24.07.2016

Was ist gerecht? Teil 4: Arbeitswelt 4.0 – Die Folgen der Digitalisierung

Arbeit 4.0: Immer schneller, immer länger...

Digitale Technik ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Mail, SMS, Whatsapp, Telefon – von überall und jeder Tageszeit können wir kommunizieren, Formulare ausfüllen, Unterlagen verschicken – ohne das Geschriebene erst in einen Umschlag stecken, frankieren und warten zu müssen, bis die Post ihren Empfänger auch erreicht hat. Immer unkomplizierter und immer schneller gestalten sich unsere Kommunikationswege. Aber damit steigen auch die Erwartungen an unser Gegenüber. Als Kunden geben wir uns nicht mehr damit zufrieden, drei Tage nach unserer Mailanfrage ein Schreiben in unserem Briefkasten vorzufinden. Wir erwarten eine Mail oder einen Anruf – und das möglichst umgehend. Am Arbeitsplatz, wenn wir selbst Dienstleister sind, sehen wir uns mit den gleichen Erwartungen anderer Kunden konfrontiert. Immer schneller müssen wir unsere Arbeit erledigen. Und immer häufiger müssen wir auch abends und am Wochenende arbeiten.

Letzteres zieht eine Spirale nach sich: Sitzen wir länger im Büro, müssen auch die Reinigung, die Autowerkstatt, die Steuerberatungskanzlei und der Supermarkt länger öffnen, damit wir nach Feierabend noch unseren Alltag managen können.

Wenn unsere Arbeit immer mehr Raum in unserem Leben einnimmt, wo bleibt die Zeit für Familie, Freunde, Hobbies und – nicht zuletzt – für soziales und gesellschaftliches Engagement?

"Fast-Food-Kultur" am Arbeitsplatz

Die Digitalisierung bringt es aber auch mit sich, dass für bestimmte Tätigkeiten gar keine Menschen mehr gebraucht werden. Längst hat der Geldautomat den Mitarbeiter am Bankschalter verdrängt. Mein Versicherungsschaden wird vollautomatisch reguliert. Und wer geht noch ins Reisebüro, um seinen Urlaub zu buchen? Oder in den Buchladen, um ein Buch zu kaufen?

Die Arbeitgeber reagieren darauf mit Rationalisierungsmaßnahmen. Immer mehr Arbeit soll immer schneller durch immer weniger Mitarbeiter erledigt werden. Es entsteht eine „Fastfood-Kultur“ auch in anderen Bereichen (siehe George Ritzer, Die McDonaldisierung der Gesellschaft): Um Arbeit schnell und effizient zu erledigen, zerfällt der Arbeitsprozess in rationalisierte, genau getaktete und bis ins Kleinste geplante und vorgegebene Arbeitsschritte. Die Mitarbeiter haben keinen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum mehr, sondern führen das Vorgegebene nur noch aus. Viele reagieren darauf mit Entfremdung – Depressionen (z.B. „Burn Out“) können die Folge sein.

Durch Automatisierung verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen

Vor allem einfache, ausführende Tätigkeiten werden zunehmend durch Computer ersetzt. Die Mitarbeiter, die weiterhin gebraucht werden, sollen zwar möglichst gut qualifiziert sein, dabei jedoch wenig kosten und leicht zu ersetzen sein. Eine unbefristete Festanstellung ist (fast) so selten wie ein Lottogewinn. Immer weniger Akademiker*innen finden eine Arbeit, die ihrem Bildungsabschluss entspricht und drängen daher in Bereiche, die früher Nichtstudierten vorbehalten waren. Abiturient*innen verdrängen Schulabgänger*innen mit Haupt- oder Realschulabschluss. Digitalisierung und Globalisierung bewirken, dass Firmenstandorte in strukturschwache Gebiete oder gleich ins Ausland verlagert werden. Die Folge: Arbeitgeber haben die Macht, Arbeitsbedingungen zu diktieren. Arbeitnehmer*innen müssen sich immer billiger verkaufen. Immer mehr Berufstätige können allein von ihrem Gehalt nicht leben und sind zusätzlich auf staatliche Leistungen angewiesen. Wer nicht ausreichend qualifiziert ist, hat das Nachsehen. Und obwohl wir aufgrund der demographischen Entwicklung immer später in Rente gehen können und damit immer länger arbeiten müssen, gelten wir spätestens mit 45 als (zu) alt auf dem Arbeitsmarkt.

Digitalisierung sozial gerecht gestalten

Klar ist: Das Rad der Zeit können wir nicht zurückdrehen. Und letztlich hat die Digitalisierung auch ihre guten Seiten, gerade in ökologischer Hinsicht.

Aber sie muss sozial gerecht gestaltet werden. Menschen, die infolge digitaler Rationalisierungsprozesse ihre Arbeit verlieren, müssen eine berufliche Perspektive erhalten, egal, welchen Bildungsabschluss sie haben und wie alt sie sind. Politik muss die Voraussetzungen für lebenslanges Lernen schaffen.

Die gesetzlichen Grundlagen müssen so gestaltet sein, dass Arbeitsschutzvorschriften durch die Digitalisierung nicht gefährdet werden und der Kündigungsschutz nicht unterlaufen wird.

Wer arbeitet, soll in der Lage sein, von seinem Verdienst ein normales Leben zu führen. Dazu ist es erforderlich, Mindestlohnregelungen weiter auszubauen, die Geltungsbereiche von Tarifverträgen zu erweitern und Minijoblösungen einzudämmen.

Die Arbeitswelt 4.0 – sie wird flexibel, vielfältig, global, schnell und digital werden. Wir GRÜNE werden uns dafür einsetzen, dass sie auch eine sozial gerechte Arbeitswelt wird.

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