einmal, ihr eigenes Leben zu ordnen. Da ist eine Parteikarriere nicht unbedingt primär. Aber Gedanken machen sich die Leute schon. Wir haben ja viele treue GRÜNEN-Wähler*innen, gerade hier im Nordend. Was das soziale Milieu angeht, da merkt man vor allem im westlichen Nordend, wie sich die Struktur verändert hat. Hier gibt es diese gewisse Nordend-West-Szenerie der jungen, aufstrebenden, gutverdienenden Mittelschicht, die mit SUVs ihre Kinder zum Kinderladen bringen und danach beim „basic“ einkaufen. Oder die Mütter schieben ihre Kinderwagen nebeneinander über die oft nicht so breiten Gehsteige und man kommt kaum noch vorbei. 

 

Seit 1982 bist du Mitglied der GRÜNEN – wie kam das damals, dass du politisch aktiv geworden bist?

 

Ich bin nicht da politisch geworden, sondern schon seit 1967 politisch aktiv. 1969 bin ich nach Frankfurt gekommen und habe hauptsächlich Stadtteilarbeit gemacht – es gab schon eine Nordend-Stadtteilgruppe, klarerweise nicht von den GRÜNEN. Dann habe ich mich mit Jugendarbeit beschäftigt, bei der taz mitgearbeitet und darüber bin ich in den Kontakt mit den Frankfurter GRÜNEN gekommen, weil ich über die berichtet hatte. Zwischen der Entwicklung der GRÜNEN und der taz gab es viele Parallelen, überall traf man die gleichen Leute.  Es gab eine starke politische Bewegung und die GRÜNEN sollten die parlamentarische Umsetzung dieser Bewegung sein. Ich habe die GRÜNEN zu Beginn mehr beobachtend erlebt. Das war nicht immer nur freundschaftlich (lacht). Am Anfang war ich sehr skeptisch gegenüber der Parteiarbeit. Zu der Zeit konnte ich mir das für mich gar nicht vorstellen. Aber dann kam die Kommunalwahl, bei der die GRÜNEN nicht nur als Partei kandidieren wollten, sondern das politische Frankfurter Spektrum dazu holen wollte, also die Undogmatische Linke. Auf der Liste fürs Stadtparlament standen daher auch Daniel Cohn-Bendit und ich. Wir haben uns dann allerdings mit den GRÜNEN darüber gestritten, ob die K-Gruppen auch vertreten sein sollten. Da die GRÜNEN das damals ablehnten, haben wir uns wieder von der Liste streichen lassen. Aber da hatte ich sozusagen Blut geleckt: Ich bin bei den GRÜNEN geblieben und habe schließlich für die Landtagsliste kandidiert. Zu diesem Zeitpunkt bin ich auch Mitglied geworden.

 

…und dann auch in den ersten Landtag eingezogen.

 

Ja, aber als Nachrücker. 

 

Du hast ja so ziemlich alle Gremien kennengelernt, Landtag, Stadtparlament, du warst auch mal Kreisvorstandssprecher der GRÜNEN.

 

Erst war ich nur als Beisitzer im Kreisvorstand, da bin ich irgendwann allerdings aus familiären Gründen ausgestiegen. 1993/94 bin ich dann Vorstandssprecher der Frankfurter GRÜNEN gewesen, gemeinsam mit Regine Walch. Über einige Dinge habe ich mich zu dieser Zeit sehr geärgert, mich in der Folge ein bisschen von den GRÜNEN zurückgezogen und meine Mitgliedschaft einige Jahre ruhen lassen. Es war Tarek Al-Wazir, der mich damals motivierte, wieder einzusteigen.

Dann habe ich mich auf Stadtteilebene engagiert und habe bei der Kommunalwahl 2006 für den Ortsbeirat kandidiert.

 

Momentan befinden sich die GRÜNEN ja sozusagen im „Höhenflug“. Wie beurteilst du die Entwicklung der Partei insgesamt? 

 

Was ich sympathisch finde, ist, dass man nicht mehr so rigoros sagt, was richtig und falsch ist. Dass man nachdenklicher über die Möglichkeiten geworden ist, aber auch über das, was andere sagen, mehr zuhört. 

 

Gab es ein besonders kurioses Erlebnis während deiner politischen Zeit?

 

Na ja, bekanntlich sind wir ja für eine Entkriminalisierung von Marihuana und früher waren dem Kraut selbst auch nicht immer abgeneigt. Ich erinnere mich an eine Koalitionssitzung in Wiesbaden, bei der mindestens die Hälfte von unserer Seite relativ bekifft gewesen ist. Auf die Regierungsarbeit hat sich das aber nicht negativ ausgewirkt hat (lacht)

 

Wo hattest du das Gefühl, am meisten bewegen zu können?

 

In der Landtagsgruppe damals hatten wir natürlich das Gefühl, unheimlich viel zu bewegen. Wir hatten uns ja auf das Spiel mit der SPD eingelassen, was damals mindestens als genauso schlimm angesehen wurde wie später mit der CDU. Aber wir konnten seinerzeit erste Impulse für den Ausstieg aus der Atomkraft setzen. Auf der anderen Seite kann man auch hier im Stadtteil viel bewirken, es geht zwar um kleinere Dinge wie Fahrradständer - die Möglichkeit der Einflussnahme ist aber viel direkter als auf Landtagsebene.

 

Wo siehst du die Hauptschwerpunkte für die Ortsbeiratsarbeit in den nächsten Jahren?

 

Es gibt viel zu tun. Leider haben wir als Ortsbeirat in der Wohnungsfrage wenig rechtliche Möglichkeiten, selbst etwas zu ändern. Wir können immer nur an die zuständigen Gremien appellieren. Aktuell hoffen wir auf die erste Stellschraube der Milieuschutzsatzung und dass das Zweckentfremdungsverbot durch die schwarz-grüne Koalition wieder eingeführt werden wird, so dass die Entwicklung zumindest verlangsamt werden kann.

Die Wiedereinführung des Zweckentfremdungsverbots hat zu meinem Entsetzen keinen Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Für mich ist für mich aber ein äußerst schwerwiegender Negativpunkt. 

Etwas mehr Spielraum haben wir in der Verkehrsfrage. Das wird eine der Hauptaufgaben in diesem Stadtteil werden. Der Stadtteil geht kaputt am Verkehr. 

 

Über die Campusmeile wird gerade nachgedacht. Wir haben ja im Nordend sehr viele Hauptverkehrsstraßen, die teilweise auch trennend im Stadtteil wirken. Welche Möglichkeiten siehst du, den Lebensraum anders zu gestalten? 

 

Eine Temporeduzierung müssen wir auf jeden Fall haben, aber wichtig wäre eine Verkehrsreduzierung. In zehn Jahren wird es hier ganz anders aussehen müssen. Wir werden weniger Autos hier haben, bessere Möglichkeiten für das Zu-Fuß-Gehen. Wir könnten die Bürgersteige verbreitern, wenn nicht alles zugeparkt wäre. Die Blechkisten nehmen so viel Lebensraum und stehen nur da. Das ist für mich unbegreiflich. Es ist nicht so, dass ich nicht Auto fahre, aber wo es geht, lasse ich es stehen. 

 

Das ist vermutlich eines der Dinge, die für dich künftig in Maintal eher schwierig werden dürften…

 

Ja, das stimmt. Hier kann ich runter auf die Straße gehe, um die Ecke ins Eiscafé zum Beispiel. In Maintal werden die Wege länger. Zum Glück ist aber nahezu alles mit Fahrrad zu erreichen und der Bahnhof nicht weit weg. Ich hoffe auf das von Tarek angekündigte Bürger*innenticket. 

 

Stichwort Freizeitkultur: Die ist im Nordend ambivalent – es gibt zwar viele gute Restaurants und Kneipen, aber wenn man sich abends treffen möchte, ohne gleich viel Geld auszugeben, hat man es eher schwer. Die „Partyszene“ auf dem Friedberger Platz und dem Matthias-Beltz-Platz führt immer wieder zu Konflikten mit den Anwohner*innen. Was siehst du hier für Möglichkeiten?

 

Wir brauchen mehr Begegnungsräume im Stadtteil. Das Nordend ist so dicht gebaut, dass die wenigen Plätze, an denen man sich überhaupt aufhalten kann, sofort überfüllt sind. Für mich ist das nicht mehr ganz so entscheidend, für die jüngeren Leute schon. Insgesamt fehlen im Nordend Angebote für Jugendliche, außer dem Jugendhaus Heideplatz gibt es für 14/15-jährige wenig Möglichkeiten. Das sieht in Bornheim oder Bockenheim besser aus. Es liegt aber auch an den Gegebenheiten im Stadtteil: Es gibt nur wenige Orte, an denen man überhaupt etwas aufbauen könnte -  zum Beispiel den Glauburgbunker – und dort hat man keinen Zugriff. Auch einer der Aufgaben im Ortsbeirat. 

Die Kneipen- und Restaurantszene hat sich hingegen wieder gut entwickelt, zum Beispiel im Oeder Weg. Das ist eine Sache, die in Maintal vermissen werde - um gut essen zu gehen, muss ich eher nach Frankfurt fahren. 

 

Was ist dein persönlicher Lieblingsort im Nordend?

 

Gibt es den überhaupt noch? Es gab immer schöne Kneipen, der Lieblingsort hat gewechselt. Den einen Lieblingsort gibt es nicht, außer vielleicht unser Wohnzimmer zuhause.

 

Ein Gedankenspiel: Der Magistrat gewährt dir als Abschiedsgeschenk einen Antrag, der sofort umgesetzt wird. Was soll darin stehen?

 

Ähm…(lacht). Also, mein Schwerpunkt ist ja, den Verkehr zu reduzieren, um die Lebensqualität zu stärken. Ich würde daher gern einen Antrag stellen, der darauf zielt, zumindest temporär die Einfahrt ins Nordend zu untersagen. Ganz einfach, um Leute zu hindern, mit dem Auto unsinnige Fahrten in die Stadt zu unternehmen. Wir hatten ja schon einmal einen Antrag, der für viel Aufregung gesorgt hatte, in dem wir erreichen wollten, dass man morgens zwischen 7 und 9 Uhr nicht mehr in den Oeder Weg einfahren kann. Das fände ich immer noch gut. Gerade dieses Gebiet ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln ja hervorragend angeschlossen. Natürlich müssen dann aber Park and Ride-Plätze ausgebaut werden, damit die Pendler aus ihren kleineren Orten überhaupt zur Haltestelle kommen. Die Leute müssen außerdem Anreize bekommen, ihr Auto stehen zu lassen und auf Bus und Bahn umzusteigen, zum Beispiel ein Jahr lang ein kostenloses RMV-Ticket.

 

Du warst immer ein sehr fleißiger Verfasser von Anträgen. Aber einen gibt es, bei dem hat es dich richtig geärgert, dass er abgelehnt wurde…

 

Ich war ja immer ein Verfechter der Überlegung, dass Tiefgaragen nicht grundsätzlich des Teufels sind, wenn – und jetzt kommt das große WENN – der Platz oben dafür von Autos freigeräumt wird. Wenn unten 100 Stellplätze entstehen, müssen oben 100 Parkplätze wegfallen. Und das haben wir bei der Glauburggarage nicht geschafft. Der Kompromiss war dann erst 70 und schlussendlich nur 30 Prozent Reduzierung. Das hat mich damals sehr geärgert. Auch technische Überlegungen, wie zum Beispiel automatische Tiefgaragen, wie es sie in München schon gibt, was das Parken für die Leute sicherer macht, weil sie oben bei Beleuchtung ihr Auto hinstellen und alles andere automatisch erfolgt, sind gar nicht weiterverfolgt worden. 

 

Sehr schade, das wäre wirklich eine gute Idee gewesen. In die Fraktion wird für dich ja Willi Pressmar nachrücken, wer den Fraktionsvorsitz übernehmen wird, ist noch offen. Was würdest du künftigen Nachfolger*innen für Arbeit im Ortsbeirat mit auf den Weg geben?

 

Eine gewisse Frustrationstoleranz – wobei man die eigentlich nicht sehr oft braucht. Was mir immer sehr gut gefallen hat, ist die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fraktionen. Klar gab es auch mal Streit, aber viele Dinge haben wir gemeinsam verabschiedet, viele Probleme sehen wir ähnlich. Das zu erleben, dass das Stadtteilinteresse letztlich über dem Partikularinteresse steht, das ist das Schöne an der Ortsbeiratsarbeit. 

 

Du trittst ja jetzt so ein bisschen in den Polit-Ruhestand. Was machst du dann eigentlich? Wird dir das GRÜNE Engagement nicht fehlen?

 

Das kann schon passieren. Aber ich bin ja nicht aus der Welt. Erstens habe ich mich nochmal breitschlagen lassen, den Geldeintreiber zu machen in der Stadteilgruppe, oder mehr Geldverwalter, dadurch bin ich ja noch sehr eng an die GRÜNEN im Nordend gebunden. Aber ich möchte mich auch bei den Maintaler GRÜNEN mal sehen lassen. Die haben nicht die Größenordnung der GRÜNEN im Nordend, es gibt nicht einmal Ortsbeiräte in Maintal. Aber ich kann vielleicht dazu beitragen, die politische Arbeit dort voranzubringen  - als alter Mensch mit (hoffentlich) frischen Ideen.

 

Jochen Vielhauer (geb. 1947) gehört den Frankfurter GRÜNEN – mit Unterbrechung – seit 1982 an. Er war Mitglied der ersten hessischen Landtagsfraktion und von 2011-2016 Stadtverordneter im Römer. Seit 2006 gehört er zur GRÜNEN Fraktion im Ortsbeirat 3, deren Vorsitzender er seit 2016 war. Beruflich war der Diplom-Soziologie erst in der Jugendarbeit tätig, bevor er Ende der 70er Jahre die taz mit aufbaute. Von 1979 bis 1982 war er hauptamtlicher Redakteur der taz Frankfurt, danach arbeitete er als freier Journalist. Bis heute schreibt er monatlich die Kolumne „Jovi meckert“ im STRANDGUT. In den 90er Jahren gründete er zudem eine PR-Agentur und EDV-Beratung, später IT-Firma. Jochen Vielhauer ist verheiratet und hat eine Tochter. 

 

Das Interview führte Heike Strobel



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