16.12.2018

Organspende - eine lebenswichtige Entscheidung!

Wie ist die Organspende in Deutschland geregelt?

 

In Deutschland gilt seit 01. Dezember 1997 das sogenannte Transplantationsgesetz. Danach kann jede*r bestimmte Organe und Gewebe spenden. Altersgrenzen gibt es dabei nur insoweit, als dass bis zum 14. Lebensjahr allein die Eltern über die Organspende bestimmen. Mit 14 Jahren kann ein Kind der elterlichen Entscheidung widersprechen, ab 16 selbst entscheiden, ob es Organe spenden möchte. Eine Spende ist bis ins hohe Alter möglich, lediglich für Bänder und Sehnen sowie für Hauttransplantationen gilt eine Altersgrenze von 65 bzw. 75 Jahren. 

 

Eine Organspende ist unter zwei Voraussetzungen möglich: Erstens müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander den irreversiblen Hirntod des oder der Spender*in festgestellt haben. Der Herz-/Kreislaufstillstand darf dabei nicht vor dem Hirntod eingetreten sein (was selten der Fall ist!). Und zweitens muss der oder die Spendende einer Organentnahme zu Lebzeiten aktiv zugestimmt haben oder die Hinterbliebenen nachträglich einwilligen. 

In Deutschland gilt dabei die sogenannte „Entscheidungslösung“: Seit November 2012 werden alle Versicherten in regelmäßigen Abständen durch ihre Krankenkasse zum Thema Organspende angeschrieben. Grundsätzlich haben die Bürger*innen die Möglichkeit, die Informationen entweder zu ignorieren oder der Entnahme aller möglichen oder bestimmter Organe und Gewebeteile zuzustimmen, indem sie eine Patientenverfügung aufsetzen oder einen Organspenderausweis beantragen. Ob und wie sie sich entscheiden wird dabei in keinem zentralen Register festgehalten. Letzteres bedeutet für Spendenwillige, dass es unabdingbar ist, die Patientenverfügung an einem sicheren und für Dritte zugänglichen Ort zu hinterlegen oder den Organspenderausweis möglichst ständig mit sich zu führen. 

 

 

Wie hoch ist die Spendenbereitschaft?

 

Leider nicht sehr hoch: Vor allem in den letzten Jahren sank die Bereitschaft zur Organspende kontinuierlich und erreichte 2017 mit nur 797 Spender*innen den absoluten Tiefpunkt. Demgegenüber stehen über 10.000 Menschen, die aktuell auf ein Spenderorgan warten! Die Gründe für die mangelnde Spendenbereitschaft sind komplex: Viele Menschen fühlen sich unzureichend informiert und haben Angst, dass Ärzt*innen im Ernstfall weniger Energie in lebenserhaltende Maßnahmen investieren. Viele möchten sich mit der Frage nicht auseinandersetzen, haben einfach noch nie darüber nachgedacht oder sind schlicht zu bequem dazu, aktiv zu werden. Vor allem letzteres lässt sich aus dem Umstand ableiten, dass zwar 84 Prozent der Bürger*innen einer Organspende grundsätzlich positiv gegenüberstehen, jedoch nur 39 Prozent einen Spenderausweis besitzen.

 

 

Wie sieht die Regelung in anderen europäischen Ländern aus?

 

Derzeit werden von den europäischen Ländern drei mögliche Regelungen zum Umgang mit der Zustimmung praktiziert:

 

Die (erweiterte) Zustimmungslösungbesagt, dass jede*r Spendende zu Lebzeiten einer Organentnahme aktiv zustimmen muss bzw. dies die Hinterbliebenen nachholen müssen, damit eine Organspende möglich ist. Diese Regelung gilt in Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz.

 

Die Widerspruchslösungbedeutet hingegen, dass jede*r automatisch Organspender ist, wenn er oder sie einer Entnahme nicht aktiv widerspricht. Diese Lösung praktizieren die meisten europäischen Länder, nämlich derzeit. Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Türkei, Ungarn und Zypern. In Belgien, Estland, Finnland, Litauen und Norwegen haben zudem die Angehörigen die Möglichkeit, posthum Widerspruch einzulegen.

 

In Deutschland gilt die „Entscheidungslösung“, die im Prinzip zwar ebenfalls eine Zustimmungslösung ist, aber mehr als diese darauf gerichtet ist, die Bürger*innen regelmäßig mit der Frage nach einer Organspende zu konfrontieren und so eine aktive Entscheidung für oder gegen die Spende zu erzielen.

 

 

Was spricht für und was gegen eine Änderung der „Entscheidungslösung“?

 

Vor allem die erschreckende Statistik der DGO aus dem Jahr 2017 hat dazu geführt, dass in den letzten Wochen und Monaten der Diskurs um eine mögliche Änderung der „Entscheidungslösung“ geführt wurde. Am 28. November fand dazu im Bundestag eine Orientierungsdebatte statt, bei der unterschiedliche Ansätze vertreten wurden: 

Ein Teil der Abgeordneten sprach sich dafür aus, dass sich alle Bürger*innen zumindest einmal im Leben verbindlich dazu äußern müssen, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Dies zieht jedoch erheblichen Verwaltungsaufwand nach sich und wie soll die Abgabe der Erklärung nachgehalten bzw. ihre Nichtabgabe sanktioniert werden? Eine andere Lösung sieht die Einführung der (erweiterten) Widerspruchslösung auch in Deutschland vor. Kritiker sehen darin (wie auch in der verbindlichen Erklärung) eine erhebliche Einschränkung der informationellen Selbstbestimmung und monieren die fehlende Möglichkeit, sich der Frage zu enthalten. 

 

Ob und wie die derzeitige Regelung geändert wird, darüber soll im kommenden Jahr entschieden werden.

 

 

Was schlagen wir GRÜNEN vor?

 

Kern jeder gesetzlichen Lösung muss unser Grundgesetz sein, genauer gesagt die Menschenwürde. Dieses umfasst das Recht auf Freiheit und körperliche Unversehrtheit, niemand darf zum zweckgebundenen Objekt herabgewürdigt werden, auch nicht aus Solidaritätsgesichtspunkten. Die Persönlichkeitsrechte gelten nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach dem Tod. Schon allein unter diesem Gesichtspunkt ist eine Widerspruchslösung nicht denkbar: Ein Gesetz, das an das Nichthandeln eine Rechtsfolge knüpft, in diesem Fall einen schwerwiegenden Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, macht den Menschen zum Objekt. Denn Schweigen, so die GRÜNE Bundestagsabgeordnete Katja Keul, heißt nicht per se Zustimmung, sondern kann auch bedeuten, dass man sich mit dem Thema gar nicht befasst hat. Eine Spende, darauf verweist ihre Fraktionskollegin Sylvia Kotting-Uhl, kann außerdem per se immer nur durch freiwillige Entscheidung erfolgen. 

 

Wir GRÜNE befürworten daher im Ergebnis die Beibehaltung der jetzigen Lösung unter Schaffung einer größeren Verbindlichkeit. So schlägt unsere Bundessprecherin Annalena Bearbock vor, die Bürgerinnen und Bürger künftig bei der Beantragung eines Personalausweises verbindlich über ihre Spendenbereitschaft zu befragen und das Ergebnis in einem zentralen Melderegister festzuhalten. Dr. Kirsten Kappert-Gonther, die sich nicht nur als Mitglied des Bundestages, sondern auch als Ärztin mit der Frage auseinandergesetzt hat, verweist auf den „Dreiklang von Struktur, Ausbildung und Freiwilligkeit“: Es gelte, zum einen die strukturellen Voraussetzungen in den Krankenhäusern zu verbessern, etwa potentielle Spenderorgane zuverlässiger zu identifizieren, das Thema Organspende fundierter in der medizinischen Ausbildung zu verankern und die Spendenbereitschaft durch gezieltere und umfassendere Informationen zu stärken. 

 

Die Reden von Sylvia Kotting-Uhl, Katja Keul, Annalena Baerbock und Dr. Kirsten Kappert-Gonther bei der Debatte am 28.11.2018 könnt ihr hiernachlesen.

 

 

Wo erhaltet ihr einen Organspenderausweis und weitere Informationen?

 

Umfassend informieren könnt ihr euch auf der Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA). Unter www.organspende-info.de könnt ihr euren Organspenderausweis kostenlos bestellen, oder gleich als PDF herunterladen und selbst ausdrucken. Den ausgefüllten Ausweis solltet ihr am besten im Geldbeutel immer bei euch tragen. Telefonische Auskünfte erhaltet ihr montags bis freitags von 09.00 – 18.00 Uhr unter der kostenfreien Rufnummer 0800- 90 40 400. Oder ihr stellt eure Fragen per Mail an infotelefon(at)organspende.de

 

Auch bei eurer Krankenkasse erhaltet ihr Informationen und das Ausweisdokument. Noch nicht erhältlich ist der Spenderausweis dagegen beim Bürgeramt der Stadt Frankfurt – dies könnte sich aber, wenn der Vorschlag von Annalena Baerbock Zustimmung findet, bald ändern. 

 

Nochmals: Weder die Bundeszentrale noch die Krankenkasse dokumentieren bzw. speichern eure Entscheidung – ihr könnt euch also jederzeit „umentscheiden“, indem ihr den Ausweis einfach vernichtet oder entsorgt. 

 

Ob ihr Organe spendet oder nicht, ist damit allein eure Entscheidung – eine Entscheidung, die aber im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig ist!



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