12.05.2018

„Wir wollten beweisen: Es ist machbar!“ - Claudia Schäfer von „cup2gether“ im Interview

Foto: privat

Dass man Plastik vermeiden sollte, wo es geht, scheint zum Glück endlich in der Gesellschaft angekommen zu sein. Supermärkte verbannen Plastiktüten, im Nordend gibt es einen „Unverpackt-Laden“, auf der Berger die auch von „Lust auf besser Leben“ initiierten Taschenstationen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Pfandbechersystem für Coffee-To-Go-Becher einzuführen? 

 

Wir trinken privat viel Kaffee, auch To-Go. Morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee genießen, hat für mich etwas Gemütliches. Aber nachdem ich erfahren habe, dass allein in Frankfurt 25 Millionen Becher pro Jahr im Müll landen, war es mit dem Genuss vorbei. Also haben wir mit Freunden überlegt, wie man das Dilemma lösen kann. Wir wollten ein Konzept entwickeln, das nicht nur die Cafés, sondern auch die Konsument*innen und die Stadt einbindet – solidarisch für weniger Müll. So entstand die Idee mit dem Mehrweg-Pfandsystem. Damit bin ich zur GRÜNEN Umweltdezernentin Rosemarie Heilig gegangen. Sie war zu diesem Zeitpunkt skeptisch, ob sich das in Frankfurt tatsächlich umsetzen lässt. Zudem war das Budget bis 2019 bereits verplant. Aber sie hat mich mit Marlene Haas, der Gründerin von „Lust auf besser Leben“, zusammengebracht. Das hat perfekt gepasst – Marlene arbeitet im Nachhaltigkeitsbereich, ich komme aus der Kommunikations- und Werbebranche und eine dritte Mitstreiterin konnte über ihren Job Kontakte zu den Cafés herstellen. Außerdem ist unser „Kiez“ – damit meine ich Bornheim, Nordend und das Ostend – der perfekte Nährboden, um neue Ideen auszuprobieren. Gemeinsam haben wir die Initiative „cup2gether“ entwickelt, eine Community aufgebaut und über social media Mitstreiter*innen gesucht, um damit auch der Stadt und allen Bürger*innen zu beweisen: Es ist machbar!

  

Gab es schon Vorbilder aus anderen Städten, an denen Ihr euch orientieren konntet?

 

Ja, es gibt bereits Vorbilder. Freiburg zum Beispiel hat während einer Aktionswoche der Müllentsorgung für 14 Tage ein Pfandbechersystem getestet. Das hat eingeschlagen wie eine Bombe, die Becher waren sofort weg. Freiburg tickt allerdings anders als Frankfurt: Dort gibt es viele Studierende, die Stadt ist kleiner und hat nicht so viel Pendler*innen und Geschäftsreisende wie Frankfurt. In Frankfurt müssen wir daher in ganz anderen Dimensionen denken. Das setzt auch andere finanzielle Mittel voraus. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es hier Stiftungen und große Arbeitgeber gibt, die sich gerne finanziell beteiligen. In Hannover, wo es ebenfalls ein sehr gut funktionierendes Pfandbechersystem gibt, ist Hannover 96 einer der Hauptsponsoren. Mittlerweile gibt es dort über 100.000 Coffee-To-Go-Becher. Ein wichtiger Punkt ist allerdings das Material, aus dem die Mehrwegbecher bestehen: Während Hannover ebenfalls auf Bio-Becher setzt, bestehen die Becher in anderen Städten teilweise aus Plastik. 

 

…was bei „cup2gether“ nicht der Fall ist?

 

Eines stand von Anfang an fest: Um nicht noch mehr Müll zu produzieren, wollten wir Becher, die aus biologisch abbaubarem Material bestehen. Dazu haben wir viel recherchiert und 7-8 Becher aus unterschiedlichen Materialien getestet. Die Becher, für die wir uns letztlich entschieden haben, bestehen aus Baumharz. Nur der Deckel ist aus Silikon – noch. Wir sind optimistisch, dass sich das in Kürze ändert, denn der Hersteller, die Firma „Nowaste“, entwickelt aktuell ein Verfahren, auch die Deckel aus Baumharz zu fertigen. Schön ist, dass „Nowaste“ neben ihrem Hauptsitz in Hanau auch ein Büro in Bornheim hat. Damit ist ein enger Kontakt möglich.

 

Wie lange hat es insgesamt gedauert, bis aus einer tollen Idee ein testreifes Konzept wurde und „cup2gether“ starten konnte? Und wie sah diese „Vorbereitungsphase“ aus?

 

Angefangen mit den ersten Überlegungen haben wir im Winter 2016/17. Unser „Kernteam“ besteht aus 5-6 Leuten, daneben suchen wir aktuell noch ehrenamtliche Mitstreiter*innen aus verschiedenen Fachrichtungen. Nachdem wir zu den bereits bestehenden Projekten in anderen Städten recherchiert haben, waren uns ein paar Dinge sehr schnell klar: Weil die meisten Leute ihren Kaffee innerhalb der Stadt trinken, bringt es beispielsweise nichts, eine Aktion stadtübergreifend zu planen. Stattdessen muss man verschiedene Akteure innerhalb der Stadt zusammenbringen. Denn – auch das erkannten wir sehr schnell: Für ein kleines Unternehmen allein ist die Produktion und Logistik einfach zu teuer. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben wir unser Konzept entwickelt. Gefördert durch den Fonds für Nachhaltigkeitskultur, die Deutsche Postcode Lotterie und das Wirtschaftsdezernat der Stadt Frankfurt konnten wir dann endlich die Pilotphase starten: ein 100 Tage-Testpfandsystem. 

 

Die Testphase startete im April, nachdem Ihr im Februar und März zunächst Menschen gesucht habt, die „cup2gether“ unterstützen wollen. Was ist euer Fazit nach dem Ende der Pilotphase?

 

Zu Anfang der Pilotphase, die wir als „Challenge“ bezeichnet haben, wussten wir überhaupt nicht, wie gut die Idee funktioniert und angenommen wird. Ziel dieser ersten Phase war es, mindestens 20 Cafés und mindestens 100 „Becherbotschafter*innen“, also Menschen, die bei Events und auf der Straße für cup2gether werben wollten, zu gewinnen. Und als der Stein ins Rollen gekommen war, fanden wir immer mehr Unterstützer, die unsere „Challenge“ tatkräftig unterstützt haben: Ehrenamtliche Becherbotschafter*innen haben Aufklärungsarbeit in ihrem Umfeld geleistet und Cafés begeistert, die FES hat Mülleimer entlang der Berger Straße mit Infos zu Einweg- und Mehrwegbechern bedruckt, das Energiereferat hat die umweltfreundliche Logistik für das Pfandsystem mittels Lastenrad unterstützt. Das hat von Anfang an super funktioniert, wir sind von Anfragen förmlich überrannt worden. Viel früher als geplant – nämlich schon am 06. April - konnten wir daher das eigentliche Testsystem starten, mit 43 Cafés und 150 Becherbotschafter*innen. Bis Mitte Juli lief cup2gether im Pilotbetrieb. Klar haben wir an der einen oder anderen Stellschraube nachjustiert. Ein Problem war zum Beispiel die Schulung der Mitarbeiter*innen in den Cafés. Schichtbetrieb und auch Fluktuation bringt es mit sich, dass das Procedere immer wieder neu erklärt werden muss. Daher haben wir zwei kurze Erklär-Videos gedreht und an die Cafés verschickt. 

 

Mitte Juli endete der Testbetrieb. Wie geht es jetzt mit „cup2gether“ weiter?

 

Während der Testphase haben wir Umfragen in den Cafés gemacht und diese anschließend ausgewertet. Dabei gab es sowohl von den Betreiber*innen als auch von den Kund*innen viele positive Rückmeldungen. 100 Prozent der Tester*innen nutzen weniger Einwegbecher. Dass unsere Becher nicht aus Plastik bestehen, war den Teilnehmenden dabei sehr wichtig. Die Kund*innen mögen es, wenn sich ihr Stammcafé für Nachhaltigkeit und weniger Müll engagiert und die meisten wünschen sich, dass es cup2gether irgendwann in ganz Frankfurt gibt. Daher sind wir uns einig, dass das Projekt weiterführt werden muss. Nach den Sommerferien wollen wir „cup2gether campus“ starten: die Frankfurter Hochschulen ins Boot holen und unser Pfandbechersystem auch an der Goethe-Uni, der University of Applied Sciences und der Katholisch-Theologischen Hochschule St. Georgen einführen. Wer Coffee-To-Go trinkt und sich noch als Tester*in bewerben möchte, ist herzlich willkommen. 

 

Was allerdings noch eine Herausforderung ist, ist die Finanzierung für die Skalierung von cup2gether in andere Stadtteile. Die Spenden vom Pilotprojekt reichten nur bis Mai, sodass wir auf Unterstützung dringend angewiesen. Über die Unterstützung der GRÜNEN im Nordend freuen wir uns sehr. Jede Spende können wir gebrauchen. 

                                                                                                               

Vorausgesetzt, die Finanzierung klappt - habt Ihr vor, die Aktion über das Nordend und Bornheim hinaus auszudehnen und falls ja, in welche Stadtteile?

 

Nach dem Ende der Pilotphase haben wir auch die Laufwege der insgesamt 735 Tester*innen ausgewertet. Danach würde es Sinn machen, zunächst die anliegenden Stadtteile einzubinden, also die Innenstadt, das Ostend, auch Sachsenhausen und Oberrad und so das Projekt quasi aus der Mitte heraus wachsen zu lassen. Und irgendwann natürlich gerne stadtweit!

 

Abgesehen von finanzieller Bezuschussung – was wünscht ihr euch von der Stadtpolitik für euer Projekt? 

 

Wir würden uns freuen, wenn die Politik uns nicht nur finanziell, sondern auch ideell bei unserem Projekt unterstützt und sozusagen „Lobbyarbeit“ betreibt. Dass wir es – als Bürgerinnen und Bürger – geschafft haben, cup2gether bis hierhin umzusetzen, macht uns sehr stolz. Langfristig kann das Konzept aber nur gestemmt werden, wenn man es auf vier Schultern verteilt: Die Stadt, die Cafés, die Wirtschaft und die Bürgerinnen und Bürger. Je breiter die Community, desto besser, denn Müllvermeidung geht uns alle an. 

 

 

 

Mit dem Erlös der diesjährigen Tombola auf dem Rotlintstraßenfest wollen wir „cup2gether“ unterstützen. Wenn Ihr darüber hinaus – privat oder mit Eurer Firma – Sponsoren für „cup2gether“ werden wollt, dann meldet euch bitte unter besserbechern(at)cup2gether.de

 

Mit einem Antrag, den wir am kommenden Donnerstag einbringen werden,  wollen wir GRÜNE im Ortsbeirat 3 erreichen, dass cup2gether von der Stadt weiter unterstützt und ausgebaut wird!

 



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URL:http://www.gruene-nordend.de/willkommen/expand/688473/nc/1/dn/1/