23.12.2018

(Fast) alle Männer sind Engel - Gastbeitrag von Helmut Seuffert

Im letzten Jahr hat es in Deutschland knapp 140.000 Opfer häuslicher Gewalt gegeben. Über 80 Prozent davon, also 109.000, waren Frauen. In 147 Fällen wurde eine Frau sogar von ihrem Partner oder Ex umgebracht. Sagt jedenfalls die Bundesfamilienministerin Giffey. Rechtzeitig vor Weihnachten. Als Warnung. Denn gerade an Weihnachten, dem Fest des Friedens und der Liebe, eskaliert die Stimmung in vielen Familien und Beziehungen. Also Achtung! Männer sind wohl doch keine Engel und schon allein deswegen sollten Sie sich davor hüten, die an den Weihnachtsbaum zu hängen. 

Aufgeschreckt von der ministeriellen schlechten Nachricht legen feministische Engel in den Kommentaren der Zeitungen nach. Ein Drittel der Frauen in Deutschland hatten mindestens einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt, erfährt die geneigte Leserin erschrocken, rechnet auf und rechnet ab und kommt leicht zum falschen Ergebnis: dann sind logischerweise auch ein Drittel aller Männer übergriffige Schweine. Und ruckzuck werden aus den Kerlen ein paar Abschnitte später ein Riesenproblem. Da sind es dann schon „Millionen von Männer“, die es “als ihr natürliches Recht ansehen, über Frauen zu verfügen“. So wie das dann in der Frankfurter Rundschau vom 24.11.2018 nachzulesen ist. Sie dagegen stehen ratlos unterm Weihnachtsbaum. Was nun tun mit den Engeln, die meistens männlich und daher übergriffig sind?

Nach den exakten Angaben der Ministerin, dass montags, donnerstags und sonntags jeweils eine Frau von ihrem Partner umgebracht wird, hatte dann auch niemand mehr unter den anwesenden Journalisten Lust, eine kritische Frage zu stellen und sich als Frauenhasser zu outen. Dabei hätte ein sachkundiger Blick in die Zahlen erheblichen Klärungsbedarf aufgeworfen. Nicht nur, dass in die Kategorie der frauenfeindlichen Delikte von Stalking über Bedrohung, von Zwangsprostitution bis zum Mord wie Äpfel und Birnen alles unterschiedslos hineingestopft worden ist. Damit man ansteigende Fallzahlen für Frauenübergriffe statistisch belegen konnte, hatte man auch noch im Vergleich zum Vorjahr ein paar Delikte zusätzlich reingepackt. Ohne dieses kleine Makeup hätte sich ein Rückgang abgezeichnet. 

Aber schlimmer noch. In der Statistik, die die Politikerin zitiert gibt es nämlich zu den 109.000 weiblichen Opfern nur 5.258 männliche Täter. 20 Opfer pro Täter? Nö. Waren Opfer mehrfach betroffen, wurden sie auch mehrfach gezählt. Die Täter dagegen nur einmal. Klar, nichts wird besser, wenn ein Mann seine Frau öfter oder regelmäßig schlägt. Aber mehr Opfer werden es damit auch nicht.   

Checken wir die Zahlen doch mal selbst. In Deutschland leben etwas mehr als 40 Millionen Männer. Davon streichen wir 10 Millionen großzügig raus, weil sie zu alt oder zu jung für sexistische Schweinereien sind. Da bleiben 30 Millionen Exemplare übrig. Darunter gibt es die 5258 notorischen Wiederholungstäter. Also, liebe Frauen, das amtliche Endergebnis aus den Daten der Familienministerin: in 99,98% der Fälle lebt ihr in einer Beziehung mit einem Mann, der mit frauenverachtender Gewalt nichts am Hut hat. Er ist nicht tatverdächtig. Er ist schlicht unschuldig. Das ist doch mal eine echt gute Nachricht. Aber wen interessiert die schon?

Damit Sie mich nicht falsch verstehen. Frauenfeindlichkeit, dumme Sprüche, Gewalt gegen Frauen und andere Menschen, das ist widerlich. Das geht gar nicht. Aber Statistiken aufhübschen ist eben auch eine Art von Missbrauch. Auch das ist widerlich. 

Also nehmen Sie nun einfach ihre Engel, vollkommen egal welches Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung oder Flügelgröße haben und schmücken Sie ihren Weihnachtsbaum, oder was immer Sie schmücken wollen. 




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